Wirtschaft | Karriere
08.01.2018

Gutes Jahr für Optimisten

Überall ist die Rede vom Aufschwung. Aber wer hat diese Stimmung verinnerlicht? Zu lange wurde uns der Optimismus ausgetrieben. Dabei ist er so wichtig. Wie man Optimist wird und wer sich vom Aufschwung tatsächlich etwas versprechen kann.

Selbst die überzeugtesten Optimisten hatten es in den vergangenen Jahren schwer, ihre positive Haltung zu bewahren. Jeden Monat stieg die Arbeitslosigkeit auf einen neuen Rekord, laufend wurde von der schlechten wirtschaftlichen Lage berichtet, in Meetings und Betriebsversammlungen wurde noch mehr geknurrt, als üblich. Hätte da jemand gesagt: "Das wird super. Packen wir es an", er wäre für übergeschnappt oder zumindest schwerst naiv abgestempelt worden.

Frage der Einstellung

Aber jetzt ist es tatsächlich so weit: Das wird super. Die Wirtschaft wächst, die Arbeitslosigkeit sinkt. Packen wir es an. Kein Wunder, wenn sich das unwirklich anfühlt. Denn so einfach ist es mit dem Optimismus nicht. Er funktioniert nicht auf Zuruf, Knopfdruck oder mit dem Besuch eines Wochenendseminars, schon gar nicht nach Jahren der Prügel. Optimismus braucht Pflege und Übung. Doch es lohnt sich, das belegte der amerikanische Psychologe Martin Seligman bereits in den 1990er Jahren: Optimisten sind erfolgreicher, sie verdienen mehr. Und sie leben länger.

Jens Weidner

Einer, der demnach sehr reich sein muss (und lange leben wird) ist Jens Weidner. Der Optimismus sitzt bei dem Erziehungswissenschaftler und Kriminologen so tief, dass er im September vergangenen Jahres ein Buch mit 218 Seiten im Campus Verlag zu dem Thema veröffentlicht hat. Es heißt natürlich "Optimismus". Er schreibt: "Optimismus macht Sie zufrieden, weil er ihnen hilft, das Leben positiv zu sehen, selbst wenn gerade einmal nicht alles optimal verläuft, denn Optimisten verschwenden kaum Gedanken an Realitäten, die sich nicht ändern lassen. Sie konzentrieren sich auf das, was machbar ist und Erfolg verspricht, auch wenn das viele kleine Schritte bedeutet."

Gute Chancen

So wären wir doch alle gerne. Die Chancen dafür, so zu werden, stehen auch gar nicht schlecht. Denn die genetische Veranlagung ist nur zu 30 Prozent für eine optimistische Lebenseinstellung verantwortlich. 70 Prozent gehen auf das Konto der Sozialisation, also auf die Erfahrungen, die man im Leben sammelt. Noch eine Zahl, die ermutigt: 80 Prozent der Menschen tragen den grundlegenden Hang zum Optimismus in sich, sagt die Neurowissenschaftlerin Tali Sharot in einem viel beachteten TED-Talk. Das muss stimmen, weil hätten wir diese Anlage nicht, wir würden weder heiraten, noch ein Unternehmen gründen. Tatsache ist nämlich, dass 40 Prozent der Ehen in der westlichen Welt geschieden werden und jede dritte Neugründung nach fünf Jahren Geschichte ist. In gewisser Weise ist Optimismus also nicht mehr als Selbsttäuschung oder Größenwahn. Er kann sogar gefährlich werden. Dann, wenn er alle Warnungen und Risiken überstrahlt und zum leichtfertigen Handeln anspornt. Wenn man will, kann man sogar die Finanzkrise in die Schuhe der Optimisten schieben. Die Psychologin Astrid Schütz erklärt: "Eine zu große Dosis Optimismus kann sogar schädlich sein: Man droht sich zu überschätzen wie ein General, der seine Soldaten in eine verlorene Schlacht schickt oder ein Börsenanleger, der sich heftig verspekuliert. Es ist gut, die Dinge ein bisschen rosiger zu sehen als sie eigentlich sind. Positives Denken ist hilfreich, aber nicht in jeder Form, nicht in jeder Situation, nicht für jeden Menschen."

Optimistisch, aber nicht naiv

Selbst Super-Optimist Jens Weidner sieht im naiven Optimismus eine Gefahr. Er lobt den sekundären Optimismus, einen Optimismus mit Argwohn und Abwägen. Und der geht so: Erstens, solle man Chancen sehen, ohne Risiken zu ignorieren. Zweitens, müsse man abwegen, ob das Projekt und seine Ziele den Einsatz lohnen. Drittens: Maßnahmen einleiten. Und viertens, man müsse das Projekt mit langem Atem durchziehen, auch bei Kritik. Dieser nüchterne Zugang könnte für Österreicher gut passen. Sind sie doch eher für Galgenhumor und Grantlertum bekannt, als für den Blick durch die rosarote Brille auf die Welt. Obwohl sich hier gerade etwas ändert: Eine Umfrage vom Meinungsforschungsinstitut Imas vom Dezember hat ergeben , dass die Österreicher so positiv, wie schon lange nicht mehr, in die nahe Zukunft blicken. 47 Prozent gehen zuversichtlich ins neue Jahr. Erstmals seit sechs Jahren gibt es damit mehr Optimisten als Pessimisten (39 Prozent). Jens Weidner meint, dass man in Österreich, der Schweiz und Deutschland dem, wie er es nennt, "Hidden Optimism" frönt. "Der eben nicht mit einem Lächeln beginnt, auch nicht mit Lässigkeit, sondern mit einer ernsthaften Prüfung der Realität, völlig humorfrei."

