Schach-Großmeister: Lang lebe der König!

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Foto: Deutsch Gerhard Schachmatt! Andreas Dückstein hat sich mit seinem klugen Spiel in Österreich neue Perspektiven eröffnet und das Land würdig vertreten.

Andreas Dückstein brilliert mit 86 in einem Spiel, auf dem seine zweite Karriere basiert.


Den Königsbauern schiebt er von e2 nach e4, dann hebt er den Springer von g1 auf f3, und dann marschiert ein weiterer Bauer von c2 nach c3. Der Senior am Schachbrett lächelt verschmitzt, ehe er seinem Gegenüber im Esszimmer seines Reihenhauses in Wien-Liesing verrät: „Ich habe immer schon riskante Spieleröffnungen geliebt.“

Riskant war auch sein Leben in jungen Jahren. Davon wird noch die Rede sein. Heute ist Andreas Dückstein 86 und in der komfortablen Situation, nicht mehr jedes Risiko eingehen zu müssen. So hat er die Einladung zum Vienna Chess Open 2013 im Rathaus (siehe unten) ausgeschlagen und die Einladung zu einem Großmeister-Treffen in Dresden angenommen.

Ein Bauernopfer

Königsbauer von e2 nach e4 also. Das nun folgende Stellungsspiel geht auf den italienischen Schachspieler und Schriftsteller Domenico Lorenzo Ponziani zurück. Der hat im 18. Jahrhundert nachhaltig für Aufsehen gesorgt.

Schachspieler, Dückstein, Schach, Schachspiel… Foto: Deutsch Gerhard Doktor Dückstein – er hat in Wien nach dem Zweiten Weltkrieg Jus studiert – lächelt noch immer. Er folgt einem schelmischen Plan. Bietet auch seinem heutigen Gegenüber eine Figur zum Schlagen an – und wehe, wehe, wehe, wenn er annimmt, dann schnappt nur einige Züge später seine Falle zu.

86 Jahre und noch lange nicht matt. Jahrelang war er der beste Schachspieler Österreichs, der Einzige im Range eines Großmeisters, der nach dem Zweiten Weltkrieg einen regierenden Weltmeister besiegen und auch bei einer Schach-Olympiade Gold für sein Land holen konnte.

Auch heute müssen sich seine meist jüngeren Gegner mit ihm ordentlich abmühen. Dabei blickt er auf ein sehr bewegtes Leben zurück.

„Geboren 1927 in Budapest“, beginnt Dückstein die Erzählung eines rasanten Lebens. „Meine Eltern waren Sportlehrer an der Sporthochschule. Und auch ich wollte Sportlehrer werden.“

Doch daran hinderten ihn die autoritären Regime des 20. Jahrhunderts: Die ungarischen Pfeilkreuzler verfolgten ihn aufgrund seiner jüdischen Herkunft, die ungarischen Kommunisten misstrauten wenig später auch dem Intellekt seiner Familie.

Die Willkür der Machthaber hat ihm schon in jungen Jahren Sorgenfalten ins Gesicht gezeichnet. Der alte Mann mit den wachen Augen blickt vom Schachbrett auf, dann erklärt er: „Ich habe als Kind zu Hause Deutsch gelernt, aber im Jahr 1945 habe ich mir geschworen, nie wieder ein deutsches Wort in den Mund zu nehmen.“

Und dann sagt er zum Entsetzen seines heutigen Gegenübers zum ersten Mal in diesem Spiel und eindeutig auf Deutsch: „Schach!“ Weil es im Leben wie im Spiel oft anders kommt, als man denkt.

Gefährliche Rochade

Im Jahr 1951 sind seine Eltern von Ungarn nach Israel emigriert. Er selbst war zu diesem Zeitpunkt schon in Wien gelandet: „Ich bin bei der Flucht auf der March von Grenzsoldaten erwischt worden, in der Zwischenzeit hat mein Vater dank seiner Kontakte für mich ein Ausreisevisum für Israel erwirkt.“ Die ersten Wochen in Österreich waren schwer: „Ich habe keinen fixen Job gehabt, und viel Schiss vor den Russen.“

„Ich habe mich immer als Sportlergesehen. Schach gab mir die Möglichkeit, hier zu überleben.“

Mit diversen Hilfsarbeiten und finanziellen Zuwendungen seiner Eltern konnte sich der Budapester in Wien zunächst durchbringen, ehe er sich auf eine Tugend seiner Jugend besann: „Das Schachspielen hat mir meine Mutter beigebracht.“

Das Spiel mit König und Dame war nicht seine erste große Liebe: „Ich habe mich immer als Sportler gesehen. Schach gab mir die Möglichkeit, hier zu überleben.“

Ujegerl, jetzt wird es eng für sein Gegenüber. Wie lange noch will der Arme ohne Dame, ohne Läufer und deutlich dezimiertem Bauernstand die Stellung halten?

Unter Zugzwang

Fünf Schilling hat Dückstein im Kaffeehaus für eine gewonnene Partie bekommen. Zu Turnieren angereist ist er immer zu Fuß, weil er sich den Fahrschein für die Straßenbahn nicht leisten konnte. Gespielt hat der Shooting Star im Wiederaufbau-Österreich für einen Schachverein in Hietzing und dann bei Betriebsmeisterschaften für die Verbundgesellschaft.

So hat ihm sein Talent im Umgang mit schwarzen und weißen Schachfiguren auch eine Tür in den Konzern geöffnet. „Ich habe dort in der Finanzabteilung begonnen. Ein Kollege hat mir geholfen, dass mein Reifezeugnis in Österreich anerkannt wurde.“

Eine moderne Schachnovelle – mit Happy End! Im Jahr 1964 war er mit seinem Jus-Studium fertig und nebenbei bester Schachspieler Österreichs. Schon zuvor hat er bei der Schach-Olympiade 1958 mit Michail Botwinnik einen aktuellen Weltmeister geschlagen und mit Max Euwe sowie Boris Spasski auch zwei ehemalige Weltmeister.

Das alles erzählt sein Gegenüber, Johann Pöcksteiner, engagierter Funktionär im Wiener Schachverband und Organisator des Mega-Turniers im Rathaus. Auch deshalb, weil der Großmeister immer schon die Größe besaß, sich selbst nicht in den Vordergrund zu spielen.

Ein echter Sir

Weiße Dame auf d4, Schach matt! Der Alte lächelt, sein Gegenüber auch. Johann Pöcksteiner erkennt seine Klasse neidlos an, verneigt sich am Ende: „Er ist ein echter Sir und noch immer ein ganz großer Spieler.“ Auch ganz offensichtlich: „Schach hält ihn weiterhin jung.“

Große Auftritte

Großer Meister Andreas Dückstein wurde im Jahr 1927 als Sohn von ungarischen Sportprofessoren geboren. Auch er wollte den Beruf seiner Eltern ausüben. Doch dagegen hatten zuerst die Faschisten und dann die Kommunisten etwas. In Österreich hat er dann als Schachspieler und auch als Jurist eine schöne Karriere gemacht.

Großes Turnier Von 17. bis 25. August findet im Großen Festsaal im Wiener Rathaus das 18. Vienna Chess Open 2013 statt. Zu diesem Turnier haben sich bereits knapp 700 Schachspieler aus aller Welt angemeldet. Für Schachfans und Interessierte gibt es im Rathaus Public Viewing und Erklärungen von Experten. Nähere Infos: www.vienna-chess-open.at

(kurier) Erstellt am
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