Wirtschaft | Karriere
05.12.2011

Was Manager von Mafiosi lernen können

Mafiosi sind gut im Geschäftemachen. Ein Ex-Mitglied münzt seine Erfahrungen auf die Wirtschaft um.

Die Mafia ist gut im Geschäft. Ihre Machenschaften sind nicht immer sauber. Aber ihr Ehrenkodex wohlbekannt. Schuld daran sind Kultfilme wie Good Fellas, der Pate, Casino oder die Unbestechlichen. Louis Ferrante war ein Mafioso, ein Mitglied der Gambino Familie, im New York der 80er- und 90er-Jahre - in der Realität. "Das wahre Leben ist anders, als man es aus Filmen kennt", sagt er. Nicht immer schlechter - denn eines wird laut Ferrante oft vergessen: Mafiosi sind clevere Geschäftsmänner mit ausgeprägtem unternehmerischen Verstand. In seinem jüngst erschienen Buch Von der Mafia lernen. Die Managementgeheimnisse der ehrenwerten Gesellschaft erschienen im Redline Verlag, erteilt er Managern 88 Lektionen - ohne über Leichen zu gehen.

KURIER: Ist es Ihr Ernst, dass die legale Geschäftswelt von der Mafia lernen sollte?
Louis Ferrante: Mein voller Ernst. Eigentlich ist es eine Tragödie, dass die Mafia manche Sachen besser macht als die Leute an der Wallstreet.

Zum Beispiel?
Wenn man bei der Mafia die Hand auf etwas gibt, ist das ein Vertrag - sogar stärker. Ich war immer verlässlich. Wenn ich etwas liefern musste, war ich pünktlich - und wenn es nur eine Ladung gestohlener Pelzmäntel war. In der legalen Geschäftswelt kann man sich auf nichts verlassen. Unternehmen brechen Verträge jeden Tag, Leute halten sich nicht an Lieferzeiten, nicht an Zahlungsvereinbarungen. Bei der Mafia ist es so: Wenn du in 30 Tagen zahlen sollst, sollte das Geld dann besser dort sein - sonst war's das. Davon hängt dein Leben ab. Selbst wenn du nicht mit deinem Leben bezahlst, hast du auf der Straße den Ruf, dass du nicht verlässlich bist. Du bist somit auch erledigt. Ich kenne genug Leute in der legalen Wirtschaftswelt, die andere übers Ohr hauen und sie finden dennoch immer jemanden, der mit ihnen Geschäfte macht.

Wo sehen Sie Parallelen zwischen der Mafia und der Wirtschaft?
Es ist ziemlich ähnlich. Wenn es irgendwo Geld zu holen gibt, wissen die Mafiosi es. Sie machen Geld mit Dingen, bei denen man niemals annehmen würde, dass sie Geld bringen. Ein guter Geschäftsmann sollte dasselbe tun. Man braucht dieselben Skills, um ein Mafia-Don zu werden, die man auch als CEO in einem Unternehmen braucht. Und ganz egal, ob es die Mafia oder sonst ein Unternehmen ist, überall sitzen Menschen drin. Die menschliche Natur bleibt dieselbe.

Was war Ihr Spezialgebiet?
Raub. Wenn jemand zur Familie kam und sagte, da ist eine Million in dem Safe, beauftragten sie mich und meine Crew, den Safe zu knacken.

Haben Sie jemals jemanden umgebracht?
Nein. Die Familie hat Leute, die sie für so etwas beauftragt. Nicht jeder in der Mafia ist ein Killer. Sie haben Experten für die verschiedenen Bereiche - wie in einem legalen Unternehmen.

Wie kommt es, dass die Gangster in den Mafiafilmen als sympathisch empfunden werden?
Im wahren Leben ist das anders. Das einzig Romantische waren der Respekt und die Ehre. Aber diese Dinge haben sich verändert. Die junge Generation vergisst diese Werte. Die Jungen sind gierig und ungeduldig. Die älteren Gentlemen, die mich unter die Fittiche genommen haben, glaubten an andere Sachen. Wie auch in der legalen Geschäftswelt: Die Standards sind gesunken.

Inwiefern?
Die Hypothekenkrise in den USA - ich glaube, das wäre vor 30, 40 Jahren nicht passiert. Als meine Eltern damals einen Kredit für ein Haus aufnehmen wollten, wurden sie strengstens geprüft. Als ich mein Haus kaufte, traf ich den Typen nicht einmal. Ich füllte den Antrag aus und das war's.

Wie hat Sie die Mafia rekrutiert?
Die Mafia ist in New York überall und wenn man auf New Yorks Straßen gute Geschäfte macht, kommen sie bald auf dich zu. Sie wollen ein Stück von deinem Geschäft und mit dir arbeiten. Davon profitieren beide Seiten: Sie können bei dir mitschneiden und stärken dich, wodurch du mehr Geld verdienen kannst, als alleine irgendwie möglich.

