Wirtschaft
18.07.2017

Jede sechste Frau verzichtet ganz auf Computer

Österreich, ein Land digitaler Verweigerer: 12 Prozent der Bevölkerung verwenden nie Computer – auch Kleinfirmen hinken nach.

Vier Kulturtechniken sollte künftig jeder Bürger beherrschen, sagt Infrastrukturminister Jörg Leichtfried: "Rechnen, Lesen, Schreiben. Und Coding." Gemeint ist das Programmieren von Computern und Robotern.

Das wird freilich noch ein sehr langer Weg. Denn ein Drittel der Schüler ist jetzt schon mit dem simplen sinnerfassenden Lesen überfordert. Und: In Österreich gibt es einen viel größeren Anteil genereller Computer-Verweigerer als in vergleichbaren Ländern.

Digitaler Widerstand

Wie die Eurostat-Zahlen(zur Datenquelle) belegen, weigern sich 12 Prozent der Österreicher im Alter von 16 bis 74 Jahren, elektronische Helfer einzuschalten.

Zwar ist der Anteil durch die rasante Smartphone-Verbreitung in den vergangenen Jahren gesunken. Er ist aber im Vergleich mit wirtschaftlich ähnlich entwickelten Ländern bedenklich hoch: In Deutschland gibt es 7 Prozent digitale Widerständler, in Finnland, Schweden oder den Niederlanden nur 4 Prozent. Und bei den Dänen sind es gar nur 2 Prozent.

Im EU-Durchschnitt kommen 16 Prozent, in der Türkei gar 45 Prozent der Bevölkerung ohne Computer aus. Das sollte aber nicht Österreichs Liga sein: Der Anspruch sei es, zu den Besten zu gehören, betonte Leichtfried.

Eklatante Gender-Kluft

Die Kluft wird aber nicht nur im internationalen Vergleich, sondern auch innerhalb der österreichischen Bevölkerung größer. Bei den jungen, gut ausgebildeten Österreicherinnen und Österreichern gibt es praktisch keine Unterschiede in der IT-Nutzung zu anderen Ländern. Dafür laufen vor allem ältere, schlechter gebildete Personen und Migranten Gefahr, den Computer-Anschluss zu verlieren.

Und überraschenderweise die Frauen: Unter den digitalen Verweigerern in Österreich sind 8 Prozent Männer, aber 16 Prozent Frauen. So eklatant sind die Geschlechter-Differenzen in keinem anderen fortschrittlichen Land.

Und es gibt noch andere Zusammenhänge, die eine Rolle spielen. Je höher das Alter und je niedriger der Bildungsstand, umso geringer ist die Computer-Affinität. Das gilt zwar für jedes Land in einem gewissen Ausmaß, aber nie so gravierend wie in Österreich.

Hierzulande kommen 35 Prozent der Personen mit einem niedrigen formalen Bildungsabschluss ohne Computer aus ( Finnland: 10 Prozent). Und ganze 40 Prozent der Frauen zwischen 55 und 74 Jahre verzichten auf IT-Geräte. In den Niederlanden oder Finnland ist das Alter hingegen überhaupt kein Hindernis, dort sind es nur 9 Prozent bzw. 11 Prozent.

IT-Nachzügler in vielen Belangen

Auch andere Indikatoren zeigen, dass Österreichs Bevölkerung in puncto IT-Kompetenzen nicht gerade zu den Vorreitern zählt: Ganze 15 Prozent der Haushalte verfügen über gar keinen Internetzugang, nur ungefähr die Hälfte der Bevölkerung nutzt Online-Banking. Zum Vergleich: In Finnland oder Dänemark sind es 87 Prozent.

Auch die Kenntnisse sind ausbaufähig. Erwachsene Österreicher tun sich wesentlich schwerer damit, digitale Aufgabenstellungen zu lösen, als in Deutschland oder den nordischen EU-Ländern. Und zwar ganz gleich, ob es dabei um einfaches E-Mail-Schreiben und eine Internet-Suche geht oder um komplexere Aufgaben wie eine simple Berechnung im Tabellen-Kalkulationsprogramm oder das Erstellen einer Computerpräsentation.

KMU haben Aufholbedarf

Bei den Firmen geht ebenfalls die Schere auf: Große Leitbetriebe sind spitze, die Klein- und Mittelbetriebe haben Nachholbedarf. Die Industriestaatenorganisation OECD warnt in ihrem Wirtschaftsbericht 2017, dass Österreich den Anschluss zu den Vorreitern verliert: "Die Anpassung an die globale digitale Revolution verlief hier langsamer als in den meisten fortgeschrittenen OECD-Ländern", sagte Vizechefin Mari Kiviniemi am Montag in Wien. Und die Kluft werde leider größer statt kleiner.

Noch sei es aber nicht zu spät. "Ganz so schlimm ist der Rückstand Österreichs gegenüber Finnland nicht", relativierte Mari Kiviniemi auf KURIER-Nachfrage. Ihr Heimatland gilt als technologischer Vorreiter. Sie weist aber auch darauf hin, dass in Österreich ein relativ hoher Anteil von Jobs durch die Automatisierung bedroht ist.

Die Computer-Ablehnung ist deshalb nicht nur eine Marotte. Der Fortschritt habe in den vergangenen zwanzig Jahren genau in den Branchen mehr Jobs geschaffen als vernichtet, die technologisch an der Spitze stehen, sagte Leichtfried. Dort muss Österreich hinkommen, um auf der Gewinnerseite zu stehen.

Nur wie? Die OECD rät zu:

Mehr Transparenz

Die "Digitale Roadmap" der Regierung sei ein guter Ansatz. Bisher sei aber unklar, was die Ziele sind und ob sie erreicht werden. Wird gerade nachgeholt, verspricht Staatssekretärin Muna Duzdar.

Mehr Wettbewerb

In Österreich gibt es zu wenige Anbieter von Breitbanddiensten. Neue Konkurrenz würde den Wettbewerb beleben.

Mehr Bildung

Die Lehrpläne und Unterrichtsmethoden gehören entrümpelt, von der Volksschule bis zur Uni. In den Betrieben sollen die digitalen Kenntnisse verbessert werden – und zwar vom Lehrling bis hin zum Firmenchef.

Schutz gegen Onlinesklaverei

Die Sozialpartner sollten das Arbeitsrecht überarbeiten, damit Plattformarbeiter (Crowdworker) besser vor Ausbeutung und Lohndumping geschützt sind. Solche Heimarbeiter führen Internet-Aufträge aus – oft für einige wenige Cent Entgelt.

Besserer Datenschutz

Der Staat soll die Cybersicherheit und den Verbraucherschutz fördern. Den Bürgern und Firmen müsse zugleich aber klar sein, dass auch sie Verantwortung tragen.