Qualifizierte Migranten: Sie sind längst hier

Hoch qualifizierte Migranten finden auf dem österreichischen Arbeitsmarkt kaum Anerkennung. Daran ändert auch die Rot-Weiß-Rot-Card nichts.

Als der Geschäftsführer den Brief von der Asylbehörde erhielt, staunte er nicht schlecht: Der Afrikaner, der im Unternehmen den niedrigsten Job von allen hatte, nämlich in der Müllabteilung, war ein Doktor Doktor. Er hatte mehr Bildung als die gesamte Belegschaft und die Geschäftsführung zusammen. Eine peinliche Sache. Also wurde er kurzerhand gekündigt.

Auch wenn die Rot-Weiß-Rot-Card als ultimatives Lockmittel für Spitzenkräfte angepriesen wird: Diese kleine Anekdote, die Migrationsforscher August Gächter gern erzählt, ist symptomatisch für die Situation hoch qualifizierter Migranten am österreichischen Arbeitsmarkt. Der ausländische Studienabschluss zählt für einen guten Job nicht viel. Dann bleibt nur mehr der miese Job - für den man den Bildungsgrad lieber verschweigt, um ihn zu bekommen. So findet sich der serbische Diplomingenieur als Buschauffeur wieder, die afghanische Wissenschaftlerin als Kassierin. "Dequalifikation" nennen das Experten.

Die Akademikerquote unter den Migranten in Österreich ist hoch: 30 Prozent der erwerbstätigen EU-Bürger haben einen akademischen Abschluss, bei den Drittstaatsangehörigen sind es gar 42 Prozent. Fast ein Drittel der erwerbstätigen Zuwanderer fühlt sich überqualifiziert, bei den Österreichern ist es nur jeder Zehnte.

Je nach Wirtschaftslage

Ob hoch qualifizierte Migranten Chancen auf einen adäquaten Job haben, hänge von der heimischen Konjunktur ab, sagt Experte Gächter: "Wegen der Wirtschaftskrise ist ihre Dequalifikation seit 2008 gestiegen." Doch warum geben sich Akademiker mit Putzjobs zufrieden? "Die Leute können oft nicht anders", sagt Norbert Bichl, Leiter der Anerkennungs- und Weiterbildungsstelle für Migranten. Für Familiennachzug und Staatsbürgerschaft müsse man ein geregeltes Einkommen nachweisen, "da sind viele gezwungen, irgendeiner Tätigkeit nachzugehen." Bleibe man zu lange im gering qualifizierten Job, werde es schwierig, sagt Bichl: "Das Risiko steigt, nicht mehr im ursprünglichen Beruf beschäftigt zu werden."

Wer einen adäquaten Job will, sollte sein Studium nostrifizieren lassen, rät Beate Sprenger vom AMS. Und nur so sind Migranten überhaupt offiziell als Akademiker sichtbar: Denn in der AMS-Datenbank wird jeder ausländische Abschluss unter "P0 - kein Abschluss" gespeichert. Laut Sprenger nicht anders möglich: "Das AMS kann keine Abschlüsse anerkennen. Unsere Berater vermerken aber das Know-how des Klienten."

Von ihren ausländischen Bewerbern würden jedenfalls viele Unternehmen eine Nostrifizierung einfordern, bestätigt Norbert Bichl. "Sie können mit einem ausländischen Diplom meist wenig anfangen." Die Anerkennung von Hochschulabschlüssen sei jedoch kompliziert, meint Thomas Mayr vom Institut ibw: "Was im Ausland als Hochschulabschluss gilt, ist in Österreich unter Umständen nur ein HTL-Abschluss." Oft bleibe laut Bichl daher nur, nochmals zu studieren und sich Kurse anrechnen zu lassen. Was wiederum schwierig ist, wenn man arbeiten muss -, um das Einkommen für den Aufenthaltstitel nachzuweisen. Eine Alternative sei eine Bewertung des Abschlusses, die man von der zuständigen Stelle NARIC einholen kann, so Bichl.

