Reds-Bull-Chef Dietrich Mateschitz

© APA/dpa/Jan Woitas

Dietrich Mateschitz
05/08/2016

Mäzen mit Mätzchen

Fire and Hire – die überraschende Wende bei Servus TV ist im Bullen-Reich kein Einzelfall.

Das Wechselbad der Gefühle begann mit einem simplen Mail und dauerte 48 Stunden. Am Ende standen drei Verlierer fest. Die Gewerkschaft – sie wurde öffentlich von Milliardär Dietrich Mateschitz (71) in die Knie gezwungen. Der Multi-Milliardär selbst – die Negativ-Headlines über das Aus für Servus-TV reichten bis Deutschland. Und Image ist für Red Bull bekanntlich alles. Verlierer Nummer 3: Das Servus-TV-Team – das Vertrauen in den Arbeitgeber ist dahin. "Normalerweise sollte die Kündigung von 246 Mitarbeiter eine wohlüberlegte Sache sein. Aber Mateschitz ist erfolgsverwöhnt. Wenn ihm etwas gegen den Strich geht, dreht er es einfach ab. Das passierte nicht zum ersten Mal so. Wo viel Licht ist, da ist auch viel Schatten" , bringt ein Ex-Red-Bull Mitarbeiter die Situation auf den Punkt.

Hire-&-Fire-Politik

Das Phänomen Mateschitz, dessen Vermögen Forbes auf neun Milliarden Dollar schätzt, hat viele Facetten und Eigenheiten. Hier der großzügige Mäzen, der mit sündteueren Investments für hoffnungslose Regionen wie Spielberg eine neue Lebensader schafft. Sogar die Fassaden der Häuser, die Gärten und Zäune in der Region Spielberg ließ der Brause-Milliardär verschönern. Die Materialkosten konnten die Einheimischen danach bei Mateschitz einreichen. Rund zehn Millionen Euro soll er überwiesen haben.

Auf der anderen Seite der unnahbare Egomane, der in seinem Umfeld keinen Widerspruch duldet. Die "Hire-and-Fire"-Politik gehört seit jeher zu seinem Führungsstil. "Das Arbeitsbedingungen sind sehr gut. Man bekommt von Handy, Laptop bis Essensmarken alles zur Verfügung gestellt. Aber man ist auch schnell gefeuert, wenn es dem Chef nicht passt." In den Medien findet man darüber freilich wenig. "Die Abfertigungen sind meistens sehr fair. Denn eine schlechte Nachrede will Mateschitz nicht."

Aber wie genau kam es nun zu der Eskalation bei Servus-TV über die ganz Österreich staunte? Die Chronologie zeigt, dass nicht allein der Verzicht auf den Betriebsrat ausschlaggebend für die Doch-nicht-Schließung des Red-Bull-Senders war. "Mateschitz ist ein Profi in der Außenwirkung. Nichts wird dem Zufall überlassen. Nicht einmal seine raren Auftritte. Dass er innerhalb von 24 Stunden die Kündigungen von 246 Mitarbeitern zurücknimmt, hat mit dem unerwarteten Shitstorm zu tun. Ein schlechtes Image duldet er nicht", so ein Ex-Mitarbeiter.

"Muss viel passieren"

Das Drama in zwei Akten startete vergangenen Montag. Gegen neun Uhr trudelte bei den 250 Servus-TV-Mitarbeiter ein Mail ein. Eine Einladung zu einem sogenannten Station-Meeting. Angesetzt nur 60 Minuten später – um 10 Uhr. Normalerweise sind Station Meetings keine große Sache. Eine Art Jour fixe, wo die Mannschaft regelmäßig über Quoten-Entwicklungen informiert wird.

An diesem Tag stand nicht Business as usual am Programm. Zu oft waren in den letzten vier Wochen unangekündigte Station Meetings einberufen worden. Zuerst wurde Servus-TV-General-Manager Martin Blank abserviert. Wenige Tage später rief der "Chef", wie Mateschitz genannt wird, höchstpersönlich die Mannschaft zusammen. Der Multimilliardär schwor die Belegschaft trotz schlechter Reichweiten von nur 1,5 Prozent auf eine erfolgreiche Zukunft ein. Ein Redakteur wagte dem Red-Bull-Boss die Gretchenfrage zu stellen: "Wird Servus-TV weiter existieren?"

Eine legitime Frage. Jedes Jahr pumpt Mateschitz in das Red Bull Media House 315 Millionen Euro. Dem gegenüber steht ein Umsatz von 51,9 Millionen Euro. Der Milliardär bejahte die Frage, garantierte weitere Millionen zu investieren. "Dafür muss noch viel passieren. Aufgeben tut man nur einen Brief", verkündete er noch vor zwei Wochen. Servus-TV war bis dahin das Liebkind des Oberbullen. Er entschied bei Namen für neue TV-Formate mit, brachte sich stark bei der Programmgestaltung ein. Tränen flossen Vergangenen Montag hatte der exzentrische Multi-Milliardär seine Zusagen vergessen. Er ließ die Vollbremsung verkünden. Für viele Mitarbeiter, die extra von Wien oder München nach Salzburg gezogen waren, brach eine Welt zusammen.

Tränen flossen

Noch am Montag schickte das Team ein Video an den Chef. Die Botschaft: "Wir wollen keinen Betriebsrat." Auch das ließ Mateschitz kalt. Dienstag, am Tag der internationalen Pressefreiheit, ging die Pressemitteilung raus. Dabei war der Sender noch weit entfernt von Betriebsratswahlen. "Es gab nur eine Umfrage und da sprach sich die Mehrheit gegen einen Betriebsrat aus." Egal, allein die Umfrage brachte die Dose zum Überlaufen bei Mateschitz. Der Wut-Milliardär zog den Stecker bei seinem TV-Sender. 24 Stunden später kam eine 180-Grad-Drehung. "Die öffentliche Hinrichtung der Servus-TV-Mannschaft sollte sicherlich eine Signalwirkung für die Mitarbeiter der anderen Red-Bull-Gesellschaften sein", analysiert ein Ex-Mitarbeiter. Es ist nicht das erste Mal, dass Mateschitz ähnlich willkürlich wie Frank Stronach agiert. Das Red Bull Air Race wurde ausgesetzt, weil sich Sidney und Perth weigerten, weiterhin Millionen für den Event hinzublättern. Und auch das Formel-1-Engagement stand letztes Jahr lange an der Kippe. Nach vier Weltmeister-Titeln und dem Abgang von Sebastian Vettel, schlitterte der Red-Bull-Rennstall in ein Tief. Mateschitz verlor die Lust und droht nach wie vor mit dem Formel-1-Ausstieg. "Wir fahren sicher nicht die nächsten fünf Jahre um Platz fünf mit." Geduld scheint keine Tugend des Energydrink-Milliardärs zu sein.

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