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01.04.2017

Führungselite: Einer gleicht dem anderen

Wichtige Positionen besetzen Spitzenmanager nach sozialer Ähnlichkeit. Die Kandidaten sind deshalb oft weiß, männlich und über 1,80 Meter groß. Doch welche Chancen haben kleine Männer, Frauen, Migranten?

"Es ändert sich nur sehr wenig", sagt der deutschen Soziologe und Elitenforscher Michael Hartmann im Rahmen einer Veranstaltung des Leadership Forum Austria. Gemeint ist die Anzahl von Frauen im Management. Hartmann hat im Rahmen seiner Forschungen die 1000 größten Unternehmen der Welt und die 1000 reichsten Personen weltweit unter die Lupe genommen. Das Ergebnis: Drei Faktoren entscheiden darüber, ob es jemand schafft, in die Führungselite aufzusteigen. Die Herkunft, die Nationalität und das Geschlecht – fachliche Kompetenz und einen Studienabschluss in Wirtschaft, Jus oder Technik vorausgesetzt. "Im Bezug auf die Gender-Frage ändert sich weltweit wenig", betont Hartmann. Von den 1002 Personen, die weltweit der Führungselite angehören, sind nur 29 weiblich. 21 davon sind in den USA, dort ist der Anteil an Frauen in Führungspositionen höher. "In den restlichen Ländern: Null Frauen auf Vorstandsebene", fasst Hartmann zusammen.

Diversität?

Was die Nationalität betrifft rekrutieren sich Wirtschaftseliten eher national, sie bleiben genauso wie auch die Superreichen gerne zuhause, in ihrem eigenen Sprach- und Kulturraum. "Es gibt keinen internationaler Managermarkt", betont der Forscher. Daher ist auch das Argument, wir müssen den Managern so viel zahlen, sonst gehen sie ins Ausland, falsch. Nur in der Schweiz sieht es anders aus. Der Großteil der CEO stammt aus dem Ausland. Das hat damit zu tun, das der eigene Managementnachwuchs nicht ausreicht. "In Österreich sind nur zwei von zehn Manager aus dem Ausland, was soviel bedeutet wie: sie sind Deutsche", so Hartmann.

Der dritte Faktor ist die soziale Herkunft. Fast alle Manager der Wirtschaftselite stammen aus dem Bildungsbürgertum, sie haben den Umgang mit Macht mit der Muttermilch aufgesogen und können sich im Milieu bewegen. Dazu zählt ein fester Händedruck, entsprechende Ausstrahlung und selbstbewusstes Auftreten. "Die Ursache dafür, dass nur wenige aus der Arbeiterschicht in die Wirtschaftselite aufsteigen, liegt daran, dass Spitzenmanager wichtige Positionen nach sozialer Ähnlichkeit besetzen", betont der Soziologe. "Die in der ersten Reihe glauben, dass sie die Richtigen sind." Die Folge: "Unter ein Meter achtzig werden Sie kaum einen Spitzenmanager finden. Das hat damit zu tun, dass sich die Führungskräfte so auf Augenhöhe begegnen", sagt Hartmann und: "das ist ein großes Hindernis für Frauen." Freilich auch für kleine Männer. Doch es gibt Ausnahmen: Das sind einerseits Familienunternehmen, wo Töchter von der Pike auf alles Wichtige lernen und so die Nachfolge antreten können. Und auch die politische Bühne. "Denn die Politik ist der Bereich, wo man es am leichtesten nach oben schafft", so der Forscher. In allen anderen Unternehmen gilt: Je niedriger die Führungsebene, desto weniger greifen die drei genannten informellen Kriterien.

Doch was verändert sich im Management? Früher spielten alle Manager ein Instrument, viele gaben sogar Konzerte, das war ein wichtiges Kriterium, auch bei der Besetzung von Führungsjobs. Dieses typische Hobby des Bildungsbürgertums wurde mittlerweile abgelöst. Die heutige Generation der Wirtschaftselite sind Ausdauersportler, was sich an in ihrer Figur widerspiegelt. Was sich künftig an der Besetzung von Führungseliten etwas ändern könnte? Hartmann: "Das könnte nur durch die Frauenquote gelingen, sie würde das Ähnlichkeitsprinzip aufbrechen."

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Soziale Kluft

Das Verdienstniveau der Arbeitnehmer sinkt, in Deutschland ist man heute auf dem Level der 1990er-Jahre. Gleichzeitig sind die Spitzeneinkommen der oberen 20 Prozent rasant gestiegen – die Einkommen klaffen immer weiter auseinander und die soziale Kluft hat sich vergrößert. „Ein Auslöser dafür war die Fusion von Daimler und Chrysler zur neuen Daimler-Chrysler AG“, sagt der deutsche Elitenforscher Michael Hartmann und erzählt: „Damals war es so, dass der Chrysler-Chef deutlich mehr verdient hat als der von Daimler in Deutschland.“ Das konnte dieser nicht akzeptieren. Die Lösung war, dass das Gehalt des Daimler-Chefs deutlich angehoben wurde. Hartmann: „Seither will kein Manager weniger verdienen als eine Viertel Million Euro verdienen. “

Als Folge dieser Auseinander-Entwicklung wächst der Unmut in der Bevölkerung. Die Menschen haben das Gefühl, die da oben richten es sich, für sie bleibt aber nichts übrig. Am schlimmsten ist das Signal, dass hohe Boni auch bei Misserfolg des Managements ausbezahlt werden. Als Beispiel nennt Hartmann die Hypo Real Estate.
Beispiele, wie jenes der Deutschen Bank, welche die Boni für den Vorstand nach Milliardenstrafen für nicht gedeckte Hypothekenpapiere vor kurzem für 2016 gestrichen hat, sind indes eine Seltenheit. Vielmehr herrsche in der erste Reihe die Mentalität vor, man nimmt mit, was geht, meint Hartmann. Da gebe es auch wenig Unrechtsbewusstsein, dass etwa falsche Management-Entscheidungen getroffen wurden und die Betroffenen deshalb freiwillig auf einen Teil ihrer Gage verzichten. Ein solcher Schritt wäre ein wichtiges Signal an die Gesellschaft: Wir haben es verstanden.