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Wirtschaft von innen
05/01/2016

Kassiert Lufthansa in Österreich höhere Ticketpreise?

Missbraucht der Lufthansa-Konzern seine Marktmacht und kassiert in Österreich höhere Ticketpreise als in Deutschland? Die heimischen Reisebüros sind überzeugt davon und gehen vors Kartellgericht.

von Andrea Hodoschek

Sie wollen von Wien nach Sofia und zwei Tage später wieder zurück. Sie buchen in Österreich online ein Ticket bei der Lufthansa-Tochter AUA, Kostenpunkt 339,49 Euro. Die AUA ist die einzige Airline, die täglich direkt von Wien in die bulgarische Hauptstadt fliegt.

Am selben Tag, zur selben Uhrzeit, buchen Sie exakt denselben Flug von Deutschland aus. Und bezahlen nur 139,49 Euro.

Macht genau 200 Euro oder 143 Prozent Differenz. Nur ein Zufall?

Der Fachverband der heimischen Reisebüros, die Vertretung der Branche in der Wirtschaftskammer, hat weitere Preisvergleiche parat (einen Auszug siehe Artikel unten) – alle zuungunsten der Kunden in Österreich.

"Der Fachverband hat festgestellt, dass Lufthansa-Group teilweise bei Buchungen aus Österreich um bis zu 40 Prozent und noch mehr verrechnet als bei solchen aus Deutschland, dies bei ein und derselben Strecke, Beförderungsklasse und Buchungszeit". Laut Raoul Hoffer, Partner bei Binder Grösswang, glaubt man hier nicht an Zufälle.

Der Fachverband ortet vielmehr ein "diskriminierendes Verhalten" der Lufthansa-Group. Er möchte daher gerichtlich klären lassen, inwiefern Europas größtem Airline-Konzern der Missbrauch einer "marktbeherrschenden Stellung" vorzuwerfen ist.

Die teureren Österreich-Tickets würden nämlich nur auf Strecken abkassiert, auf denen die Lufthansa samt ihren Töchtern quasi ein Monopol hat. Weil sie die Destinationen entweder ohnehin alleine bedient oder der einzige Anbieter von Direktflügen ohne Zwischenstopp ist. Betroffen sind laut Hoffer zahlreiche innerösterreichische Strecken und Flüge innerhalb Europas, vor allem zwischen Österreich und Deutschland.

Der Fachverband ging deswegen bereits vor die Bundeswettbewerbsbehörde (BWB), blitzte dort aber ab. In einem kurzen Schreiben ließ Generaldirektor Theodor Thanner mitteilen, es handle sich vor allem um ein Binnenmarktproblem, ein Wettbewerbsverstoß sei jedoch nicht auszuschließen. Die BWB "wird der Beschwerde derzeit nicht weiter vertieft nachgehen, die Thematik aber mit Interesse verfolgen". Also was jetzt, unfairer Wettbewerb oder doch nicht?

Die Wirtschaftskammer lässt jedenfalls nicht locker und ging vor wenigen Tagen direkt vor das Kartellgericht. Detail am Rande: Der Antrag ans Gericht musste erst vom kämmerlichen Generalsekretariat abgesegnet werden. Die Kammer pflegt den Interessenausgleich und die AUA ist schließlich auch Mitglied.

"Wir kennen die Preisvergleiche nicht. In der Vergangenheit vorgelegte Unterlagen haben ergeben, dass Äpfel mit Birnen verglichen wurden", kontert ein Sprecher der Lufthansa-Gruppe. Er beteuert, man verkaufe "zum selben Zeitpunkt alle Produkte zum selben Preis". Das Kartellgericht wird feststellen, wer recht hat.

Am Flughafen Wien dominiert der deutsche Kranich mit seinen Airlines. Lufthansa, AUA, Brussels, Swiss und Germanwings bzw. Eurowings hielten im Vorjahr in Wien-Schwechat bei knapp 66 Prozent. Insgesamt beförderten die Konzern-Fluglinien mehr als 15 Millionen Passagiere. Erst mit großem Abstand folgen die Billig-Airline NIKI und deren schwer defizitäre Mutter Air Berlin.

Die Reisebüros bringen auch die sogenannte DCC (Distribution Cost Charge) vor die Kartellrichter. Seit September 2015 hebt die Lufthansa eine zusätzliche Gebühr von 16 Euro für jede Reisebüro-Buchung ein, die über globale Reservierungssysteme (GDS) kommt. "Die Lufthansa will an die Kundendaten direkt herankommen und diese Reservierungssysteme aushöhlen. Das geht auf Kosten der Markttransparenz", argumentiert Hoffer. Die Lufthansa biete zwar ein eigenes System an, das sei aber mit den GDS nicht vergleichbar. Die Österreicher sind mit ihrer Klage nicht alleine. In der Schweiz ermittelt die Wettbewerbskommission gegen die Lufthansa-Tochter Swiss, in Deutschland das Bundeskartellamt und in Brüssel brachte der Dachverband der Reisebüros eine Beschwerde bei der Kommission ein.

Preisunterschiede bis zu 132 Prozent

Vergleich. Was kostet ein Flug von Wien über Frankfurt nach Rio, weiter nach Sao Paolo, zurück nach Wien mit Zwischenstation München? Gebucht in Österreich: 2740,47 Euro. Gebucht in Deutschland: 1180,57 Euro. 1559,90 Euro oder 132 Prozent Differenz. Weitere Beispiele:

Flug von Frankfurt nach Los Angeles und retour. Österreich: 1957,52 Euro. Deutschland: 961,52 Euro. Differenz 996 Euro oder 104 Prozent.

Flug von Graz nach Wien, weiter nach Zürich, zurück nach Graz. Österreich: 2098 Euro, Deutschland 1778 Euro. 320 Euro oder 18 Prozent.

Flug von Stuttgart nach Zürich, weiter nach Tel Aviv, zurück über Zürich nach Stuttgart. Österreich: 2133,47 Euro. Deutschland: 1329,47 Euro. Differenz 804 Euro oder 60 Prozent.

Flug von Wien nach Sofia und retour: Österreich 684,49 Euro. Deutschland 424,49 Euro. Differenz 260 Euro oder 61 Prozent.

Beispiel Wien-Frankfurt: Solange Air Berlin Lufthansa und AUA Paroli bot, kostete ein durchschnittliches Flugticket 83 Euro. Nach Rückzug von Air Berlin hob die Lufthansa laut Reisebüros ihre Preise um mehr als 160 Prozent auf durchschnittlich 218 Euro an.

Etliche weitere Strecken werden nur von der Lufthansa-Gruppe angeboten, beispielsweise von Wien nach Bologna, Brüssel, Basel, Graz, Innsbruck, Klagenfurt, Salzburg und Linz. Ebenso Flüge von Innsbruck und von Linz nach Frankfurt.

Non-Stop fliegt die Lufthansa als einzige Airline von Wien zum Beispiel nach Budapest, Frankfurt, München, Prag, Venedig, Stuttgart, Tirana, Skopje und Pristina. Passagiere fliegen von den großen Lufthansa-Drehkreuzen wie Frankfurt, München und Zürich gerne mit Konzern-Airlines weiter, Kombi-Tickets sind meist günstiger.

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