Wirtschaft | Karriere
15.12.2012

„Jede Putzfrau verdient mehr“

Die Medizinerin Beate Steinkellner aus Graz beendete im November ihre Ausbildung zur Allgemeinmedizinerin. Ihre Erfahrungen mit dem Krankenhausbetrieb sind schlecht.

Letzte Prüfung des Medizinstudiums bestanden – ein wirklich tolles Gefühl. Das Doktor-Diplom endlich in Händen – ein noch viel besseres. Auf dem Weg zum Arzt gibt es neben dem Studium aber noch eine alles entscheidende Hürde: Den Turnus. Mindestens 36 Monate praktische Lehrzeit in einem Krankenhaus oder bei einem niederlassenen Arzt.

Doktor Beate Steinkeller hat ihn hinter sich. Sie erzählt im beeindruckend offenen Interview über schnippische Schwestern, 66-Stunden-Wochen und fehlende Ausbilder.

KURIER: Frau Doktor, wie beurteilen Sie die Turnusarztausbildung in Österreich?

Beate Steinkellner: Schlecht. Es gibt keine Lehrmeister, die Ausbildung ist zu wenig praxisbezogen, man fühlt sich als billige Arbeitskraft. Außerdem bemerkt man zunehmend weniger Respekt von Seiten des Pflegepersonals gegenüber uns Jungärzten.

Wie äußert sich der fehlende Respekt?

Untertags wird man ignoriert und darf lediglich Formulare ausfüllen und Infusionen anhängen. Wenn der Nachtdienst beginnt, ändert sich das Bild schlagartig und man ist der vollwertige Arzt an der Front, und man ist gefordert, Entscheidungen zu treffen.

Wieso gibt es ein so angespanntes Verhältnis zwischen Schwestern und Turnusärzten?

Viele Schwestern sind schon jahrelang im Krankenhaus. Als Turnusarzt kommt man neu dazu und kennt die ganzen Gegebenheiten noch nicht. Und das lassen sie dich spüren. Wenn man sie fragt, welche Schmerzmittel in der Regel verschrieben werden, dann antworten sie nur schnippisch: „Sie sind der Arzt!“ Und wenn dich eine Schwester ganz besonders lieb hat, ruft sie dich wegen Belanglosigkeiten im 20-Minuten-Takt an.

Belanglosigkeiten?

Zum Beispiel wenn ein Patient Schmerzen hat. Anstatt ihm einfach Schmerzmittel in Form von Tropfen zu verabreichen – wozu sie befugt ist – ruft sie an, weil sie sich denkt: „Wieso soll der Arzt schlafen, er wird ja dafür bezahlt.“ Dass der Arzt aber oft 27 Stunden oder länger im Dienst ist, ist ihr egal. Meist seit halb 8 Uhr morgens auf den Beinen, stundenlang im OP, keine Zeit zu essen und um Mitternacht nochmals eine Runde mit den Infusionen. Vor ein Uhr früh kommt man selten ins Bett. Die Schwestern hingegen gehen nach zwölf Stunden Dienst nach Hause. Dass während meines Nachtdienstes das Pflegepersonal zwei Mal Schichtwechsel hat und ich noch immer da bin, sieht niemand.

Dafür werden Sie als Ärztin aber zumindest fürstlich entlohnt?

Wissen Sie, auf wie viele Stunden ich als Turnusärztin oft pro Monat komme? 265. Das entspricht einer 66-Stunden-Woche. Wenn man das auf das Gehalt aufrechnet, ergibt das einen Stundenlohn von etwa sieben Euro. Jede Putzfrau verdient mehr.

Sie sagen, dass es in den Krankenhäusern keine Lehrmeister gibt. Wie meinen Sie das?

Es fühlt sich niemand für die Turnusärzte zuständig. Jeder ist egoistisch und lässt niemanden ran. Der Oberarzt muss schauen, dass er die vorgegebene Zahl an Operationen einhält, der Assistenzarzt muss kämpfen, dass er überhaupt zum Operieren kommt, und der Turnusarzt rutscht durch und verbleibt bei niedriger Arbeit und langweiliger Administration. Was würde wohl ein Mechanikerlehrling sagen, wenn er im dritten Lehrjahr nur die Werkstatt auskehren dürfte?

Ist es schwierig, überhaupt eine Turnusstelle zu bekommen? Wie war das bei Ihnen?

Das ist bundesländerabhängig. In der Steiermark ist es vergleichsweise schwieriger. Während man in Oberösterreich den Turnus in der Mindestzeit von 36 Monaten schafft, dauert er in der Steiermark oftmals fünfzig Monate – oder sogar noch länger.

Woran liegt das?

In erster Linie daran, dass in Oberösterreich oder Kärnten die eigenen Landsleute – also Studenten, die eben aus Oberösterreich oder Kärnten kommen – zuerst eine Stelle bekommen. Bei der KAGes (Anm.: Steiermärkische Krankenanstaltengesellschaft) ist das nicht so. Die Steiermark ist das einzige Bundesland, in dem es rein nach dem Datum des Studienabschlusses geht. Außerdem braucht die KAGes die Turnusärzte als Systemerhalter auf der chirurgischen Abteilung. Für den Turnus benötigt man laut Plan vier Monate auf der Chirurgie, tatsächlich absolviert werden aber zehn Monate oder sogar mehr. Ich selbst hatte zwölf Monate auf der Chirurgie.

