Wirtschaft
07.09.2017

Kapsch-Jubiläum: Ein erfolgreicher Pionier, der fast pleite war

125 Jahre Kapsch. Das Familienunternehmen sieht "politische Irrationalität" als Bedrohung und erwartet neues Geschäft mit autonom fahrenden Autos.

Laut den (Halb-)Brüdern Georg und Kari Kapsch gilt der Grundsatz des Urgroßvaters noch heute: Die Politik soll vom Familienunternehmen ferngehalten werden. Kapsch feiert gerade sein 125-jähriges Jubiläum. Und der Grundsatz war schon einmal hilfreich – nämlich zur Nazi-Zeit, wo man zwar den "Volksempfänger" baute und braunes Personal im Werk hatte, aber keine politische Zusammenarbeit mit den Regierenden.

Der weltberühmte Schriftsteller und "Halbjude" Johannes Mario Simmel war hier als Zwangsarbeiter eingesetzt. Doch sein damaliger Abteilungsleiter, ein Nazi, riet ihm, sich rechtzeitig zu verstecken, und rettete ihm so das Leben. Weil Simmel später für ihn aussagte, rettete er – umgekehrt – seinen Helfer vor dem Gefängnis.

Kapsch baute den ersten Radioempfänger mit Röhren und das erste Selbstwahl-Telefon. Man war bei den ersten C-Netz-Mobiltelefonen dabei und zählt heute zu den größten europäischen IT-Unternehmen. Mautsysteme sind das Kerngeschäft. Die Firma ist in vier Gesellschaften unterteilt: Kapsch TrafficCom, Kapsch CarrierCom (für Zugfunksysteme), Kapsch PublicTransportCom (für urbane Mobilität) und Kapsch BusinessCom. Seit zehn Jahren ist Kapsch an der Börse und hat Rekordgewinne. Das war nicht immer so. Das Platzen der Internet-Blase zur Jahrtausendwende ließ die Firma fast zusammenbrechen, 2001 baute man horrende Verluste.

Fast bankrott

Hätten damals schon die strengen Bankregeln von heute gegolten, gäbe es Kapsch heute nicht mehr – eine Firma mit rund 6000 Angestellten weltweit, davon 2000 in Österreich. Man ging damals Risiko ein, schoss Familien- und Bankenkapital nach – und wurde international. In Australien ist Kapsch Marktführer, in den USA Nummer drei. Dass Österreich bei der EU gegen die deutsche Maut Protest einlegen will, gefällt der Familie Kapsch naturgemäß nicht.

IT-Fachkräfte zu finden ist schwierig – ein europaweites Problem: "Gute Leute können sich die Jobs aussuchen." Die Automatisierung und Digitalisierung sehen die Brüder als Chance, dass die Produktion wieder nach Europa zurückkomme. Jobabbau erwartet man bei Kapsch nicht. "Wir haben kaum Arbeitsplätze, die man durch Roboter ersetzen kann."

Und was sind Zukunftsfelder? Autonom fahrende Autos und Cyber-Security etwa. Und die größte Bedrohung? Meistens sei das politische Irrationalität, sagt Georg Kapsch – weltweit, aber natürlich auch in Österreich.

Und so ist er (fast) beim Thema Politik angelangt, auf dem er in anderer Funktion ohnehin aktiv ist: als Präsident der Industriellenvereinigung. Als er sich beim Medien-Hintergrundgespräch mit zwei Journalisten zur Rauchpause zurückzieht, schaut ihm Bruder Kari skeptisch grinsend hinterher: "Wetten, dass er jetzt über Politik redet?"