FILE - In this Jan. 23, 2013 file picture Peter Loescher, CEO of German industrial conglomerate Siemens, listens questions of journalists during a news conference prior to the annual shareholder meeting in Munich, southern Germany. German engineering giant Siemens AG says it will be replacing its chief executive, who has drawn the ire of shareholders by failing to meet profit targets. Siemens said in a statement late Saturday July 27, 2013 that its board will meet Wednesday to "decide on the early departure of the president and CEO" Peter Loescher. (AP Photo/Matthias Schrader,File)

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Führungskrise
07/29/2013

Machtkampf bei Siemens: Streit um Top-Jobs

Nach dem vorzeitigen Abgang von Peter Löscher wackelt nun auch der Job des Aufsichtsratschefs.

Dass Siemens Österreich, Hauptsponsor der Salzburger Festspiele, ausgerechnet am Montag vor der Premiere von „Falstaff“ zum Empfang lud, entbehrte nicht einer gewissen Pikanterie. Während die illustre Gästeschar mit Siemens-Österreich-Boss Wolfgang Hesoun sowie den beiden Konzern-Vorständen Brigitte Ederer und Siegfried Russwurm auf die letzte Oper von Giuseppe Verdi anstießen, war in der eine Autostunde entfernten Münchner Siemens-Zentrale der Vorhang im letzten Akt im Drama um Konzern-Chef Peter Löscher bereits gefallen.

Samstagabend hatte das Präsidium des Aufsichtsrates Löschers vorzeitige Ablöse beschlossen. Nachfolger soll, wenn die Mehrheit des 20-köpfigen Gesamt-Aufsichtsrats am Mittwoch zustimmt, der derzeitige Finanzchef Joe Kaeser werden.

Dass sowohl Löscher als auch Kaeser beim Empfang in Salzburg fehlten, hatte übrigens – versichern Siemens-Insider – nichts mit den aktuellen Ereignissen im Konzern zu tun. Beide hätten sich bereits vor etlichen Wochen wegen anderer Verpflichtungen entschuldigt.

Neuausrichtung

Löschers vorzeitiger Abgang – übrigens keine Premiere an der Siemens-Konzernspitze, auch sein Vorgänger Klaus Kleinfeld musste 2007 vorzeitig abdanken – löst die zahlreichen Probleme des Elektro-Riesen nicht. Etwa das Wachstumsproblem: Entgegen den Plänen Löschers, den Umsatz mittelfristig auf 100 Milliarden Euro zu erhöhen, schrumpft der Konzern.

2012 setzte Siemens nur gut 78 Milliarden Euro um und hinkt beim Wachstum großen Konkurrenten wie General Electric und ABB hinterher. Erstens wegen der flauen Konjunktur im Euroraum, aber auch wegen des Ausstiegs aus etlichen Geschäftsfeldern. Nach der Abspaltung des Leuchtenher-stellers Osram oder dem Ausstieg aus der Solarenergie stehen derzeit auch Bereiche wie Wassertechnik oder Sortieranlagen auf der Verkaufsliste des Konzerns.

Ebenso wichtig wie eine neue Wachstums-Strategie ist, dass Siemens seinen Ruf als Qualitätshersteller wieder zurückgewinnt. Mehrjährige Verspätungen bei der Lieferung von Zügen an die deutsche Bahn, Probleme mit der Anbindung von Offshore-Windrädern ans deutsche Stromnetz und abgebrochene Windräder-Flügel haben das Siemens-Image arg ramponiert.

Österreich-Tochter

Vor gewaltigen Aufgaben steht auch Siemens Österreich. Der Konzern beschäftigt seit dem Kauf des Anlagenbauers VA-Tech in Österreich insgesamt 12.700 Mitarbeiter und setzt 3,7 Milliarden Euro um. Wien ist unter anderem im Transportbereich weltweites Kompetenzzentrum für U-Bahnen. Die Wiener Zentrale ist außerdem für das Geschäft des Konzerns in 18 zentral- und osteuropäischen Ländern zuständig. Insgesamt hat Siemens Österreich die Verantwortung für gut 36.000 Mitarbeiter und 8,2 Milliarden Euro Umsatz.