Ohne Größenwahn

Wenn Optimismus gefährlich werden kann, wäre es dann nicht besser ihn auszumerzen? Möglich wäre es, wie das Forscherteam um Tali Sharot herausfand, da man weiß in welchen Gehirnregionen er sitzt. Doch die Antwort von Tali Sharot ist klar: "Nein". Denn ohne Optimismus gäbe es keinen Fortschritt, keine Weiterentwicklung, keine Lösungen für Probleme – weder für die kleinen, noch für die großen der Welt. Dann wäre die Stimmung wohl dauerhaft auf dem Tiefpunkt der vergangenen Jahre. Es braucht also die Optimisten ohne Größenwahn, die sich dem Hang zur Täuschung bewusst sind. 47 Prozent optimistische Österreicher sind ein Anfang. Aber es braucht mehr. Weil sie, so Jens Weidner, "extrem wichtig für die Gesellschaft sind, weil sie die Zukunft erfolgreich und positiv denken können, lange bevor sie begonnen hat."

Industrie, Bau und Handel profitieren

Die Wirtschaft startet mit einer guten Portion Optimismus ins neue Jahr. Doch welche Unternehmen werden letzten Endes davon profitieren? Die gute konjunkturelle Entwicklung, die Ökonomen für 2018 erwarten, wird sich vor allem für die Bauwirtschaft, die Industrie, den Tourismus und den Handel positiv auswirken. In diesen Branchen nimmt die Arbeitslosigkeit überdurchschnittlich ab, geht aus den aktuellen Zahlen des Sozialministeriums hervor.
Die Hochkonjunktur hilft heuer mehr Menschen, einen Job zu finden. Viele Unternehmen werden in den nächsten drei Monaten neue Mitarbeiter einstellen. Der stärkste Beschäftigungszuwachs wird von Arbeitgebern im Finanz- und Dienstleistungssektor erwartet (+7 Prozent). Vor allem große und mittlere Unternehmen wollen Personal einstellen, geht aus dem Manpower-Beschäftigungs-Ausblick für das 1. Quartal hervor.
In Summe werden ca. 74.000 neue Arbeitsplätze geschaffen, erwartet der Berater EY. Die Erwerbslosenquote, die arbeitslose Österreicher auf Jobsuche erfasst, sinkt auf 5,1 Prozent.

Chancen in Oberösterreich am größten

Regional betrachtet ist die Zahl der Arbeitslosen 2017 vor allem in Tirol, in der Steiermark und dem Burgenland gesunken. Besonders hoch war die Arbeitslosigkeit im Dezember in Wien und in Kärnten. An der gestiegenen Anzahl an verfügbaren Stellen in Westösterreich zeigt sich, dass sich der Fachkräftemangel vor allem im Westen und in den ländlichen Regionen noch weiter zuspitzen wird.
Die Arbeitgeber in fünf von neun Bundesländern planen im ersten Quartal Neueinstellungen, geht aus dem aktuellen Manpower Arbeitsmarkt-Barometer hervor. Am stärksten wird das Personal in Oberösterreich aufgestockt, gefolgt von Tirol, Salzburg und der Steiermark. Zurückhaltender sind die Arbeitgeber in Vorarlberg, Wien, Kärnten und dem Burgenland.
In den Bundesländern Oberösterreich, Salzburg und Tirol zeigt sich ein immer größerer Überhang an sofort verfügbaren offenen Lehrstellen, die nicht besetzt werden können. Im Gegensatz dazu ist in Wien Ende Dezember ein merklicher Anstieg der Lehrstellen-Suchenden zu verzeichnen gewesen.

Facharbeiten und IT-Experten gesucht

Der Wermutstropfen 2018: Der Fachkräftemangel wird sich in diesem Jahr verschärfen – was für einige Branchen zu Problemen bei der Besetzung neuer Stellen führen wird. „Der Arbeitsmarkt für Akademiker und Facharbeiter ist vielerorts leer gefegt“, sagt Gunther Reimoser, Country Managing Partner von EY Österreich. „Das könnte für den Standort zu einem echten Problem und zu einer Wachstums-Bremse werden.“
Besonders den Mangel an Fachkräften mit IT-Hintergrund werden die Firmen in den kommenden Jahren stark spüren. Reimoser: „Die Digitalisierung erfasst immer mehr Bereiche – etwa Produktion und Entwicklung oder Verwaltung und Dienstleistung. Um diesen technologischen Wandel voranzutreiben, werden mittelfristig IT-Experten wie Softwareentwickler benötigt, die in Österreich immer schwieriger zu finden sind.“ In Deutschland, das eine Vorreiterrolle für Österreich einnimmt, sind die Engpässe schon dramatisch: Vor allem Ingenieure, Mechatroniker, Mathematiker, Wirtschaftswissenschaftler und IT-Spezialisten werden händeringend gesucht.