Es gibt die Möglichkeit, den Turnus bei niedergelassenen Ärzten zu absolvieren.

Hier liegt das Problem in der Bezahlung. Niedergelassene Ärzte müssen dem Turnusarzt eine gewisse Summe laut Kollektivvertrag zahlen. Das tun nur sehr wenige. Die Turnusärzte arbeiten dann gratis, indem sie dem Facharzt das eigene Gehalt vorfinanzieren, damit dieser ihnen das Geld am 15. wieder zurücküberweist.

Da spielen die Turnusärzte mit? Wieso tun sie das?

Ja. Weil sie einfach nicht noch länger Systemerhalter bei der KAGES sein wollen.

Beate Steinkellner: Vom Krankenhaus in die Landarztpraxis

1980 in Leoben als Tochter eines Landarztes und einer Ordinationsgehilfin geboren. Aufgewachsen im obersteirischen Kammern hielt sie sich oft in der Praxis ihres Vaters auf und entschied sich für ein Medizinstudium in Graz. Ihre Pflichtpraktika (Famulaturen) absolvierte sie in Österreich und Kroatien. Den Turnus begann sie 2010 in der väterlichen Praxis bis sie nach einem halben Jahr in den regulären Krankenhausbetrieb steirischer Spitäler wechselte. Die täglichen Reibereien zwischen Krankenschwestern und Ärzten sowie unzählige Dienste ohne Schlaf kennt die Obersteirerin zur Genüge. Nach Abschluss des Turnus kehrt Steinkellner nun dem Krankenhaus den Rücken zu und wird sich als Wahlärztin in ihrem Heimatort niederlassen.

Ärztekammer und ÖH wollen neuen Turnus

Als sogenannter „Turnus“ wird die Ausbildung zum Arzt für Allgemeinmedizin bezeichnet. Sofern es nicht zu Wartezeiten kommt, wird er nach dem regulären Abschluss des Medizinstudiums begonnen und dauert in Österreich mindestens 36 Monate. Er besteht aus den Fächern Chirurgie, Innere Medizin, Frauenheilkunde, HNO, Dermatologie, Kinderheilkunde und Neurologie/Psychiatrie. Nach Abschluss des Turnus und bestandener „Prüfung zum Arzt für Allgemeinmedizin“ ist man berechtigt, den Beruf selbstständig auszuüben.


Blut und Bürokratie
Der Turnus wird in Österreich stark kritisiert. Das betrifft einerseits die Dauer, nur in seltenen Fällen kann innerhalb der vorgegebenen Zeit abgeschlossen werden, zum anderen die mangelnde Ausbildung. Die Hauptaufgabe der Turnusärzte besteht darin, Blut abzunehmen, Infusionen anzuhängen und bürokratische Arbeiten zu erledigen. In den Operationssälen agieren Ober- und in Ausnahmefällen die Assistenzärzte, Turnusärzte halten lediglich den Haken. Das eigentliche Ziel, nämlich dem Turnusarzt das medizinische Handwerk zu erlernen, kommt oft zu kurz.
Eine Umfrage zur Turnussituation führt derzeit die Ärztekammer durch. Bisher wurden 6100 Turnusärzte befragt. „Die Durchschnittsnote auf der Schulnotenskala ist 2,79 und damit lediglich befriedigend“, fasst Harald Mayer, Vizepräsident der Ärztekammer zusammen. „Turnusärzte sind zwar mit viel Freude bei der Sache, arbeiten aber jetzt schon häufig am Limit. Sie brauchen berufliche Perspektiven, ansonsten werden viele von ihnen ins Ausland abwandern oder den Arztberuf gar nicht ausüben“, hielt der Kurienobmann fest. Grundsätzliche Änderungen in der Ausbildung zum Allgemeinmediziner und eine Förderung der Lehrpraxen seien längst überfällig. Und: „Die Turnusärzte dürfen nicht zu Systemerhaltern verkommen. Auch Bundesländer mit guten Bewertungen haben mit Nachwuchsproblemen zu kämpfen, einfach, weil die beruflichen Rahmenbedingungen im Ausland oft besser sind.“
Einen akuten politischen Handlungsbedarf sieht auch der neue Obmann der Bundessektion Turnusärzte in der Ärztekammer Karlheinz Kornhäusl. Die Politik müsse endlich reagieren und für den medizinischen Nachwuchs attraktive und akzeptable Ausbildungsverhältnisse schaffen, „sonst stehen wir in wenigen Jahren vor dem Problem eines massiven Ärztemangels“, so Kornhäusl. Bereits jetzt würden viele junge Ärztinnen und Ärzte den Turnus abbrechen oder ihre Ausbildung im Ausland absolvieren. Kornhäusl: „Das alles ist eine Zeitbombe und ein großes Risiko für die künftige Gesundheitsversorgung in unserem Land.“

Mehr Praxis
Diskutiert wird, den Turnus inhaltlich zu verändern und schon während des Studiums ein klinisch-praktisches Jahr einzuführen. Christian Orasche von der ÖH Medizin Wien: „Wir hoffen, dass auf allen drei Unis ein klinisch-praktischer Teil im letzten Studienjahr eingeführt wird, in Innsbruck und Graz gibt es das schon. In weiterer Folge soll das der erste Schritt zur Reform der postgraduellen Ausbildung sein.“ Der Turnus müsse seiner Meinung nach dringend verbessert werden.