Wirtschaft
03.03.2018

Massive Kritik an Glawischnigs neuem Job: "Ungustiös"

Ihr Wechsel in die lukrative Gamingindustrie bringt der früheren Grünen-Chefin harsche Kritik ein. Glawischnig selbst kündigte an, ihre Parteimitgliedschaft zurücklegen zu wollen.

Die frühere Grünen-Chefin Eva Glawischnig will ein Jahr nach ihrem Abschied aus der Politik noch einmal ein ganz großes Rad drehen – in der Glücksspielindustrie. Die 49-jährige Juristin mit Kärntner Wurzeln hat beim niederösterreichischen Gaming-Konzern Novomatic (26.000 Mitarbeiter, 2,3 Milliarden Euro Umsatz) angeheuert. Sie leitet seit 1. März die Stabsstelle "Verantwortungsmanagement und Nachhaltigkeit". Sie soll vor allem Kontakte zu Behörden und Politik im In- und Ausland pflegen und ist direkt dem Konzern-Chef Harald Neumann unterstellt.

Mit dem Engagement der ehemaligen Öko-Aktivistin hat Neumann einen Marketing-Coup gelandet, der eine Welle an heftigen Reaktionen hervorruft. "Ich finde, dass die Novomatic mit Eva Glawischnig eine gute Wahl getroffen hat", sagt PR-Experte Wolfgang Rosam. "Die Grünen waren immer extreme Glücksspiel-Gegner. Es wird interessant werden, wie Eva Glawischnig das auf neue Schienen bringt."

Indes ist nicht nur in den sozialen Medien ein Sturm der Entrüstung entbrannt. "Der Novomatic-Konzern steht für all das, wogegen die Grünen seit Jahrzehnten kämpfen", sagt ein früherer Glawischnig-Weggefährte. "Besonders den Kärntner Grünen und Rolf Holub, die am Sonntag eine Wahl zu schlagen haben, hat sie damit einen Tiefschlag versetzt. Ich frage mich, warum sie mit der Bekanntgabe ihres Jobwechsels nicht bis Montag warten konnte."

Doch auch außerhalb der grünen Hemisphäre stößt der Wechsel auf Kritik. "Frau Glawischnig hat in ihrer aktiven Zeit als Politikerin sehr eindeutige Wort gegen Novomatic gefunden, wie versuchter Gesetzeskauf und Ähnliches", sagt Politikwissenschaftler Hubert Sickinger zum KURIER. "Ihr Engagement bei Novomatic ist genauso so unvereinbar, als würde sie bei einem Atomstromkonzern anfangen. Das geht nicht." Nachsatz: "Manchen früheren Politikern ist es im Nachhinein wurscht, was ihre ehemaligen Wähler und Kollegen denken."

Auch der frühere Rechnungshof-Präsident Franz Fiedler ist entsetzt. "Frau Glawischnig muss sich bewusst sein, was sie damit den Grünen im Zusammenhang mit ihrer Glaubwürdigkeit antut, und dass sie der Reputation der Politiker weiter schadet", sagt Fiedler zum KURIER. "Man nimmt ehemalige Politiker nur deshalb, weil sie eine Türöffnerfunktion haben. Mir ist nicht bekannt, dass Frau Glawischnig Fachkenntnis oder Erfahrung im Bereich Glücksspiel hat."

Dass sie so kurz nach ihrem Ausscheiden aus der Politik in ein Unternehmen wechselt, das starke Berührungspunkte mit der Politik hat, hält er für besonders "ungustiös". Fiedler fordert eine Abkühlungsphase für Ex-Politiker von drei Jahren ein. Die Stimmung bei den Grünen schwankt zwischen Sprachlosigkeit und Fremdschämen. Selbst der ewige Rivale Peter Pilz ist angesichts des Schrittes von Glawischnig so perplex, dass er nichts sagen wollte. Nur so viel: "Ein Glücksrad ist kein Windrad. Das sollte man wissen."

Grüne Reaktionen

Zum denkbar ungünstigsten Zeitpunkt erreichte die Nachricht die Kärntner Grünen, die bei der Wahl am Sonntag ums Überleben kämpfen. Just bei der Abschlusskundgebung waren die Spitzen der Öko-Partei damit beschäftigt, über ihre Ex-Parteichefin zu reden statt über ihr Programm. Grünen-Chef Werner Kogler wurde am Freitag um 9.00 Uhr von Glawischnig informiert.

Er war gerade im Zug nach Klagenfurt. Das Handynetz war schwach, die Nachricht dafür umso heftiger. Erst in den Mittagsstunden besiegelten Glawischnig mit Kogler ihren Parteiaustritt. " Die Grünen werden weiterhin die Glücksspielbranche und ihre Machenschaften bekämpfen, egal wie der Konzern heißt", erklärte Kogler. Die Tiroler Landessprecherin Ingrid Felipe hätte von Glawischnig "einen solchen Schritt nicht erwartet". Und der Kärntner Spitzenkandidat Rolf Holub hielt sich vornehm zurück: "Ich will das jetzt nicht kommentieren, werde mit Eva extra und persönlich darüber sprechen".

Die Öko-Aktivistin

Die gebürtige Kärntnerin Eva Glawischnig (Jahrgang 1969) aus Seeboden am Millstättersee ging nach Abschluss des Jus-Studiums zur Umweltorganisation Global 2000 (1992) und wurde 1996 Umweltsprecherin der Wiener Grünen.

Drei Jahre später wechselte sie in den Nationalrat und war 2002 bis 2017 Mitglied im Bundesvorstand der Ökopartei. Von 2008 bis 2017 war sie nicht nur Parteichefin, sondern auch Chefin des Parlamentsklubs. Sie ist verheiratet mit dem Moderator Volker Piesczek und hat zwei Söhne.