Wirtschaft
04.01.2012

KMU: „Wir brauchen die Besten der Welt“

Erfolgreiche Klein- und Mittelbetriebe müssen Hochqualifizierte künftig verstärkt aus dem Ausland anheuern.

Hidden Champions sind Klein- und Mittelbetriebe, die in ihrem Segment Marktführer sind. Der Unternehmensberater und Wirtschaftsprofessor Hermann Simon sieht in den mangelhaften Englisch-Kenntnissen im deutschsprachigen Raum eine Hürde bei der Anwerbung von Spezialisten. Zumal die Konkurrenz in Osteuropa immer stärker wird.

KURIER Hidden Champions galten früher als eine Eigenheit des deutschsprachigen Raums. Warum gibt es sie jetzt auch in Osteuropa?

Hermann Simon: Im deutschsprachigen Raum, also Österreich, Deutschland und der Schweiz haben wir etwa 1500 Hidden Champions. Die Position eines Landes im globalen Wettbewerb wird nicht von Großunternehmen bestimmt, sondern von einem starken Mittelstand. 84 Prozent der Beschäftigten arbeiten in Deutschland in Klein- und Mittelbetrieben. In den ehemaligen Ostblockländern haben wir derzeit etwa 160 Unternehmen, die international eine führende Position haben und vor allem in neuen Märkten wie Informations-, Kommunikations- oder Nanotechnologie aktiv sind.

Wie kam es dazu?

Es gibt in diesen Ländern sehr gut ausgebildete Wissenschaftler mit unternehmerischem Drang. Ich habe persönlich zwei interessante Fälle in Ungarn und Slowenien kennengelernt. Die Gründer haben früher in führenden Forschungsinstituten in Europa und in den USA gearbeitet. Die haben das Know-how aus dem Westen mitgebracht.

Um welche Technologien geht es da?

Der slowenische Unternehmer hat weltweit Atomkraftwerke und nukleare Forschungsinstitute als Kunden. Er hat eine Methode entwickelt, mit der man den Standort von Nuklearteilchen messen kann.

Bedeutet das mehr Konkurrenz für erfolgreiche Klein- und Mittelbetriebe im deutschsprachigen Raum?

Zunehmende Konkurrenz gibt es in Märkten, in denen auch Unternehmen aus Deutschland oder Österreich tätig sind, wie etwa bei der Autozulieferung. Das beutet aber auch durchaus neue Chancen, weil diese Unternehmen aus Osteuropa ja auch als Kooperationspartner, Zulieferer oder Abnehmer interessant sind. Unternehmen in Westeuropa könnten ihre internationalen Vertriebsnetze mit dem technischen Know-how der Unternehmen in Osteuropa verbinden.

Gibt es genug hochqualifiziertes Personal für die Hidden Champions?

Wir haben im deutschsprachigen Raum enorme Engpässe bei Ingenieuren und Naturwissenschaftlern. Deutschland versucht Ingenieure und Physiker in Spanien anzuwerben. In Osteuropa ist es etwas besser. Die Hidden Champions in Westeuropa haben den Akademiker-Anteil in den vergangenen zehn Jahren von 8,5 auf 19,1 Prozent erhöht und gleichzeitig die Belegschaft verdoppelt. Die absolute Zahl der Akademiker ist fast vier Mal so hoch. Der Internationale Wettbewerb ist immer mehr ein Qualifikations- und kein Niedriglohnwettbewerb.

Wie kann man die Lücke bei den Spezialisten schließen?

Den Engpass an hochqualifiziertem Personal können wir nur schließen, wenn wir solche Leute in unsere Länder holen. Die Amerikaner mache das mit einer Systematik, die ist nicht mehr zu übertreffen. Das Indian Institute of Technology ist das Massachusetts Institute of Technology des Ostens. Von den 4000 Absolventen sitzen am Tag nach ihrem Examen 3000 in einem Flugzeug Richtung USA. Nach Deutschland gehen nicht mehr als fünf. An der Harvard Business School gibt es 900, die graduieren. Da ist kaum mehr ein westlicher Name dabei. Wir müssen in der Anwerbung aktiver werden. Wir haben immer noch das Problem der Sprachbarriere. Die können zwar Englisch, aber nicht Deutsch. Das gilt auch für junge Spezialisten aus Osteuropa.

Was muss man tun um bei der Anwerbung erfolgreicher zu sein?

Wir brauchen die Besten der Welt. Da kann man sich nicht mehr nur auf eine Region konzentrieren. In Hamburg gibt es eine Kindertagesstätte, die wird von Amerikanern geführt. Da wird nur Englisch gesprochen. Diese Kindertagestätte hat eine der längsten Wartelisten. In einer anderen Kindertagesstätte wird nur Chinesisch gesprochen. Wer durch solche Erziehungssysteme geht, ist für die Zukunft vorbereitet. Englisch muss man perfekt können. Es ist gut, wenn weitere Sprachen dazukommen.

Zur Person: Prof. Hermann Simon

Karriere Der 64-jährige Unternehmensberater und frühere Universitätsprofessor begann 1969 mit dem Studium der Volks- und Betriebswirtschaftslehre in Bonn und Köln. Nach der Habilitation lehrte Hermann Simon Betriebswirtschaftslehre an den Universitäten in Bielefeld und Mainz. Als Gastprofessor unterrichtete er an sechs Universitäten, darunter die Harvard Business School und die London Business School. Simon hat 1985 ein Beratungsunternehmen gegründet. Seit 2009 ist er Chairman von Simon, Kucher & Partners.

Publikationen Über 30 Bücher hat Simon bisher veröffentlicht. Eines seiner bekanntesten Publikation sind die „Hidden Champions“. Das Buch über erfolgreiche Klein- und Mittelbetriebe ist im deutschsprachigen Raum unter dem Titel „Die heimlichen Gewinner“ erschienen ist.