© Günther Peroutka

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06/24/2019

Raus aus der Komfortzone: Österreichs Wirtschaft braucht mehr digitalen Mut

Der Megatrend der Digitalisierung will laut KSV1870 CEO Ricardo-José Vybiral hierzulande nicht so recht ankommen. Worauf es jetzt ankommt, verrät er im Interview.

Sie werden auf einem internationalen Kongress zu den Stärken des heimischen Wirtschaftsstandortes befragt. Was antworten Sie?
Ricardo-José Vybiral: Österreich bietet Sicherheit und Stabilität auf vielen Ebenen und das ist für einen Wirtschaftsstandort ein entscheidendes Asset. Sozialer Friede, ein hohes Maß an Rechtssicherheit und ein funktionierendes Kreditvergabesystem sind die Stützen der hierzulande verhältnismäßig krisenresistenten Wirtschaft. In den vergangenen Jahren profitierte das Land von einer guten Konjunktur – hatte diese nach der Lehman-Pleite aber auch bitter nötig. Damit einher ging die Befeuerung der Startup-Kultur, was einen neuen Spirit begründet hat – nämlich, dass es cool ist, Unternehmer zu sein. Heute weisen hierzulande 89 Prozent der Betriebe ein geringes Ausfallrisiko auf und gelten damit als sichere Geschäftspartner. Im EU-Ranking schafft es die Alpenrepublik Jahr für Jahr unter die Top drei der besten Zahler. Bleibt noch die zentrale Lage Österreichs – das ist unverändert ein Plus.

Digitalisierung: Es fehlt der Mut, moderne Wege zu beschreiten.

Ricardo-José Vybiral

Trotzdem stellt sich die Frage, ob Österreichs Betriebe an den richtigen Schrauben drehen, um sich nachhaltig fit für die Zukunft zu machen.
Vybiral: Die Firmen sind häufig nur bedingt dynamisch – das ist nicht gut. Die Ergebnisse unserer Austrian Business Check-Umfrage bereiten mir da ehrlich gesagt Kopfschmerzen. Fast 80 % der Unternehmen setzen in erster Linie auf eine hohe Kundenzufriedenheit. Aber das Verständnis, was guter Service ist, wird sich im Angesicht der Digitalisierung stark verändern. Insgesamt fehlt häufig der Mut, moderne Wege zu beschreiten und sich zukunftsorientierten Geschäftsfeldern zu widmen. Immerhin sehen die Unternehmen selbst die Digitalisierung mittlerweile als größte Schwäche an. Das ist auch notwendig. Es ist höchste Eisenbahn, aus der digitalen Lethargie zu erwachen und Taten folgen zu lassen.

Heißt: Die Digitalisierung kommt nicht so recht ins Laufen, oder?
Vybiral: Die Betriebe sind zu zögerlich und laufen Gefahr, den digitalen Change zu verschleppen. Für die Wettbewerbsfähigkeit wäre das fatal. Zwei Drittel der Firmen haben nach wie vor keine digitale Agenda, obwohl drei von vier Unternehmen, die offensiv auf Digitalisierung setzen, positive Auswirkungen auf ihre Finanzen erkennen.

Was können innovative Unternehmen besonders gut?
Die innovativsten Betriebe haben ihre Prozesse und Kunden-Touchpoints fest im Griff. Sie leiten den User durch eine stimmige Customer Journey und verlieren sie auch nicht. Es läuft alles so „smooth“, dass die persönliche Kundenbetreuung kaum vermisst wird. Am Ende haben diese Betriebe keine Kunden, sondern Fans.

Sind die Unternehmen überhaupt bereit, Geld in die Hand zu nehmen?
Vybiral: Ja, denn 43 % der Betriebe wollen ihre Investments gegenüber 2018 erhöhen. Der Wermutstropfen: Sie investieren lieber in Bestehendes, um weiter zu optimieren – weniger in Themen wie Innovation, Forschung und Entwicklung. Das ist traurig, auch weil F&E sehr wohl als entscheidender Faktor gesehen wird, wenn es darum geht, den Wirtschaftsstandort Österreich im internationalen Vergleich attraktiver zu gestalten. Hier herrscht ein massiver Widerspruch.

Wie sollte der Wirtschaftsstandort Österreich im Jahr 2030 optimalerweise aussehen?
Vybiral: Österreich hat sich als internationale Drehscheibe und Thinktank für Zukunftsthemen etabliert und als Wissensstandort neu positioniert. Das Land und die Betriebe haben auf Innovation, Forschung & Entwicklung gesetzt, die Digitalisierung wurde massiv vorangetrieben und dadurch internationale Investoren angelockt. Die Bürokratie wurde spürbar rückgebaut, die Regulierungswut eingedämmt und der Faktor Arbeit steuerlich entlastet. Man darf ja noch träumen.

Mehr zum Austrian Business Check unter www.ksv.at/austrian-business-check.