Wirtschaft
14.03.2012

Jeder 4. Deutsche schuftet für Niedriglohn

Fast acht Millionen Deutsche müssen sich laut einer aktuellen Studie mit weniger als neun Euro pro Stunde begnügen.

Sie rücken frühmorgens an, um Büros zu putzen, sie räumen als Leiharbeiter in Supermärkten Regale ein oder schneiden beim Friseur Haare: Klein- und Kleinstverdiener besetzen auch im reichen Deutschland einen immer größeren Teil des Arbeitsmarktes. Wie groß, das zeigt eine aktuelle Studie der Universität Duisburg-Essen. Jeder vierte Beschäftigte in Deutschland erhält demnach weniger als 9,15 Euro pro Arbeitsstunde und liegt damit unter der Schwelle für Niedriglöhne. Tendenz der vergangenen 15 Jahre: Stark steigend. Jeder Fünfte verdient sogar weniger als 8,50 Euro und liegt damit unter dem gesetzlichen Mindestlohn, den SPD, Grüne und die Gewerkschaften seit mehreren Jahren fordern.

Während das Ergebnis für Schlagzeilen und Spitzenmeldungen in vielen deutschen Medien sorgt, will das Bundesarbeitsministerium dem Ergebnis nicht so viel Dramatik beimessen. Schließlich, so ein Sprecher, sei die Zahl der Erwerbstätigen insgesamt gewachsen, außerdem sei der Zuwachs vor allem darauf zurückzuführen, dass neue Bevölkerungsgruppen in der Statistik berücksichtigt seien. Tatsächlich haben die Autoren zum ersten Mal Pensionisten und Studenten berücksichtigt. Diese, meist nur nebenberuflich tätig, kassieren zu einem Großteil geringe Stundenlöhne. Doch mit diesen und ohne diese beiden Gruppen trifft die Studie einige ebenso klare wie bedenkliche Aussagen.

Teilzeit benachteiligt Wer weniger als 40 Stunden arbeitet, verdient durchschnittlich deutlich weniger als die Vollzeit-Kollegen und fällt dadurch weit häufiger in die Kategorie Niedriglohn.

Frauenschicksal Frauen bekommen weit häufiger als Männer miserable Stundenlöhne. Das liegt einerseits daran, dass sie viel häufiger teilzeitbeschäftigt sind, aber auch an ihrer immer noch schlechteren Bezahlung bei gleicher Qualifikation. Dramatisch ist das vor allem im Gastgewerbe, wo fast 80 Prozent der weiblichen Beschäftigten nur Niedriglohn erhalten.

Westdeutschland steigt Im Osten Deutschlands liegen die Löhne seit der Wende 1989 zwar hinter denen im Westen, der Anstieg der Niedriglöhne findet aber vor allem im Westen statt. Die Forscher führen das vor allem auf die drastischen Sozialreformen der rot-grünen Regierung unter Ex-Kanzler Gerhard Schröder zurück – Stichwort Hartz IV. Seither würden viel mehr Menschen auch sehr schlecht bezahlte Jobs annehmen.

Die Studie facht erneut die Debatte um einen gesetzlichen Mindestlohn an. Arbeitgeber- und Wirtschaftsverbände lehnen den weiterhin ab. Die Kanzlerpartei CDU sieht ihn nicht bei den geforderten 8,50 Euro, sondern nur bei sieben.