Oswald: "Niemandem tut es weh, zwei Stunden länger zu arbeiten."

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Verpackungskonzern
08/30/2016

Mondi-Chef: "Ich fordere Arbeitszeitverlängerung"

Mondi-Chef Peter Oswald über Kanzler-Ideen, ökologischen Wahnsinn und Work-Life-Balance.

von Martina Salomon

Top-Manager Peter Oswald ist scharfer Kritiker der Ökostromförderung und nimmt sich auch sonst kein Blatt vor den Mund. Er kritisiert mangelnde Leistungsbereitschaft bei steigendem Anspruchsdenken.

KURIER: Das gedruckte Wort verliert in der digitalen Welt an Bedeutung. Trifft das einen Verpackungs- und Papierkonzern?

Peter Oswald: Wir sind in diesem Segment mit Kopierpapier vertreten – ein Markt, der ein bis zwei Prozent im Jahr rückläufig ist. Das ist aber nicht wirklich relevant für uns. Dinge, die man genauer liest, druckt man nach wie vor aus – was auch aus ökologischer Sicht besser ist.

Wirklich – wieso?

Wenn Sie etwas nur einmal überfliegen, dann reicht Lesen am Computer. Wenn Sie es aber genauer lesen und zwei bis drei Mal aufrufen, dann kostet das Strom. Die Ökobilanz schaut dann für das Papier besser aus.

Welche Innovationen gibt es bei Verpackungen?

Das große Thema ist Gewichtsreduktion. Und unsere Kunden erwarten leichte Öffenbarkeit und Wiederverschließung – etwa bei Paketen aus dem Versandhandel. Unser Geschäft mit Amazon und anderen Online-Retailern explodiert förmlich.

Mondi produziert ja sogar elastische Folien für Babywindeln.

Wir haben den Bereich Kunststoffverpackung als Wachstumsfeld identifiziert. Aus dem Kunststoff-Foliengeschäft ist die Innovation der dehnbaren Verschluss-Folie entstanden. Darin sind wir Weltmarktführer.

Sie kritisieren die heimische Ökostromförderung. Warum?

In der Zellstoffproduktion trennen wir die Faser (aus der das Papier gemacht wird) vom Lignin. Diesen natürlichen Stoff verbrennen wir. Das ist klassische Biomasse und wird in ganz Europa außer Österreich gefördert. Bei uns hat sich die Landwirtschaftslobby durchgesetzt, dass die Papierindustrie die Förderung nicht bekommt – da geht es für Mondi um 25 Millionen Euro pro Jahr. Gleichzeitig wird mehr und mehr Holz verbrannt, was den Rohstoff verteuert. Wegen der exzessiven Förderung ist Österreich, obwohl ein Holzland, weltweit in absoluten Zahlen der zweitgrößte Holzimporteur nach China. Das ist auch ökologisch ein Wahnsinn. Unser Holz kommt nicht nur aus Bulgarien oder Rumänien, sondern sogar aus Venezuela.

Das operative Geschäft außerhalb Afrikas wird von Wien aus geleitet. Mondi ist weltweit in 30 Ländern aktiv, wieso bleibt man an einem Standort wie Österreich mit einer so hohen Abgabenquote?

Es ist historisch gewachsen. Die südafrikanische Gruppe Mondi hat seinerzeit die Unternehmen Frantschach und Neusiedler gekauft. Von Wien aus haben wir nach Zentral- und Osteuropa expandiert. Wir sitzen hier als Holding für einen Großteil des Konzerns. Für die Papierindustrie ist Österreich ein schlechter Standort, daher machen wir da nur noch Ersatzinvestitionen. In das Verpackungswerk Korneuburg hingegen investieren wir zum Beispiel gerade 30 Millionen in drei Jahren. Dort erzeugen wir Kunststoffbeutel. Da ist Österreich aufgrund des guten Managements und des Know-hows trotz des Steuernachteils attraktiv.

Wie schaut die heimische Produktivität im internationalen Vergleich aus?

Österreichische Unternehmen sind immer top in diesem Bereich.

Und der Ausbildungsstand?

Österreich ist gut, aber die meisten unserer osteuropäischen Standorte, etwa Polen mit 13 Werken, haben im letzten Jahrzehnt extrem aufgeholt.

Vor einem Jahr haben Sie im KURIER-Gespräch Forderungen an die Politik gestellt: Erhöhung des Pensionsantrittsalters, gekoppelt an die Lebenserwartung, Verwaltungskosten senken, Schulreform. Ist etwas weitergegangen?

Nein. Das Thema Staatsquote bzw. Verwaltungskostensenkung ist ja sogar verschwunden. Wir müssen konsequent administrative Abläufe digitalisieren, also eine Art "Öffentliche Verwaltung 4.0" schaffen. Aber wir reden über neue Belastungen, etwa Maschinensteuer und Arbeitszeitverkürzung, bei vollem Lohnausgleich.

Davon halten Sie wahrscheinlich nichts.

