Schwedinnen: Job, aber keine Karriere

EPAepa02030061 The Sweden team players celebrate their victory over Switzerland in their Group match of Womans Ice Hockey tournament at the Vancouver 2010 Olympic Games, Vancouver, Canada, Friday 13 February 2010.  EPA/SRDJAN SUKI
Foto: EPA Schwedische Eishockey-Spielerinnen. Renstig: „In Schweden kann eine Frau leicht einen Job haben, aber nicht notwendigerweise eine Karriere“

In Schweden sind die Frauen "gleicher" als in Österreich. Trotzdem sind sie noch lange nicht gleichgestellt.

Wenn wir hier auf die Freiwilligkeit setzen, so wie bei den Aufsichtsräten, kriegen wir noch lange keine Papas in den Papa-Monat“, sagte Frauenministerin Gabriele Heinisch-Hosek am Donnerstag im KURIER. Pünktlich zum Internationalen Frauentag ist erneut die politische Diskussion um die Pflicht der Väter entbrannt. Wenn es um Gleichstellung geht, blicken Frauenverbände, Politikerinnen und Wissenschafterinnen gern und reflexartig gen Norden. In gleicher Position verdienen die Schwedinnen 95 Prozent des Gehalts der Kollegen – davon können die Österreicherinnen nur träumen. Für Monica Renstig, CEO des „Women’s Business Research Institute“ in Stockholm, ist Schweden noch lange kein Schlaraffenland für Gleichstellung.

KURIER: Laut EU-Kommission liegt Schweden beim Frauenanteil in Führungspositionen börsennotierter Unternehmen mit 25 Prozent hinter Finnland (27) und Lettland (26). In den USA sind es 40 Prozent. Was machen die Amis besser?

Monica Renstig: Darüber lässt sich spekulieren. Ein Grund mag sein, dass man in den USA Vollzeit arbeiten muss, um Karriere zu machen. Frauen spielen auf dem Markt nach denselben Regeln wie Männer – für den Arbeitgeber ist das Risiko geringer, eine gut qualifizierte Frau einzustellen. In Schweden muss eine Frau nicht zwischen Karriere und Kind unterscheiden, in den USA ist das sehr wohl der Fall. Die US-Firmen sind stärker fokussiert auf Ergebnisse und Wettbewerb. Die Frauen arbeiten viele Stunden pro Tag und können nicht mehr als ein, zwei Monate nach Geburt des Kindes von der Arbeit fernbleiben.

Schweden ist das Land der erwerbstätigen Frauen?

75 Prozent der Frauen arbeiten. In Schweden kann eine Frau sehr leicht einen Job haben, aber nicht notwendigerweise eine Karriere. Im Vergleich zu den USA hat Schweden auch einen stärker nach Geschlechtern segregierten Markt. Generell gesagt: Männer arbeiten bei uns in der Privatwirtschaft, jede zweite Frau hingegen für den öffentlichen Dienst – als Lehrerinnen, Krankenschwestern, Anwältinnen. Weil die Möglichkeit, Teilzeit zu arbeiten, größer ist.

Klingt nicht sehr karriereförderlich.

Die Gehälter im öffentlichen Dienst sind niedriger als in der Privatwirtschaft. Die Frauenquote bei Führungspositionen im Öffentlichen Sektor liegt dafür aber auch höher, bei 46 Prozent.

2009 waren 22 Prozent der Vorstände in schwedischen börsenotierten Unternehmen weiblich, in Österreich sind es nur 4,7 Prozent. Was macht ihr anders?

Der Grund war: 2002 (damals lag der Frauenanteil in Vorständen bei sechs Prozent, Anm.) hat die damalige sozialdemokratische Regierung mit einer Frauenquote gedroht, wenn die Firmen sich nicht selbst kümmern. Viel wesentlicher aber ist es, die Frauen ins Top-Management zu bekommen. Hier liegt die Frauenquote in Schweden auch nur bei 15 Prozent. Er ist zwar in den vergangenen Jahren leicht gestiegen – 2002 waren es noch 11 Prozent –, aber hauptsächlich deswegen, weil die Schwedinnen immer besser ausgebildet sind. 68 Prozent der Akademiker sind weiblich.

Was tun, um mehr weibliche CEOs zu bekommen? Teilzeit für Managerinnen?

Nein, es ist vielmehr notwendig, Frauen wieder mehr in die Vollzeitarbeit zu bringen, um ihnen eine Karriere zu ermöglichen. Und mehr Männer in die Elternkarenz – und zwar gerecht aufgeteilt: sieben Monate der Vater, sieben Monate die Mutter. Die Karenz dauert ja 14 Monate, man erhält 80 Prozent des Bruttogehalts. Derzeit müssen die Väter nur für zwei Monate in Karenz gehen. Und ist ein Kind krank, sollte auch mal der Vater zu Hause bleiben und nicht nur die Mutter. Dann gäbe es auch ein geringeres Risiko für die Arbeitgeber, Frauenkarrieren zu fördern.

Heute gehen aber doch 85 Prozent der schwedischen Väter in Karenz.

Sieht man genauer hin, sieht das Bild nicht so rosig aus: Väter nehmen nur 22 Prozent der Karenztage. Meist im Sommer und in Verbindung mit Urlaub, und bei längerer Dauer meist nur in Teilzeit, gemeinsam mit der Mutter.

Das ist jetzt ernüchternd ... In Österreich berichten Karenzväter immer wieder von Mobbing, die schwedischen Unternehmen sind da weiter, hört man.

Die meisten Firmen akzeptieren es, wenn Männer in Karenz gehen. In höheren Positionen kann es aber durchaus ein Problem sein.

Was müsste in Schweden anders laufen?

Zu viele Frauen entscheiden sich für Teilzeitarbeit. Geht Frau mit drei Kindern in Karenz, geht auch die Karriere flöten. Vielen Frauen – und mittlerweile auch Männern – ist eine Karriere den Aufwand nicht wert. Und immer mehr Frauen wünschen sich ein Luxusleben à la amerikanische Hausfrau.

In Österreich wird über ein Papamonat diskutiert – wozu raten Sie?

In Österreich sind es sehr lange Karenzzeiten, die vorrangig von Frauen in Anspruch genommen werden. Es wäre besser, sie nach isländischem Modell zu teilen – drei Monate der Vater, drei die Mutter, drei individuell. Und: Österreich sollte wie in Schweden leistbare Ganztagesstätten einführen. Und vergesst nicht, die weiblichen Karrieren zu fördern.

Monica Renstig: Gender-Forscherin

Zur Person Monica Renstig ist Ökonomin und Wissenschafterin und arbeitete als Journalistin und Kolumnistin beim Svenska Dagbladet. Sie leitet das Women’s Business Research Institute (Wombri) in Stockholm. Das Institut führt Studien zu frauenspezifischen Themen wie Frauenkarrieren, Frauen am Arbeitsmarkt oder Frauen und Gesundheit durch. Renstig ist auch Gründerin und Inhaberin der Renstig Consulting Group, die Unternehmen und Gemeinden u. a. im Bereich IT und Krankenpflege berät.

(kurier) Erstellt am