Was sagten Ihre Eltern?
Meine Mutter starb, als ich 20 Jahre alt war, sie war erst 47. Ich dachte mir, wenn sie so jung sterben muss, was soll das Leben dann. Ich wurde unberechenbar. Meinem Vater ging es nicht gut nach ihrem Tod. Wenn er mir eine Frage stellte, habe ich gelogen. Er konnte also nicht viel sagen.

Sie haben sich geweigert, mit der Polizei zu kooperieren und sind dafür neun Jahre im Gefängnis gelandet. Jetzt Ihr Buch über die Arbeitsweise der Mafia erschienen - hatten Sie deswegen Probleme mit Ihren alten Freunden?
Ich habe alle Namen geändert und nichts geschrieben, das irgendwelche Hinweise geben könnte. Ich treffe die Leute von früher hin und wieder zufällig, dann grüße ich sie. Aber wenn sie mich zum Essen einladen würden, würde ich nicht hingehen. Soweit vertraue ich ihnen nicht. Beim jetzigen Buch sind sie möglicherweise sogar stolz, über sich zu lesen.

Wieso 88 Regeln?
Es sind Regeln für Sgarriste, also die Mitarbeiter. Für Capos, das mittlere Management oder für den Boss, Don, den CEO oder Godfather. Es sind eben 88 geworden.

Wie hat Sie das Gefängnis verändert?
Wenn Sie mich von früher gekannt hätten, würden Sie nicht glauben, dass ich es bin. Ich konnte keinen geraden Satz herausbringen. Als ich im Gefängnis war, begann ich zu lesen. Ich hatte noch nie zuvor ein Buch gelesen.

Ihr erstes Buch?
Ich bat einen fetten Freund von mir - er wog 450 Pfund und war am ganzen Körper tätowiert - mir ein paar Bücher zu bringen. Er ging also in den Buchladen und schickte mir die Bücher "Mein Kampf" von Hitler, und die Biografien von Cäsar und Napoleon.

Wie kam er darauf?
Er erzählte der Buchverkäuferin von mir und sagte ihr, dass ich klein und herrisch sei. Ich las also diese Bücher und verstand kein Wort von dem, was drinstand. Ich las mehr, erweiterte meinen Horizont und begann Dinge zu verstehen. Ich liebte das Lesen.

Wären Sie nicht ins Gefängnis gekommen, hätten Sie nie begonnen zu lesen - jetzt sind Sie Autor.
Ironie.

Wann haben Sie begonnen zu schreiben?
Mein erstes Buch war über den amerikanischen Bürgerkrieg. Als ich aus dem Gefängnis kam, wollte ich es veröffentlichen. Niemand wollte es. Ich war verloren, alleine, ich kannte ja nur Mafiosi. Ich lernte Menschen kennen, die mir Lektoren vorstellten, die meine Geschichte hören wollten. Sie sagten, dass ich über mein Leben schreiben sollte. Doch ich wollte mich meiner Vergangenheit nicht stellen.

War das Schreiben dann auch eine Therapie?
Bestimmt. Heute gehe ich in Gefängnisse, vor allem in Großbritannien, und erzähle den Gefangenen meine Geschichte.

Was haben Sie als Nächstes vor?
Ich werde ein weiteres Buch schreiben. Außerdem wird gerade ein Pilotserie über mein Leben gedreht. Hoffentlich sehen Sie mich bald im Fernsehen. Was mir nicht gefällt, ist, dass die Leute immer weniger lesen. Ich glaube nicht, dass George W. Bush jemals ein Buch gelesen hat - und er war Präsident. Ich glaube, wenn weniger gelesen wird, geht die Welt den Bach runter.

Lesen hat Ihr Leben verändert.
Das ist der Punkt. Und ich glaube heute an Gott. Ich glaube, dass wir für die guten Dinge belohnt werden und für die schlechten bestraft werden.

Wo werden Sie dann wohl landen? Im Himmel oder in der Hölle?
Keine Ahnung, was nach dem Leben kommt. Mein Leben ist verwirrend genug, da muss ich mir nicht auch über das Danach Gedanken machen.

Ex-Mafioso: Louis "Big Lou" Ferrante

Leben 1 Geboren in Queens, New York, mit zwölf Jahren bereits Dieb, mit Anfang 20 Capo (Chef einer Gang) innerhalb der Gambino Familie. Er wurde verpfiffen, ging mit 25 Jahren für neun Jahre ins Gefängnis - auch, weil er keine anderen Mafiosi auffliegen lassen wollte und die Kooperation verweigerte.

Leben 2
Im Gefängnis schwor er der Mafia ab, las viele Bücher und bildete sich weiter. Er schrieb seine Memoiren und zuletzt "Von der Mafia lernen".

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