An diesen Hürden würde auch die Rot-Weiß-Rot-Card nicht viel ändern, meint Gächter: "Die Schlüsselkräfte kommen für einen fixen Job ins Land, der Arbeitgeber erkennt ihre Qualifikationen informell an." Doch verlieren sie den Job, "sind ihre Qualifikationen nichts mehr wert".

Für Migranten: Zugang erleichtern

Hochqualifizierte Zuwanderer aus Nicht-EU-Staaten können seit 1. Juli die Rot-Weiß-Rot-Card beantragen. Frühestens zwölf Monate nach Niederlassung und einer zehnmonatigen Beschäftigung als Schlüsselkraft kann der Aufenthaltstitel "Rot-Weiß-Rot-Karte plus" mit dem Zusatz "freier Zugang zum Arbeitsmarkt" erteilt werden.

Im Herbst startet der nächste Durchgang "Mentoring für MigrantInnen"in Wien, Niederösterreich und Oberösterreich. MentorInnen und Mentees können sich bis 14. September bewerben. Info: wko.at/mentoring

Von der Uni an die Kassa: "Das ist schon frustrierend"

Eine, die es geschafft hat: Jelena Radonjic hat in Serbien Biotechnologie studiert. In Österreich begann sie als Supermarktkassierin – heute ist sie Labormitarbeiterin bei Vienna Lab.
© Bild: KURIER/Martin Gnedt

Um in Russland russische Literatur zu studieren, verließ Farahnaz Musawar Afghanistan. Heimgekehrt musste sie bald vor den Taliban flüchten. 2004 kam Musawar mit ihrem Mann nach Österreich: "Ich habe gleich Deutschkurse besucht." Von 2005 bis 2006 schloss Musawar eine Ausbildung als Europasekretärin ab, machte den Europäischen Computerführerschein. Danach schrieb die heute 37-Jährige vier Jahre lang Bewerbungen an österreichische und russische Firmen, ohne Erfolg. "Russisch ist meine zweite Muttersprache, in Österreich ist sie offenbar nicht gefragt", sagt sie enttäuscht. Nach dem Ende der Karenz nach ihrem dritten Kind beginnt sie demnächst einen Teilzeitjob im Supermarkt. "Ich habe sieben Jahre studiert, das ist schon frustrierend." Den Job braucht sie für den Einkommensnachweis. "Wir möchten gern die Staatsbürgerschaft beantragen." Musawars Ehemann war in Afghanistan ein angesehener Pathologe. "Er hat 13 Jahre seine Ordination geführt." Heute arbeitet er im Fitnesscenter - als Putzkraft.

Vom Chef zum Busfahrer: "Zufrieden bin ich noch nicht"

Eine, die es geschafft hat: Jelena Radonjic hat in Serbien Biotechnologie studiert. In Österreich begann sie als Supermarktkassierin – heute ist sie Labormitarbeiterin bei Vienna Lab.
© Bild: KURIER/Martin Gnedt

Bojan Jovanovic studierte in Belgrad Elektrotechnik. 2008 kam er mit seiner Familie nach Österreich, um seinen beiden Kindern eine bessere Zukunft zu bieten. Aus dem ursprünglichen Jobangebot einer österreichischen Firma wurde nichts - wegen der Wirtschaftskrise. Während seine Frau, eine Maschinenbautechnikerin einen Job in einer Konstruktionsfirma fand - "sie spricht viel besser Deutsch als ich" - ging Jovanovic wieder nach Serbien, arbeitete als Wartungsingenieur für ein Thermokraftwerk. "Dort war ich Chef von 13 Mitarbeitern" , sagt er stolz. In Österreich ließ er sein Diplom nostrifizieren - "das dauerte nur einen Tag" (Anm.: ein Abkommen mit Serbien vereinfacht die Nostrifizierung) . Im Herbst 2009 kehrte er nach Österreich zurück, meldete sich beim AMS und absolvierte einen sechsmonatigen Deutschkurs. Zurzeit arbeitet Bojanovic als Bus-Chauffeur für behinderte Menschen. "Der Job ist nicht schlecht, aber zufrieden bin ich noch nicht. " Im Herbst nimmt er am Mentoring-Programm für Migranten teil, um einen technischen Job zu finden. "Die Chancen stehen 50 zu 50."

