Wirtschaft | Karriere
06.01.2018

Angst vor der Vereinbarkeit

Akademikerinnen schieben ihren Kinderwunsch immer weiter auf. Eine neue Studie zeigt: Studiert eine Frau, sinkt die Wahrscheinlichkeit, dass sie einmal ein Kind bekommt, um ein Viertel. Warum das so ist.

Sie leben es vor: Ally McBeal und Carrie Bradshaw mit ihren New Yorker Freundinnen. Die Serien-Figuren sind jung, mit Uni-Abschluss, zielstrebig und haben schon ein ordentliches Stück Karriereweg hinter sich. Ihr Leben scheint glücklich und doch ist da etwas, das fehlt. Etwas, nach dem sie Folge für Folge im TV suchen: der richtige Mann. Den müssen die toughen Frauen in den 30ern noch finden. Gedanken an Kinder? Später einmal. Vielleicht.

Zwar mimen die Frauen diese Leben nur aber sie bilden damit auch ganz gut die Realität von Akademikerinnen um die 30 ab: Sie haben Zeit und Geld in ihre Ausbildung investiert, haben Spaß am Job, wollen erstmal die Früchte dieser Arbeit ernten – und nicht gleich einen Baby-Knick. Kinder haben für sie vorerst keine Priorität. Ihre sich verändernde Haltung zur Fertilitätsentscheidung hat sich auch schon in den Statistiken niedergeschlagen. Sie zeigen: Je gebildeter die Frau, desto später wird sie schwanger.

Späte Schwangerschaft

Für Österreich zeigt die Statistik Austria, dass Frauen im Schnitt mit 29,4 Jahren ihr erstes Kind bekommen. Vor 30 Jahren wurde Frau schon mit 24,4 Jahren Mutter. Akademikerinnen entscheiden sich erst mit 31 Jahren für ihr erstes Kind. Einer deutschen Studie des Bundesinstituts für Bevölkerungsforschung zufolge ist selbst mit 35 Jahren die Hälfte von ihnen kinderlos. Eine neue Studie des Essener RWI-Instituts für Wirtschaftsforschung in Deutschland zeigt nun, dass sich auch diese Zahl in Zukunft weiter nach hinten korrigieren könnte.

Das Ergebnis dieser RWI "Fertility Effects of College Education"-Studie zeigt: Wenn eine Frau studiert, reduziert sie die Wahrscheinlichkeit, Kinder zu bekommen, um ein Viertel. "Mütter mit Hochschulbildung schieben ihre erste Geburt außerdem länger auf, als ihre Universitätsausbildung durchschnittlich gedauert hat", schreiben die Studien-Autoren Daniel A. Kamhöfer und Matthias Westphal. Erstmals haben die Forscher durch Umfragen unter 4000 Müttern in Deutschland auch herausgefunden, woran dieses Aufschieben liegt. Und es liegt nicht etwa daran, dass gebildete Frauen grundsätzlich keine Kinder wollten und nur ihre Karriere im Sinn hätten. Im Gegenteil. Die Hürde ist schlicht die Vereinbarkeit, um die sich ab dann das Leben drehen würde. Anders gesagt: Sie können sich eine weitere Karriere und (!) Kinder nur schwer vorstellen.

Sie fürchten, Kinder würden das, was sie sich bis dahin in ihrer Karriere aufgebaut haben, zu stark beeinflussen: Sie müssten jedenfalls im Beruf pausieren, den Job vielleicht auch ganz aufgeben.

Viel zu verlieren

Und dann spielt auch das Geld eine Rolle: Vollzeit Arbeitende, kinderlose Akademikerinnen verdienen bis zu 65 Prozent mehr, als Akademikerinnen mit Kind, zeigt eine Studie – und um bis zu 80 Prozent mehr als Frauen ohne Abschluss mit Kind. Diese großen Unterschiede entstehen, weil sie nach ihrer Karenz meistens nur mehr als Teilzeit-Kraft in den Job zurückzukehren. Und diesen Schritt zu gehen fällt vielen Gebildeten nicht leicht.

Das Dilemma der Frauen– Kind oder Karriere – könnte sich langfristig auf die Demografie auswirken, denn heute studieren immer mehr Frauen. Im Jahr 2016 waren in Österreich alleine an der Uni Wien fast eineinhalbmal so viele Frauen wie Männer inskribiert. Wird auch ihr Kinderwunsch aufgeschoben, wirkt sich das eines Tages auch auf das Pensionssystem aus, warnen die Autoren. Sie appellieren an die Gesellschaft und die Politik, die Vereinbarkeit zu vereinfachen und Müttern ein selbstbestimmtes Arbeiten zu ermöglichen.

Spannendes Detail der RWI-Studie am Rande: Entscheiden sich Akademikerinnen doch einmal dafür, Mutter zu werden, bekommen sie mehr Kinder, als Frauen ohne Uni-Abschluss.