Kurt Hofstädter: Die Bandbreite an Chancen ist groß.

© KURIER/Gilbert Novy

Industrie 4.0
03/13/2017

"Menschen und Roboter sind nötig"

Siemens sieht in der Digitalisierung Chancen für das Hochlohnland Österreich.

von Robert Kleedorfer

Der Leiter der Division Digital Factory CEE bei Siemens und Vorstandsvorsitzende des Vereins Industrie 4.0, Kurt Hofstädter, wird am Mittwoch beim 23. qualityaustria Forum in Salzburg über Chancen und Risiken der Digitalisierung referieren. Im KURIER-Gespräch erörtert er vorab die wichtigsten Punkte.

KURIER: In welchem Zeitrahmen wird sich Industrie 4.0 durchsetzen?

Kurt Hofstädter:

Industrie 4.0 ist eigentlich ein Begriff aus der Hightech-Strategie der deutschen Regierung. Es geht dabei um die Realisierung des digitalen Unternehmens – und zwar entlang der gesamten Wertschöpfungskette vom Wareneingang bis zum -ausgang. Zukünftig werden Internet-basierte Technologien vermehrt in der Produktion eingesetzt. Der Prozess hat bereits begonnen. Bis hier flächendeckend durchgängige Lösungen umgesetzt werden, wird es noch zehn bis 20 Jahre dauern. Es ist keine Revolution, sondern eine Evolution.

Und wie?

Ausgangspunkt ist, dass der Marktdruck in Europas Industrie immer größer wird. Wir spüren u. a. die asiatische Konkurrenz. Hauptstoßrichtungen der Digitalisierung sind Flexibilität, time to market, also wie schnell ein Produkt auf den Markt gebracht werden kann, und drittens Energie- und Materialeffizienz.

Geben Sie ein Beispiel.

In meiner Jugend gab es pro Autohersteller rund drei Modelle. Alle acht Jahre kam ein neues. Heute gibt es ein Vielfaches mehr an Varianten und alle vier bis fünf Jahre neue Modelle. Der Käufer kann im Internet Komponenten bis hin zur Stoffnaht individuell zusammenstellen. Bei einer großen Fahrzeugserie sind im Durchschnitt nur eineinhalb Autos identisch. Braucht man das? Nicht unbedingt. Will man es? Ja. Und der, der das umsetzen kann, hat einen Marktvorteil.

Welche Branche ist da schon am weitesten?

Die Autoindustrie hat definitiv eine Vorreiterrolle. Siemens hat etwa für Maserati in Italien Software geliefert, die simuliert, wie sich die Änderungen am Fahrzeugdesign auf die Fertigung auswirken. So können die Anlagen und die Fertigungsprozesse bereits virtuell optimiert werden, bevor noch ein Fahrzeug produziert wurde. Wenn etwas nicht passt, wird das sofort aufgezeigt. Die Daten erhalten die Zulieferer digital, die danach ihre Produkte fertigen. Im Betrieb werden die Daten gesammelt und ausgewertet. So können auch drohende Gebrechen frühzeitig erkannt und verhindert werden.

Das behagt aber nicht allen Herstellern ...

Das ist klar. Das Thema IT-Sicherheit ist heikel, die Ängste teilweise berechtigt. Transparenz und Vertrauen sind nötig. Auch in der Produktion müssen sensitive Daten wie Rezepturen für Medikamente geschützt werden.

In welchen Bereichen wird aktuell bereits stark auf Digitalisierung gesetzt?

Die Biochemie und die Nahrungsmittelindustrie sind sehr weit. Bei der Schokoladeproduktion etwa kann jede Charge der verwendeten Milch bis zum Bauernhof rückverfolgt werden. Salzburg Milch, Agrana oder Stiegl Bier zählen zu unseren Kunden, aber auch zahlreiche Maschinenbauer. Digitalisierung hilft etwa im Rahmen von Rückholaktionen, die betroffene Charge rasch und zielgenau zu identifizieren und somit eine drohenden Schaden zu vermeiden.

Mit der Digitalisierung wird auch Jobabbau verbunden.

Die Digitalisierung wird gesellschaftliche Veränderungen mit sich bringen und dafür braucht es Regulative. Der Mensch hat etwa den Vorteil, kreative Bewegungen exakter ausführen zu können. Roboter hingegen können Gewicht besser heben. Menschen und Roboter sind nötig. Ein Beispiel ist das Siemens-Werk im bayrischen Amberg. Es hat seit Gründung 1989 sein Produktionsvolumen verneunfacht und die Fehlerquote stark minimiert. Die Mitarbeiterzahl ist währenddessen mit rund 1200 konstant geblieben.

Aber es kam trotz neunfachem Output kein Mitarbeiter dazu.

Das nicht. Aber die Sorge ist immer die menschenleere Fabrik. Die ist unbegründet. Für Hochlohnländer wie Österreich sind digitale Fabriken eine Chance, den Wirtschaftsstandort abzusichern. Grund zur Sorge haben nur diejenigen, die diese Entwicklung verpassen.

Ist es für KMU überhaupt ressourcenmäßig möglich, diese Entwicklung mitzumachen?

Ja, es ist kein Mirakel. Man muss das Thema aber gut planen und über einen längeren Zeitraum umsetzen. Das beinhaltet auch Ausbildung und Schulung von Mitarbeitern.

Reicht es bei der Ausbildung, wenn der Staat den Kindern Gratis-Laptops gibt?

Gratis-Laptops sind ein Baustein. Ich nehme wahr, dass es Chancengleichheit nicht gibt. Gut ausgebildete Eltern haben in der Regel gut ausbildete Kinder, denen alle möglichen Ressourcen zur Verfügung stehen. Andere Familien hingegen können sich u. a. Laptops nicht leisten, da geht Potenzial verloren. Wir haben schon jetzt zu wenig Programmierer und Techniker. Vor allem Frauen trauen sich zu selten in technische Berufe. Uns steht der Weltmarkt offen, aber wir haben ein Thema mit den begrenzten, gut ausgebildeten humanen Ressourcen.

Ist das Schlagwort Industrie 4.0 nicht schon jetzt ausgereizt?

Das Thema erfährt einen gewissen Hype, keine Frage. Das hat den Vorteil, dass eine entsprechende Breitenwirkung erzielt wurde. Der Ausdruck wird wieder aus der Mode kommen. Wir bei Siemens sprechen schon jetzt lieber vom "Digital Enterprise".

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