Die Arbeit mit dem Wunder

Martin Landau
Foto: KURIER/Jeff Mangione Michael Landau: „Wir handeln wirtschaftlich global, politisch multilateral und moralisch ethisch erstaunlich provinziell“

Caritas-Wien-Direktor Michael Landau spricht an, was die Menschen nicht hören wollen

Michael Landau steht im Rampenlicht, aber scheut den roten Teppich. Von sich selber gelangweilt, spricht er nach wenigen Minuten wieder von seiner Arbeit. Von Menschen auf der Flucht, von Menschen am Ende ihres Lebens, von Pflege, Schlafsäcken für Obdachlose, Ungerechtigkeiten, himmelschreiender Armut und obszönem Reichtum. Seine Arbeit definiert ihn, den Priester mit Talent zur Führungskraft, der eigentlich Chemiker werden sollte.

Der Direktor der Caritas in Wien ist vor Weihnachten oft in der Gruft. Bizarr, dass die Herberge für Obdachlose geografisch direkt neben dem Epizentrum des Konsums liegt: der Mariahilfer Straße. Oben glitzert es und blinkt’s, unten in der Gruft raucht es und riecht’s. Wärmer ist es unten. Auch weil hier gerade gekocht wird: Saftfleisch, Kartoffelpürree, Gemüselaibchen. „Wie heißt er? Ich habe in der Zeitung von ihm gelesen. Guter Mann“, sagt eine Dame. Sie trägt Brille, einen Wollpullover und steht für eine Portion Mittagessen in der Schlange. Viele kennen Michael Landau hier. Die Frau lächelt den hell gekleideten Priester, der in seiner Anfangszeit mit Obdachlosen am Bahnhof Bier getrunken hat an, „das war eine Hetz damals.“

Zwei Jahre, bevor der in Wien geborene Landau in Chemie promovierte, begann er mit dem Theologiestudium. „Ich wollte wissen, ob das für mich interessant ist. Wider Erwarten, war es der richtige Weg.“ Mit 28 trat er in das Priesterseminar ein. „Mein Vater hat gesagt: ,Wieso? Du hast doch schon etwas Anständiges gelernt.‘ Dann aber waren die Eltern zufrieden.“

Landau formt mit seinen Händen die Worte, die er zuvor in der Luft sucht. Es sind große, gepflegte Hände. Manchmal knackt er mit den Fingern. Manchmal reibt er sich mit der offenen Handfläche, mit dem Handballen die Augen. Hinter ihm im Regal stehen Bücher. Eines davon: „Tod im Pfarrhaus.“ Daneben: „Gone with the wild.“

Vom Unrecht

Landau wird nicht laut, wenn er sich ärgert. Er zählt zu jenen, die leise werden. Aber schweigen? Niemals. Nicht bei Unrecht. Wenn etwa die Neiddebatte am unteren Ende von Politikern geschürt wird, die nach Wählerstimmen fischen. Oder wenn die Unschuldigen der Wirtschaftskrise zum zweiten Mal zu Opfern werden. „Die Krise wurde von der Gier einzelner, von strukturellen Problemen und von schlechter Politik verursacht. Jetzt so zu tun, als hätten wir uns zu viel um die Schwachen gekümmert und als müssten wir das einschränken, damit die Situation endlich besser wird – das ist Unrecht und unfair.“ Ist es notwendig ist, kann Landau sehr beharrlich sein. Wenn er über Ungerechtigkeiten spricht, verschwindet die angenehme Sanftheit aus seinen Augen. Wenn er von seiner Arbeit spricht, von den vielen Erfolgsgeschichten, von den „Wundern“ wie er sagt, „wo einem der Mund und das Herz auf Grund der Freude offen stehen bleiben“, kommt sie wieder.

Ein Mann im schwarzen T-Shirt schüttelt Landau die Hand. Landau erklärt später, dass man einander schon länger kennt. Dass der Mann seit Kurzem seine eigene Wohnung hat und sehr stolz darauf ist. Dass er trotzdem den Gruft-Schlafsack mitgenommen hat, weil er befürchtet, nach vielen Jahren auf der Straße nicht mehr in einem Bett schlafen zu können. Dass er noch immer in die Gruft kommt, weil sie ihm so lange Heimat war.

„Wird die Welt jetzt untergehen?“, ruft ein Gruft-Bewohner aus der Menge. „Nein“, sagt Landau. „Jetzt nicht. Vielleicht in ein paar Milliarden Jahren.“ „Was hat er gesagt?“, ruft ein anderer und bekommt als Antwort: „Der Chef hat g’sagt, dass die Welt jetzt nicht untergeht.“

Kurz gefragt

7 Fragen an Michael Landau

Martin Landau
Foto: KURIER/Jeff Mangione

Als Kind wollte ich ...
... gerne Forscher werden.
Erfolg ist für mich ...
... wenn wir gemeinsam etwas zum Positiven ändern können.
Die größte Herausforderung ...
... meine Ungeduld.
Ein Fehler war/ist ...
... menschlich.
Mein Führungsstil ...
... die Stärken von Mitarbeitern zu erkennen und zu fördern.
Mein Buch ...
... eines der Bücher, die ich zuletzt gelesen habe ist von Arno Geiger, „Der alte König in seinem Exil“.
Mein Luxus ...
... Zeit zu haben und ab zu in ein Konzert zu gehen.

Stationen

Michael Landau's Karriereweg

Geboren am 23. Mai 1960 in Wien
1970–1978 Naturwiss. Realgymnasium in Wien. In der Schulzeit zwei Mal Gewinner der Österr. Chemie-Olympiade.
1977 Bronzemedaille bei der Internationalen Chemie-Olympiade. Stipendiat bei „Pro Scientia“
Ab 1978 Studium der Biochemie.
1988 Dr. rer. nat.
Ab 1986 Studium der kath. Theologie an der Uni Wien.
1989 Studium in Rom
1993 Licentiat in Kirchenrecht
1993/94 Spezialstudien im Bereich kirchlicher Jurisprudenz.
1999 Dr. iur. can.
1988 Eintritt in das Priesterseminar der Erzdiözese Wien.
1992 Priesterweihe in Rom Caritas
Seit 1. Dez. 1995 ist Michael Landau Caritasdirektor der Erzdiözese Wien. Am 28. November 2006 erfolgte die Ernennung zum Monsignore. 2008 wurde Landau zum Vorsitzenden der Rechtskommission der „Caritas internationalis“ gewählt.

(kurier / Andrea Hlinka) Erstellt am
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