Der Grundgedanke der Wertschöpfungsabgabe ist nicht falsch: den Faktor Arbeit zu entlasten. Aber sie darf nicht zu einer Innovationssteuer werden. Wenn ich in Polen für die Roboter-Anschaffung eine Förderung bekomme und in Österreich extra Steuer zahlen muss, dann ergibt das ein großes Minus für den Standort Österreich.

Arbeitszeitverkürzung bei vollem Lohnausgleich?

Wenn man hart nachdenkt, wie man der österreichischen Wirtschaft schaden kann, dann sollte man diesen Weg gehen. Arbeitszeitverkürzung würde unsere internationale Wettbewerbsfähigkeit extrem beeinträchtigen. Ich fordere – im Gegenteil – eine Arbeitszeitverlängerung à la Schweiz: Niemandem tut es weh, zwei Stunden länger zu arbeiten. Unsere Wettbewerbsfähigkeit würde steigen, und neue Arbeitsplätze würden geschaffen werden.

Aber All-in-Verträge und damit Mehrarbeit nehmen doch zu?

Vor allem die junge Generation legt großen Wert auf Life-Work-Balance. Die Leute wollen mehr Freizeit haben, Teilzeit ist ein Riesen-Thema. Das ist auch für unsere Büro-Organisation eine Herausforderung. Meine Generation war viel hungriger, kommt mir vor.

Am vorher erwähnten frühen Pensionsantritt sind auch Firmen schuld, die ältere Mitarbeiter in die Pension drängen.

Man müsste die Gehaltskurve abflachen und insgesamt flexibler sein. Die Spitze der Arbeitsleistung ist vielleicht nicht erst mit 64. Es sollte daher normal werden, in späteren Lebensjahren karriere- und gehaltsmäßig wieder zurückzuschrauben. Bei uns im Haus gibt es dazu positive Beispiele.

Warum sind Sie als OMV-Aufsichtsratschef ausgeschieden?

Der Zeitaufwand war wesentlich größer als erwartet. Wir haben viel bewegt, so sind zum Beispiel die bis dato sehr komfortablen Boni wesentlich erfolgsabhängiger geworden.

Hat die OMV vor Ihrer Zeit nicht viel zu wenig einkalkuliert, dass der Ölpreis auch einmal sinken kann?

Man kann niemandem vorwerfen, nicht vorherzusehen, dass der Ölpreis einmal auf 50 Dollar sinken könnte. Aber es gab eine sehr aggressive Expansionspolitik mit Projekten, die schon beim damaligen Ölpreis von 110 Dollar eine bescheidene Rentabilität zeigten.

Wie viel Schuld geben Sie der Politik am Stillstand in Österreich?

Ich glaube, wir haben – auch in den Medien – die Tendenz, Politiker überverantwortlich für alles zu machen. Vieles hat ja auch mit der Einstellung der Bevölkerung zu tun. Leider steigt das Anspruchsdenken immer stärker. Dafür kann die Politik nichts. Eine Gesellschaft, die dem Leistungsprinzip weniger Bedeutung beimisst, kann nicht jedes Jahr auf großartige Reallohnerhöhungen hoffen. Das ist ein Geben und Nehmen. Die Aktion "Mehr Mut statt Wut" (Kampagne der Werbewirtschaft IAA 2012) hat mir gut gefallen. Wir brauchen mehr Innovationsgeist, Mobilität, Eigenverantwortung und unternehmerischen Mut.

Muss man sich sorgen, dass die Leistungsbereiten weggehen?

Ja. Wovon wir aber enorm zehren, ist, dass der untere Mittelstand – die an der Maschine stehen oder die Buchhaltung machen – eigentlich einen sehr hohen Leistungswillen haben. Viele arbeiten, gehen dann auch noch nebenher pfuschen, bauen ihr Haus. Das trägt in diesem Land vieles mit.

CEO IN EINEM WELTKONZERN

Seit 2008 ist Peter Oswald (53) CEO von Mondi Europe & International. Im südafrikanisch-britischen Verpackungs- und Papierkonzern arbeitet er seit 1992. Das operative Geschäft außerhalb Afrikas wird von Wien aus geleitet. Die Mondi-Gruppe hat mehr als 100 Produktionsstätten in 30 Ländern mit rund 25.000 Mitarbeitern. Erzeugt werden u. a. Folien, Kunststoff- und Papierbeutel, Wellpappenrohpapiere, Wellpappeschachteln und -verarbeitung, Kraftpapiere, Industriesäcke, Beschichtungen und Büropapiere. 1990 stieg Mondi bei der österreichischen Papierfabrik „Neusiedler“ ein. Der Konzern ist mittlerweile in St. Gertraud bei Frantschach (Kärnten), Zeltweg (Stmk.), Grünburg (OÖ), Hilm sowie Korneuburg (NÖ) vertreten. Oswald war bis Mai auch Aufsichtsratspräsident der OMV, wo er harte Reformen einleitete.

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