Wirtschaft
11.04.2017

Mehr Landluft für 3500 Beamte

Ein Maßnahmenpaket der Regierung soll dem massiven Zuzug in die Städte entgegenwirken.

Österreich wächst, und zwar kräftig: Bis 2030 wird die Zahl der Einwohner von derzeit 8,5 Millionen auf 9,2 Millionen steigen, prognostiziert die Statistik Austria. Doch bei Weitem nicht überall in Österreich steigt die Bevölkerungszahl. Gewinner sind die Städte, allen voran Wien. In ländlichen Regionen hingegen rechnet die Statistik Austria mit einem Rückgang zwischen fünf und zehn Prozent.

Kärnten und die Mur-Mürz-Furche leiden besonders unter Abwanderung. Der Hauptgrund dafür: schwache Wirtschaft, wenig Jobs. Die Regierung versucht nun, mit einem Masterplan gegenzusteuern und neue Arbeitsplätze aufs Land zu bringen. Wie das gehen soll, erklärt Landwirtschaftsminister Andrä Rupprechter im Gespräch mit dem KURIER. Und Raiffeisen-Generalanwalt Walter Rothensteiner erläutert, was Raiffeisen zur Stärkung der Regionen beitragen kann.

KURIER: Sie haben einen Masterplan für ländliche Regionen erstellt. Wie sieht Ihr Zeitplan aus?

Rupprechter: Der Masterplan zur Stärkung der ländlichen Regionen ist Teil des Regierungsübereinkommens. Es hat sich in der Koalition niemand so richtig zuständig gefühlt. Deshalb habe ich die Initiative übernommen. Es gibt eine breite Bürgerbeteiligung. Wir arbeiten jetzt gemeinsam mit den Ländern und Gemeinden gezielt an der Umsetzung. Der Masterplan zur Stärkung der Regionen soll im Herbst von der Regierung beschlossen werden.

Es sollen auch Behörden von Städten aufs Land übersiedeln...

Rupprechter: Laut einer Studie des Instituts für Föderalismusforschung könnten in Österreich 3500 Posten ausgelagert werden. Wir habe das Bundesamt für Wasserswirtschaft in Scharfling in Oberösterreich (Mondsee, Anm. d. Red) angesiedelt. Es soll attraktive Arbeitsplätze am Land geben.

Welche Behörden sollen noch übersiedeln?

Rupprechter: Wir sind gerade dabei, die Wildbach- und Lawinenverbauung aus Wien auszulagern. Zunächst wollen wir die Sektion Wien, Niederösterreich und Burgenland in Niederösterreich regional ansiedeln. Es macht auch wenig Sinn, wenn die Bundesanstalt für Bergbauernfragen in Wien ihren Sitz hat. Mein Ziel ist es, die Bundesanstalt in Rotholz in Tirol (Zillertal, Anm. d. Red.) anzusiedeln und mit der Bundesanstalt für Milchwirtschaft zu kombinieren. Wir wollen dort ein Kompetenzzentrum für alpine Landwirtschaft aufbauen.

Die Beamten übersiedeln ebenfalls aufs Land?

Rupprechter: Diese Möglichkeit soll bestehen. Es ist mir klar, dass das sensibel ist. Wir machen mit den Mitarbeitern ein Programm, um diesen Wechsel zu begleiten. Das funktioniert gut. Innerhalb der nächsten sieben Jahre werden 42 Prozent der öffentlich Bediensteten in den Ruhestand gehen. Es geht dann vor allem um die Nachbesetzungen von ausgelagerten Stellen. Unternehmen beklagen sich, weil sie am Land keine qualifizierten Arbeitnehmer finden.

Warum soll es bei Behörden funktionieren?

Rupprechter: In der Obersteiermark haben wir in der Region um Irdning die höchste Akademikerquote außerhalbder Städte. Es gibt dort ein Kompetenzzentrum mit einer HTL und mehreren Unternehmen, die sich dort angesiedelt haben. Das funktioniert.

Hat die Bürgerbeteiligung schon begonnen?

Rupprechter: Die Umsetzung des Masterplans hat bereits begonnen. Es geht dabei um Kapitel wie Wirtschaft am Land und den Ausbau der Infrastruktur. Ebenso um den sozialen Zusammenhalt, die Bedeutung von Vereinen und ehrenamtlichen Tätigkeiten. Die Landflucht ist weiblich. Daher ist die Vereinbarkeit von Familie und Beruf, etwa durch den Ausbau der Ganztages-Kinderbetreuung, ein wichtiges Thema. In manchen Landgemeinden wird sich der Anteil der über 60- Jährigen verdoppeln. Daher ist Pflege ein wichtiges Anliegen. Wir haben in den Bundesländern Expertenforen mit unterschiedlichen Schwerpunkten gestartet. Wir wollen das bis Juni fertig haben, damit wir es beim großen Gemeindetag präsentieren können.