Vom Supermarkt ins Labor: "Job zu finden, war nicht schwer"

Eine, die es geschafft hat: Jelena Radonjic hat in Serbien Biotechnologie studiert. In Österreich begann sie als Supermarktkassierin – heute ist sie Labormitarbeiterin bei Vienna Lab.
© Bild: KURIER/Martin Gnedt

In Serbien ist es für junge Leute sehr schwer, einen Job zu finden", sagt Jelena Radonjic. Vor fünf Jahren kam die Akademikerin nach Wien. In Belgrad hatte Radonjic Biochemisches Engineering und Biotechnologie studiert. Berufserfahrung konnte sie noch nicht vorweisen. "Ich habe nur ein Praktikum gemacht." Zwei Wochen nach ihrer Ankunft in Österreich begann die heute 32-Jährige, bei einer Supermarktkette als Kassierin zu arbeiten. Gleichzeitig ließ sie ihr Studium nostrifizieren. Nach über einem Jahr bei Zielpunkt wurde sie schwanger - in der Karenz bekam sie auch das zweite Kind. Gegen Ende der zweiten Karenz machte sie sich auf Jobsuche im Internet: "Als Akademikerin aus dem Ausland einen Job zu finden, war nicht schwer", lacht sie. "Ich habe mich auf eine Jobausschreibung von Vienna Lab beworben - und bin gleich genommen worden. Das war mein erstes Vorstellungsgespräch." Vier Monate ist das jetzt her. Der Job macht der jungen Frau Spaß: "Ich arbeite in der Pränataldiagnostik, das ist sehr spannend." Einzig an der Sprache hapert es: "Ich möchte mein Deutsch verbessern. Aber die Mitarbeiter haben viel Verständnis."

Vom Studenten zum Vermittler: "Ohne Sprache geht nix"

Eine, die es geschafft hat: Jelena Radonjic hat in Serbien Biotechnologie studiert. In Österreich begann sie als Supermarktkassierin – heute ist sie Labormitarbeiterin bei Vienna Lab.
© Bild: KURIER/Martin Gnedt

Niemand wird einem einen tollen Job auf dem blauen Teller servieren", sagt Alex in perfektem Deutsch. 2007 ist er aus der ehemaligen Sowjetunion nach Österreich gekommen. Große Probleme für qualifizierte Zuwanderer in Österreich sieht er nicht. "Es hängt viel von der persönlichen Einstellung ab. Ohne die Sprache geht nix." Deutsch hat der 32-Jährige bereits in seiner Heimat studiert, ebenso wie Wirtschaftswissenschaften. Seinen Bachelor-Abschluss nostrifizieren will er nicht: "Das ist sehr kompliziert, man braucht viele Dokumente." Seit 2010 studiert der junge Mann aus gutem Hause an der Uni Wien Politikwissenschaften, ist jetzt aber auf intensiver Jobsuche. "Jetzt bin ich so weit, dass ich mich am österreichischen Arbeitsmarkt positionieren kann", sagt er. Bisher hat Alex ehrenamtlich für NGOs als Russisch-Dolmetscher gearbeitet. Einige Bewerbungsgespräche hat er schon gehabt - "eines davon klingt vielversprechend". Sein Wunsch: "Ich möchte gern in einem Unternehmen als Vermittler zwischen der österreichischen und der russischen Kultur arbeiten."

( Kurier ) Erstellt am 05.12.2011