Größtes Sorgenkind ist derzeit die Sparte Energie, wo die Österreicher für das Geschäft mit Gas-Kombikraftwerken zuständig ist. Im Energiebereich muss Siemens Österreich im Rahmen des konzernweit verordneten Sparpakets auch den Großteil der insgesamt rund 500 Mitarbeiter abbauen.

Chefkontrollor auf dem Abstellgleis

Geht er oder bleibt er? Die Frage, ob nach Peter Löscher auch Siemens-Aufsichtsratschef Gerhard Cromme einen Abgang macht, beschäftigte am Montag nicht nur Aktionäre, sondern auch die Politik. Bundeskanzlerin Angela Merkel zeigte sich besorgt über die „Führungskrisebei Siemens. Der 70-jährige Cromme gilt nicht nur als einer der mächtigsten Manager Deutschlands, er war auch wichtigster Fürsprecher von Löscher, den er 2007 zur Aufarbeitung des Korruptionsskandals zu Siemens holte.

Über seine Rolle bei der vorzeitigen Absetzung des Siemens-Chefs wird nun heftig spekuliert. Während die einen vermuten, Cromme wollte damit nur seine eigene Haut retten, glauben andere, er werde Löscher schon bald nachfolgen. Aktionärsschützer fordern offen den Rücktritt des Chefkontrollors,nur so könne ein Neuanfang bei Siemens gelingen. Berichte, dass auch Löscher selbst den Kopf seines Mentors Cromme fordert, wurden später wieder dementiert. Die Siemens-Belegschaftsvertreter wollen offenbar an Cromme festhalten, um Ex-Deutsche-Bank-Chef Josef Ackermann als seinen möglichen Nachfolger zu verhindern. Ackermann ist derzeit Vize-Aufsichtsratschef bei Siemens.

Crommes Reputation ist durch das Milliardendebakel beim deutschen Stahlkonzern ThyssenKrupp schwer angekratzt. Kritiker werfen dem promovierten Juristen und Vater von vier Töchtern schweres Versagen als Aufsichtsratschef vor. Fehlinvestitionen und Missmanagement seien von ihm nicht nur nicht verhindert, sondern aktiv unterstützt worden. Im März warf Cromme bei Thyssen das Handtuch als Aufsichtsratschef.

Aktie verliert nach Abgang weiter

Der Kurs der Siemens-Aktie geriet in den vergangenen Tagen naturgemäß ebenfalls in Turbulenzen. Nach der Gewinnwarnung stürzte er am Donnerstag der Vorwoche zunächst um neun Prozent ab. Nach den ersten Gerüchten um Löschers Abgang gab es am Freitag ein leichtes Plus von 0,9 Prozent. Am Montag gab es zunächst ein Plus von 2,3 Prozent, das im Tagesverlauf aber ins Minus drehte (-0,14 Prozent). „Ein neuer Chef allein löst ja die Probleme noch nicht“, sagte ein Börsianer. „Er wird zu kämpfen haben, die hohen Erwartungen zu erfüllen“, sagte ein weiterer Händler.

Die Siemens-Aktie liegt heute bei knapp 80 Euro, zu Löschers Amtsantritt vor fünf Jahren waren es 106 Euro. Von vier aktuellen Analysen empfehlen drei den Titel zum Kauf und eine zum „Halten“ bei einem durchschnittlichen Kursziel von 87 Euro.

Auch die Konkurrenz büßte an Wert ein. Die Aktie von US-Konzern General Electric fiel seit Mitte 2007 von 39 auf 25 Dollar, die Schweizer ABB von 28 auf 20 Franken.