Wie viel Geld gibt es dafür?

Rupprechter: Wir wollen mit den Investitionen in Höhe von 175 Millionen Euro eine Hebelwirkung für Investitionen von 780 Millionen Euro bewirken. Das kann in der regionalen Wirtschaft 8500 Arbeitsplätze schaffen.

Sind Sie damit zufrieden?

Rothensteiner: Mir ist das sehr Recht. Wir sind schon dort, wo Landwirtschaftsminister Rupprechter überall hin will. Die Genossenschaften sind nicht nur Teil der lokalen Infrastruktur, sondern auch des gesellschaftlichen Lebens am Land. Da geht es nicht nur um Banken, Lagerhäuser und Molkereien. Wenn die Post und der Greißler weg sind, dann wird es auch für die Raiffeisenkassa schwierig. Wir haben im Bankbereich außerhalb von Wien üblicherweise einen Marktanteil von rund 50 Prozent. Wir unterstützen zahlreiche Initiativen weit über unser Kerngeschäft hinaus. Das ist auch eine Verpflichtung für uns.

Die Digitalisierung aber frisst genau jene Jobs auf, von denen Sie reden: Bankfilialen am Land werden weniger und damit auch die Arbeitsplätze...

Rothensteiner: Bei uns steht die Digitalisierung genau deswegen unter dem Motto "Regional, digital überall". Wir wollen das Thema regional dabei haben. Sonst kann ich mir bei irgendeiner Start-up-Bank ein Konto machen und wenn mir die nicht mehr gefällt, gehe ich zu einer anderen. Mir ist wichtig: Raiffeisen ist mehr, wir leben vom persönlichen Kontakt und halten ihn auch aufrecht.

Glauben Sie, dass Raiffeisen gegen die Abwanderung vom Land arbeiten kann?

Rothensteiner:Da gibt es ein gutes Beispiel: In Vorarlberg gibt es einen Ort, wo auch das letzte Wirtshaus zugesperrt hat. Die Gemeindebürger haben dann eine Genossenschaft gegründet, die das Wirtshaus führt. Eigeninitiative ist dabei ein Thema. Genau das haben die Menschen bei den Raiffeisengenossenschaften gelernt.

Rupprechter: Die Initiative der Auslagerung fällt inzwischen schon auf fruchtbaren Boden. So hat zum Beispiel der Justizminister in Waidhofen an der Ybbs vor, ein ehemaliges Bezirksgericht wieder zu eröffnen und zu einer Bürgerservicestelle auszubauen. Dort soll ein Büro für alle öffentlichen Dienste entstehen. Das kann als BH ebenso genützt werden wie zum Abholen eines Grundbuchauszugs.

Es gibt auch Themen wie Breitbandinternet fürs Land. Warum passiert da so wenig?

Rupprechter: Meine Forderung, dass zwei Drittel der Breitbandmilliarde fürs Land ausgegeben werden müssen, weil zwei Drittel der Bevölkerung am Land leben, ist schon angekommen. Wir haben aus dem EU-Programm für ländliche Entwicklung zusätzlich 55 Millionen Euro für den Breitbandausbau erhalten.

Ich möchte nochmals zu den Banken zurück. Am Bankensektor ist eine riesige Zusperrwelle im Gang. Wie will sich Raiffeisen in diesem Umfeld behaupten?

Rothensteiner: Natürlich sind Kosten bei uns auch ein Thema. Wenn die Dörfer rundherum ausdünnen, fehlt zunehmend auch die Grundlage für unsere Bankdienstleistung vor Ort. Daher heißt unser Gegenmodell: den regionalen Wirtschaftskreislauf in Gang halten. Davon profitieren letztlich alle – die Bürger in Gemeinden und die lokale Bankstelle.

Landwirtschaftsminister Andrä Rupprechter

Niemand kann behaupten, der Minister verstehe nichts vom Agrarbereich. Der Sohn einer Tiroler Bauernfamilie hat an der Universität für Bodenkultur Agrarökonomie studiert. Danach arbeitete er sowohl im Landwirtschaftsministerium als auch bei der EU. Der Vater von vier Kindern kehrte 2013 nach Österreich zurück und leitet seither das Ressort.

Raiffeisen-Generalanwalt Walter Rothensteiner

Walter Rothensteiner (64) hat nach dem Studium an der Wirtschaftsuni 1979 in der Raiffeisenlandesbank NÖ-Wien begonnen, wurde 1986 Vorstand bei der Raiffeisen-Tochter Leipnik-Lundenburger und übersiedelte 1995 in den Chefsessel der RZB, den er bis zur Fusion mit der RBI im März 2017 besetzte. Seit 2012 ist er Generalanwalt von Raiffeisen.