Wirtschaft | Karriere
03.02.2018

Mitarbeiter halten? Unterhalten

Die voestalpine brachte vergangenes Wochenende 120 Mitarbeiter aus 41 Nationen an den Red Bull Ring zum Spielen. Mitarbeiterevents boomen – was bringen sie für den Einzelnen, was fürs Unternehmen?

Marcel wirft sich mit dem Oberkörper auf den aufgeblasenen Reifen. Unter ihm: 25 Meter steile Schnee-Strecke. Sein Anlauf war energisch: Er nimmt zu viel Fahrt fahrt auf, rutscht wild von Bande zu Bande, dreht sich im Kreis, schießt mit einem lauten "Aaah" mit den Beinen voran ins Ziel. Sein Team jubelt, "great man", klopft man dem Deutschen auf die Schulter. Seine Zeit: 1, 38 Minuten. Seine Team-Kollegin klatscht ihn ab und sprintet los.

Einen Steinwurf entfernt stehen ein Iraner und eine Brasilianerin das erste Mal in ihrem Leben auf Skiern. Sie sehen sogar das erste Mal in ihrem Leben echten Schnee. Und sollen gleich zum Biathlon-Bewerb antreten. Noch lachen sie darüber. Aus der Ferne brummen Buggies. Sie rutschen durch eine Schnee-Slalomstrecke, Fahrer und Beifahrer tief in die Sitze gepresst. In den wenigen Sekunden, in denen sie an einem vorbeirasen, erspäht man ihr breites Grinsen.

Spielen im Schnee

Der Schnee, den die Buggies aufwirbeln, glitzert in der Morgensonne. Eine Film-Drohne schwebt über der Szenerie, sie dreht ihre Runden vom Curling-Platz im Tal bis zum 68 Tonnen schweren, rostigen Stier etwas höher am Berg – dem Wahrzeichen des Red Bull Rings. Und der Kulisse der ersten "Winter Games" der voestalpine: Winterspiele, die das Unternehmen am Spielberg in der Steiermark für ihre Mitarbeiter veranstaltete. Vergangenes Wochenende flogen 120 der insgesamt 50.000 Mitarbeiter hierher (beworben für die Teilnahme haben sich 1200). Sie kamen aus 90 voest-Konzerngesellschaften und 41 Ländern und sollten in kleinen Teams in fünf Winterdisziplinen gegeneinander antreten. An diesen zwei Tagen begegneten sich die meisten Kollegen zum ersten Mal. Ganz informell: In Trainings- statt im Business-Anzug; mit weißem Spritzer und Après-Ski-Stimmung statt Espresso beim Meeting; mit Teamgeist auf Augenhöhe statt mit Hierarchie-Gehabe. "Eine Art global group socializing", nennt das voestalpine-CEO Wolfgang Eder.

Was das Unternehmen davon hat, ein so groß dimensioniertes Fest für seine Mitarbeiter zu schmeißen? "In einem technologie- und innovationsintensive Unternehmen machen die Menschen den Unterschied zu Konkurrenz. Ihr Wissen und Engagement sind Treiber für die Weiterentwicklung und damit die Basis für wirtschaftlichen Erfolg", erklärt Eder. Ihnen wolle man etwas zurückgeben, "ein unvergessliches Erlebnis ermöglichen", so der CEO. Seit Jahren schmeißt das Unternehmen Mitarbeiter-Events, Spielberg war bisher das größte. Wie viel es der Firma wert war, das zweitägige Spektakel zu veranstalten – dazu schweigt man. Nur so viel verrät der CEO: "Die Veranstaltung in Spielberg war uns gleich viel wert wie ein globales Management-Meeting – denn letztlich gilt für alle Mitarbeiter ein vergleichbarer Qualitäts- und Leistungsanspruch."

Nebenprodukt: Spaß

Ganz nebenbei passierte in Spielberg noch etwas: Die Belegschaft hatte Spaß. Die Firma wurde vom Arbeitgeber zum Entertainer und zog alle Wohlfühl-Register. Die Mitarbeiter verwandelten sich zu Botschaftern ihrer Firma, sie trugen die Firmenfarben, teilten Event-Fotos in sozialen Medien, gründeten untereinander Whatsapp-Gruppen, um auch künftig – zurück in ihrer Heimat – Kontakt zu halten. Es schien: Diese 120 werden dem Unternehmen noch lange die Treue halten. "Die Multiplikator-Effekte an unseren Standorten sind aus Unternehmenssicht von immenser Bedeutung", bestätigt Wolfgang Eder. Feste binden an die Firma.

Mitarbeiterbindung, also Employer Branding: An dem Führungstool kommt heute kein guter Manager mehr vorbei. Der aktuelle Hays HR-Report ruft das Thema Employer Branding sogar zum Top-HR-Thema 2018 aus. "Benefits wie Firmenevents werden von Mitarbeitern immer gerne angenommen – heute sogar oft auch erwartet. Gerade im heiß umkämpften Fachkräftebereich muss man sich vom Mitbewerb abheben. Sonderleistungen wie Events können die Arbeitgebermarke pushen", sagt Michaela Schwarzinger, Leiterin HR Management beim Beratungsunternehmen KPMG Österreich.

Wie das funktioniert? Wer sich gut um seine Mitarbeiter sorgt, wird auch außerhalb der Firmenwände als attraktiver Arbeitgeber wahrgenommen. "Events sind eine effektive Werbemaßnahme am Bewerbermarkt. Werbung aus den eigenen Reihen ist immer noch am authentischsten." Studien zeigen zudem: Feste machen die Belegschaft zufriedener und motivierter. "Wenn sich Kollegen besser kennenlernen, erhöht das die Mitarbeiterbindung und Loyalität."

Zufriedenheit steigern

Das weiß nicht nur die voest. Jede Firma, die heute etwas auf sich hält, schreibt sich Mitarbeiterevents auf die Fahnen und in die Stellenausschreibungen zum Punkt "Das bieten wir". Am Montag diese Woche etwa standen die Produktionslinien im Mattighofen-Werk des Motorradherstellers KTM für einige Stunden still. Die Belegschaft wurde eingeladen, den Rallye-Dakar-Sieg des Salzburgers Matthias Walkner am Standort zu feiern. 2500 Mitarbeiter empfingen ihn dort jubelnd, nach der Ansprache der Führungsetage von KTM gab es Selfies und Signaturen für die Feiernden.

314 Kilometer weiter östlich ließ sich ein Tag zuvor ein anderes Unternehmen etwas für sein Humankapital einfallen: Siemens lud 280 Mitarbeiter zum Skitag auf den Semmering. "Zentrales Motiv für Events wie diese ist die Zufriedenheit unserer Mitarbeiter. Wir evaluieren sie auch alle zwei Jahre", heißt es aus dem Unternehmen.

Große Firmen haben ein Leichtes bei der Bespaßung ihrer Belegschaft – der Event-Posten ist fix im Budget verankert. Doch auch die Kleinen wollen Mitarbeiter glücklich sehen und loyal halten. Michaela Schwarzinger von KPMG sagt: Es müsse ja auch nicht immer das ganz große Format sein. "Auch Seminare und Schulungen können die Mitarbeiter motivieren und binden. Nicht alle sind zudem Fans von großen Festen – manchen ist ein Event im kleinen Rahmen lieber."

Denn um die große Show als Geste geht es bei Mitarbeiterevents nicht. Viel wichtiger sind: "Das Kennenlernen der Kollegen untereinander und das Eingehen der Firma auf die Bedürfnisse der Menschen."