Wirtschaft
12.11.2016

Karneval oder Weltregierung: Wie mächtig ist die City?

Um die angebliche Macht von Londons Finanzdistrikt ranken sich wilde Gerüchte.

Das seltsame Schauspiel wiederholt sich jeden November: Eine absonderlich gewandete Person, meist ein gut situierter Mann höheren Alters, besteigt eine goldene Barke und lässt sich ins Zentrum von London rudern. Dort besteigt er eine Prunkkarosse aus dem Jahr 1757 und wird, eskortiert von Rittern, Karnevalsfiguren und zwei Riesen namens Gog und Magog, ins Amtshaus kutschiert.

Ein sehr britisches Spektakel, das an diesem Samstag zum 801. Mal stattfindet. Es ist die Amtseinführung des "Höchst ehrenwerten Lord, Bürgermeister der City of London". Dieser Posten darf nicht verwechselt werden mit dem Bürgermeister der Großstadt London – das ist seit Mai 2016 der pakistanisch-stämmige Sadiq Khan. In einem knapp drei Quadratkilometer großen Mini-Gebiet, der City oder "Square Mile", hat jedoch tatsächlich der für ein Jahr gewählte Lord Mayor das Sagen. Er gebietet sogar über eine eigene Polizei, Feuerwehr und Abfallentsorgung.

Um den Posten ranken sich wilde Gerüchte. Verschwörungstheoretiker halten die winzige City of London für den mächtigsten Staat der Welt. Wirrköpfe wie die Reichsbürger behaupten sogar, die City, der Vatikan und Washington DC hätten geheim die Kontrolle über die Geldkonten aller Erdenbürger übernommen.

Mächtige Finanzlobby

Aber sogar klar denkende Menschen sind überzeugt, die City sei wegen ihres Sonderstatus vom Brexit, dem britischen EU-Austritt, nicht betroffen. Ist da was dran? Oder ist der Lord Mayor in Wahrheit ein Grüßaugust und Frühstücksdirektor?

Weder noch, sagt Nicholas Shaxson, Steueroasen-Experte und Autor des Bestsellers "Schatzinseln", im Gespräch mit dem KURIER. Das Karnevalspektakel sieht er als "eine Art Zaubertrick": Es soll von der wahren Rolle der Verwaltungseinheit (City of London Corporation) und ihrer Finanzlobby (TheCityUK) ablenken. "Tatsächlich lautet der seltsame offizielle Auftrag des Lord Mayor, sich für den Wirtschaftsstandort einzusetzen. Und das heißt für die City, die synonym für die Finanzindustrie des Landes steht, massives Lobbying für Deregulierung", sagt Shaxson. Das sei gefährlich genug – die Verschwörungstheorien seien allesamt falsch.

Auch mit echten britischen Steueroasen wie Jersey, Guernsey oder Isle of Man, die als Kronbesitztümer tatsächlich eigenständige Steuern und Rechte beschließen, könne man die City nicht gleichstellen. So weit reicht der Sonderstatus dann doch nicht, dass britische Finanzmarkt- oder Steuerregeln außer Kraft wären. Der Einfluss funktioniere subtiler, sagt Shaxson: "Das ist ein Old-Boys-Netzwerk." Mit eigentümlichen Regeln.

Die Wahl

Wahlberechtigt sind in der City neben den nur etwa 8000 Einwohnern auch Unternehmen. Somit können auch die 251 ausländischen Banken, die in London angesiedelt sind, mitbestimmen.

Schwanz wedelt mit Hund

Einmal im Jahr muss der britische Finanzminister Rechenschaft ablegen, wie sehr er sich für die Belange der City eingesetzt hat. Nicht einmal die Queen darf einfach einreisen; sie wird in der City wie ein Staatsgast empfangen.

Opake Geschäfte

Die Finanzen der City sind undurchsichtig. Das Recht auf freien Zugang zu Informationen ist außer Kraft. Niemand weiß, wie hoch das Budget und wertvoll die Besitztümer sind.

Weltwährungszentrale

Wie stark der Brexit die Bankenwelt trifft, sei schwer abzuschätzen, sagt Shaxson. Er erwartet "einige garstige Dinge"; manche Geschäftsfelder würden aus der City auf den Kontinent abwandern. Zugleich gebe es mächtige Stimmen, die London zu einer echten Steueroase machen wollen. "Das läuft meist unter dem Codewort Wettbewerbsfähigkeit."

In der City sind 392.000 Menschen beschäftigt. Die Stadt wickelt 41 Prozent des globalen Währungshandels ab, rund 3 Billionen US-Dollar pro Tag.