Siemens-Urgestein folgt Löscher

Er ist niemand, der gerne im Hintergrund steht, jetzt steht er auf der Karriereleiter ganz oben: Der 56-jährige Joe Kaeser (eigentlich Josef Käser) soll auf Wunsch des Aufsichtsrates am Mittwoch das Zepter beim deutschen Elektronikkonzern in die Hand nehmen. Der gebürtige Niederbayer wird sich da nicht lange bitten lassen. Im Gegenteil: Insider vermuten, der Finanzvorstand habe seinem Chef gar ein Bein gestellt, um ihn loszuwerden. Faktum ist, dass Kaeser mit seiner völlig überraschenden Gewinnwarnung am vergangenen Donnerstag nicht nur den Aktienkurs auf Talfahrt schickte, sondern auch den angezählten Löscher in Bedrängnis brachte. Dieser steht derzeit ohne Pressesprecher da, weil seine Neuerwerbung erst im September den Job antritt.

Das Siemens-Urgestein Kaeser gilt für viele bereits seit längerer Zeit als „heimlicher Chef“, der mit launigen Äußerungen und exaktem Faktenwissen bei Pressekonferenzen dem farblosen Löscher stets die Show stahl. Fast sein gesamtes Berufsleben verbrachte der studierte Betriebswirt im Konzern und kennt ihn daher in - und auswendig. Seit einem, für eine Siemens-Karriere üblichen, USA-Aufenthalt hat er Vor- und Zunamen „amerikanisiert“. 2006 zog Kaeser als oberster Zahlenhüter in den Siemens-Vorstand ein. Neben Medizintechnik-Chef Requardt ist er der einzige Vorstand, der den Korruptionsskandal bei Siemens ohne Schrammen überstand, obwohl er in dieser Zeit Bereichsvorstand war.

Als Finanzchef gelang Kaeser auch ein besonderer Coup: Er verschaffte Siemens eine eigene Banklizenz, um dem Elektronikkonzern im Ernstfall einen direkten Zugang zum Geld der Zentralbanken zu sichern.

Löscher-Rauswurf kostet Siemens mehr als neun Millionen Euro

Siemens muss sich den Rauswurf von Konzernchef Peter Löscher mehr als neun Millionen Euro kosten lassen. Gemäß der Vergütungsregeln der Münchner bekommt ein Vorstand bei einvernehmlichen Ausscheiden zwei Jahresgrundgehälter inklusive Bonus, was sich im Fall des Österreichers auf 6,7 Millionen Euro summiert. Hinzu kommt eine Spritze für sein Pensionskonto über gut 2,2 Millionen Euro sowie anteilig der - noch nicht festgelegte - Bonus für das laufende Geschäftsjahr.

Die Zahlungen fallen nur weg, wenn Löscher von sich aus kündigt oder die Aufsichtsräte den Österreicher aus "wichtigem Grund" feuern. In seiner sechsjährigen Amtszeit hat sich Löscher zudem Ansprüche für seine Altersversorgung über fast 15 Millionen Euro erworben.

Der Weltkonzern schrumpft

Bilanz
Siemens setzte im abgelaufenen Geschäftsjahr mit 370.000 Mitarbeitern weltweit 78,3 Milliarden Euro um. Für heuer wird ein leichtes Minus erwartet.

Gewinnwarnung
Wegen zahlreicher Projektpannen musste das Gewinnziel für das laufende Geschäftsjahr – zwischen 4,5 bis 5 Milliarden Euro – nach unten korrigiert werden. Der Aktienkurs rutschte um sechs Prozent auf 78,62 Euro ab. Am kommenden Donnerstag werden die Zahlen für das dritte Quartal präsentiert.

Sparprogramm
Das umstrittene Milliarden-Sparprogramm „Siemens 2014“ sieht den Abbau von rund 10.000 Stellen und die Aufgabe unrentabler Geschäftsbereiche vor. Selbst das China-Geschäft steht auf den Prüfstand.

Mitbewerb
Während Siemens schrumpft und um eine Strategie ringt, rechnet Rivale General Electric (GE) heuer mit einem Gewinnwachstum. Auch die Schweizer ABB ist auf Wachstumskurs und geht fleißig auf Einkaufstour.

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