Marktaufseher: "Gaspreise machen mir Sorgen"

Walter Boltz
Foto: KURIER/Gruber Walter Boltz: „Die alteingesessenen Versorger haben viel getan, um den Wettbewerb zu verhindern“

Österreichs Gaspreise zählen zu den höchsten Europas. E-Control-Chef Walter Boltz will nun den Wettbewerb anheizen.

Österreichs Verbraucher zahlen zu viel für Gas, kritisiert Walter Boltz, Chef der Energiemarktaufsicht E-Control. Im Gespräch mit dem KURIER erklärt er, wie er kommenden Winter einen zu starken Preisauftrieb verhindern will und warum sich die Ökoenergie-Betreiber vor Schiefergas fürchten.

KURIER: Die steigenden Erdgasrechnungen machen vielen Haushalten zusehends Probleme. Hat die Liberalisierung des Gasmarktes nicht gewirkt?
Walter Boltz: Österreich war in den ersten Jahren nach der Marktöffnung 2002 bei den Gaspreisen im billigsten Drittel Europas. Jetzt zählen wir zu den teuersten. Sogar im ehemaligen Gas-Hochpreisland Italien liegen die Preise tiefer als bei uns. Und der Preisunterschied zu Deutschland, das deutlich billiger ist, wächst seit zwei Jahren. Das macht mir Sorgen. Die alteingesessenen Versorger haben viel getan, um den Wettbewerb zu verhindern.

Wo liegt die größte Hürde für mehr Wettbewerb am Gasmarkt?
Das Hauptproblem liegt beim Gastransport, also den Pipelinebetreibern. Es ist geradezu absurd, dass russisches Gas durch Österreich nach Deutschland transportiert wird und alternative Gasanbieter am österreichischen Markt müssen dieses Gas von Deutschland zurückkaufen. Das macht Gas natürlich teurer. In Österreich aber bekommen diese Anbieter das Gas nicht. In Deutschland hingegen gibt es Gas im Überfluss. 50 bis 60 Anbieter sind dort billiger als der günstigste Gaslieferant hierzulande.

Was wollen Sie dagegen tun?  Anfang 2013 wird es eine Novelle des Gasmarktgesetzes geben. Damit wird in Österreich ein Zugriff auf das Transitgas ermöglicht. Ich erhoffe mir davon, dass es dann eine Reihe neuer Gasanbieter am österreichischen Markt geben wird.

Erdgas ist zu teuer, in Österreich um 300 Euro pro Haushalt und Jahr, schätzt der Energiemarktaufseher Walter Boltz. Foto: apa

Der Ölpreis steigt seit Längerem kräftig. Müssen die Konsumenten befürchten, dass auch der Gaspreis in die Höhe schnellt?
Die nächste Heizsaison sollte trotz des steigenden Ölpreises, an den ja der Gaspreis gekoppelt ist, nicht enorm teurer werden. Zum einen sollten hoffentlich neue Anbieter für mehr Wettbewerb sorgen. Zum anderen sollte das Nahversorgungsgesetz für Preissenkungen sorgen. Dieses Gesetz erlaubt Verbrauchern, denen die Gaspreise stark überhöht erscheinen, das Kartellamt anzurufen. Der Gasversorger muss dann beweisen, dass die Preise angemessen sind. Ich hoffe, dass zumindest die teuersten Anbieter deswegen die Preise senken.

Die Verbraucher könnten auch selbst den Wettbewerb beleben, wenn sie den Gaslieferanten wechselten. Warum machen das so wenige?
Die Wechselziffern in Österreich sind zum Genieren. Gerade einmal 0,5 bis 0,6 Prozent der Gaskunden wechseln den Lieferanten. In Deutschland haben 15 Prozent der Verbraucher gewechselt. Ein Grund dafür ist sicher, dass die sich die Versorger in Österreich so positionieren, dass die Kunden zwischen Gaslieferanten und Pipelinebetreibern nicht unterscheiden können. Sie glauben, das sei dasselbe Unternehmen. Diese Trennung muss klarer werden.

Die OMV hat Pläne, Schiefergas im Weinviertel zu fördern, kürzlich gestoppt. Was halten Sie davon?
Deutschland setzt seit der Atomkatastrophe in Japan mehr Kohlekraftwerke ein. Das erhöht die Treibhausgase. Es wäre daher toll, wenn wir Schiefergas hätten. Das ist umweltfreundlicher als Kohle. Ich halte es für unverantwortlich, die Schiefergasförderung von vornherein auszuschließen. In den USA hat das Schiefergas zu einem deutlichen Rückgang des Gaspreises beigetragen. Europa sollte Schiefergas daher nutzen, um im Standortwettbewerb nicht zurückzufallen. Die Ökoenergiebetreiber aber sind dagegen, weil billigeres Gas ihre Energien weniger wettbewerbsfähig macht.

Zur Person: Der Physiker Walter Boltz (59) war viele Jahre im EDV-Bereich und in Beratungsunternehmen, unter anderem bei PriceWaterhouse, tätig, bevor er 2001 Chef der Energiemarktaufsicht wurde. Mit der Liberalisierung des Strommarktes 2001 und des Gasmarktes 2002 wurde die Regulierungsbehörde E-Control geschaffen. Sie soll den Wettbewerb sicherstellen und überwachen.

500 Millionen an Folgekosten Trotz hoher Netzqualität ist jeder Haushalt in Österreich im Durchschnitt einmal pro Jahr mit einem Stromausfall von rund einer Stunde konfrontiert. Kommt es zu einem gravierenden sogenannten Black-out, wären die Folgen prekär. Ein Ausfall von zehn Stunden koste die heimischen Volkswirtschaft mehr als eine halbe Milliarde Euro, so das Ergebnis einer aktuellen Studie, die am Dienstag in der Industriellenvereinigung in Wien diskutiert wurde. Auch in Österreich sei man in der Vergangenheit öfters an einem Black-out vorbeigeschrammt, sagte Heinz Kaupa, Chef der Verbund-Netz-Tochter. "Da hatten wir mehr Glück als Verstand." Vor dem Hintergrund der Umstellung des Energiesystems (Erneuerbare und AKW-Ausstieg in Deutschland) bedarf es nun allein in Österreich Milliardeninvestitionen.

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(kurier) Erstellt am
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