Wirtschaft 18.04.2012

Italien: Selbstmordrate steigt wegen Krise

Italien Die wirtschaftliche Stabilität ist ebenso bedroht wie die politische: Die drittgrößte Volkswirtschaft des Euroraums mac… © Bild: AP_Gregorio Borgia

Allein im Jahr 2011 haben sich über 1000 italienische Arbeitnehmer und Unternehmer das Leben genommen.

Arbeitslose, Pensionisten und Kleinunternehmer: In Italien wird von Tag zu Tag die Liste der Menschen länger, die sich unter dem Druck finanzieller Schwierigkeiten das Leben nehmen. Seit Wochen berichten die Medien fast täglich von Verzweiflungstaten seitens entlassener Arbeitnehmer und Unternehmer, die angesichts erdrückender Schulden keine Zukunft mehr für sich sehen.

Vor wenigen Tagen hatte die Selbstverbrennung zweier verzweifelter Männer die italienische Öffentlichkeit geschockt. In Bologna hatte sich ein 58-jähriger italienischer Bauarbeiter in seinem Auto angezündet, nachdem er mehrere Abschiedsbriefe hinterlassen hatte. Er erlag wenige Tage danach seinen schweren Brandwunden. Der Mann stand wegen mutmaßlicher Steuerhinterziehung in Höhe von 104.000 Euro vor Gericht. Wenige Tage später zündete sich ein marokkanischer Bauarbeiter in Verona auf offener Straße an.

Für einen Eklat sorgte auch der Fall einer 78-jährigen Pensionistin auf Sizilien, die sich wegen finanzieller Schwierigkeiten das Leben nahm. Die alte Frau aus der Stadt Gela sprang vom Balkon ihrer Wohnung, nachdem sie erfahren hatte, dass ihre Pension um 200 Euro gekürzt worden war.

Selbstmorde um ein Viertel gestiegen

Die Zahl der Selbstmörder wächst in Italien unter dem Druck der seit 2008 anhaltenden Krise rasant. Nach Angaben des Handwerkerverbands CGIA ist zwischen 2008 und 2010 die Zahl der mit finanziellen Problemen verbundenen Selbstmorde um 24,6 Prozent gestiegen. Bei den versuchten Selbstmorden wuchs die Zahl um 20 Prozent.

Allein 2011 hätten sich über 1.000 Arbeitnehmer und Unternehmer das Leben genommen, das sind 24 Prozent mehr als 2008. Der Verband rief die Expertenregierung in Rom zur Einrichtung eines Solidaritätsfonds zur Unterstützung der Italiener auf, die wegen der Krise in Schwierigkeiten geraten sind.

Di Pietro: "Monti hat die Toten auf dem Gewissen"

Antonio Di Pietro, Chef der Mitte-Links-Partei "Italien der Werte" (Idv), machte Premier Mario Monti und seine rigorose Sanierungspolitik für die Selbstmorde verantwortlich. "Immer mehr Italiener sind mittellos. Monti hat diese Toten auf dem Gewissen", sagte Di Pietro. Seine Worte lösten heftige Kritik in Regierungskreisen aus.

Der Verein Federcontribuenti beantragte bei der Staatsanwaltschaft in Rom, mindestens 18 Fälle von Selbsttötung seit Jahresanfang zu untersuchen. Der Vorsitzende der Vereinigung, Carmelo Finocchiaro, warf der Technokratenregierung vor, sie habe "in diesen Monaten nur neue Steuern und sonst nichts eingeführt". Italiens Steuerbehörden würden nicht zwischen Steuerhinterziehern und denen unterscheiden, die aus wirtschaftlichen Gründen in Zahlungsrückstand geraten sind, sagte er.

Fackelzug

In dieser schwierigen Lage ist am Mittwochabend in Rom ein Fackelzug zum Andenken an die Italiener geplant, die sich im Würgegriff der Krise das Leben genommen haben. Hunderte Menschen wollen vom Pantheon im Herzen der Ewigen Stadt durch die Innenstadt defilieren, um die Aufmerksamkeit der Institutionen und der Öffentlichkeit auf die Krise der Klein- und Mittelunternehmen zu lenken. Die Organisatoren, unter anderem Gewerkschaften und Unternehmerverbände, kritisierten die Kreditengpässe, die das Überleben der Unternehmen gefährden, den hohen Steuerdruck und die erdrückende Bürokratie in Italien.

Erstellt am 18.04.2012