IMFecked – ein wenig dezenter Hinweis auf die Stimmung in Irland unter den Auflagen des Internationalen Währungsfonds (IMF) und der EU – nach sieben Sparpaketen erlebt Irland jedoch einen Aufschwung.

© Reuters/CATHAL MCNAUGHTON

Irland
10/19/2013

Über 7 Sparpakete musst du gehen

Als erster EU-Krisenstaat will Irland den Euro-Rettungsschirm verlassen – eine Erfolgsgeschichte?

Vor drei Jahren musste Irland als erster EU-Krisenstaat unter den Euro-Rettungsschirm flüchten. Im selben Jahr verlor John McAllister aus Cork im Südwesten des Landes seinen Job. Zweieinhalb Jahre blieb der 52-Jährige arbeitslos. Im heurigen Februar fasste er zusammen mit zwei Freunden Mut und gründete die Arts Material Company, die Zubehör für Künstler verkauft. „Wir hatten einen schweren Start. Wegen der Rezession geben die Menschen in Irland weniger Geld für Kunst und Kultur aus. Das heißt, dass auch der Bedarf etwa an Farben geringer ist. Aber wir können vom Geschäft leben“, sagt McAllister lächelnd.

Seine kleine Erfolgsgeschichte steht für die Entwicklung des ganzen Landes. Die grüne Insel war ja wie Griechenland oder Portugal von der Krise besonders hart getroffen worden. Nach mehreren Jahren der Rezession dürfte Irland Mitte Dezember als erster EU-Krisenstaat den Euro-Rettungsschirm aber wieder verlassen. „Und wir werden unter diesen nicht zurückkehren“, kündigte Premier Enda Kenny kämpferisch an. „Das bedeutet nicht, dass unsere finanziellen Schwierigkeiten vorbei sind. Wir haben noch einen weiten Weg vor uns. Aber die wirtschaftliche Notsituation werden wir hinter uns haben.“ EU-Währungskommissar Ollie Rehn erklärte ebenfalls, dass Irland gute Chancen habe, aus dem Rettungsprogramm von EU und Internationalem Währungsfonds (IWF) auszusteigen.

Die irische Regierung hat seit 2008 sieben Sparpakete in Folge geschnürt. Trotzdem dürfte die Wirtschaft im kommenden Jahr leicht wachsen. Dieses Kunststück hat sonst kein Krisenland geschafft. Ein Grund dafür ist die Flexibilität der irischen Unternehmer.

Lynn Ryan und ihr Mann Gerard aus dem Dubliner Vorort Swords vermittelten vor der Krise Kredite an Immobilienkäufer. Nach dem Platzen einer gigantischen Immobilienblase 2008 brach der irische Häusermarkt ein. „Wir mussten unsere drei Angestellten entlassen und uns neu aufstellen“, sagt Ryan. Sie vermittelt mittlerweile mit ihrem Mann erfolgreich andere Finanzprodukte, etwa Lebensversicherungen und Privatpensionen. „Das Geschäft geht sehr gut.“

Den österreichischen Wirtschaftsdelegierten in Dublin, Wilhelm Nest, beeindruckt, wie die Iren mit der Krise umgehen: „Im Vergleich zu anderen Staaten hat sich Irland sicher mehr ins Zeug gelegt, um das Steuer herumzureißen. Es gab bei der Bevölkerung eine Einsicht, dass man vorher über die Stränge geschlagen hat. So war es den Politikern möglich, sieben Sparpakete zu schnüren, ohne dass die Massen dagegen auf die Straße gegangen sind.“

Mit den Folgen der Krise wird Irland jedoch noch lange kämpfen. Die Staatsverschuldung ist innerhalb von fünf Jahren von 30 auf mehr als 120 Prozent des Bruttoinlandsprodukts gestiegen. Die Arbeitslosigkeit ist in den vergangenen Monaten zwar leicht gesunken, sie beträgt aber immer noch rund 13 Prozent. Bei den Jungen sind es mehr als 25 Prozent.

Optimismus

Der 16-jährige Roshen Varughese ist dennoch optimistisch, was seine Zukunft angeht. „Wer sich anstrengt, bekommt einen Job“, ist der Sohn indischer Einwanderer überzeugt. Seine Familie, die in Dublin lebt, hat in der Krise ebenfalls sparen müssen. „Ich gebe weniger Geld für Kleidung aus und gehe kaum noch ins Kino.“ Sein Vater ist arbeitslos. Seiner Mutter, eine Krankenschwester, wurde das Gehalt gekürzt.

Weniger Geld als vor der Krise verdient auch Anwalt Brian Foley. Er sieht Irlands Zukunft weniger rosig als Premierminister Enda Kenny. „Wir haben eine große Chance verpasst, echte Reformen zu machen. Es gibt immer noch viel zu viele Beamte, und die Gehälter im öffentlichen Dienst sind zu hoch.“ Die Regierung habe einzig eine Reduzierung des Budgetdefizits im Auge gehabt, um Auflagen von EU und IWF zu erfüllen. „Sie haben die Leistungen im Gesundheitssystem radikal gekürzt, aber die Gehälter der Ärzte nicht angerührt“, beklagt Foley.

Aus seiner Sicht steht der irische Aufschwung auf wackeligen Beinen. Auch Österreichs Handelsdelegierter Nest ist nicht uneingeschränkt optimistisch: „Es gibt zwei große Fragezeichen: die Entwicklung im Bankensektor und den privaten Konsum, der immer noch schwach ist.“ Der Aufschwung der vergangenen Monate basierte einzig auf boomenden Exporten.

Die 91-jährige Phyllis McDowell hat schon viele Krisen in ihrer Heimat erlebt. Sie rät ihren Landsleuten, trotz aller Unsicherheiten optimistisch zu bleiben. „Wir müssen einfach hoffen“, sagt sie – und lächelt.

Dublins Weg in die Krise – und heraus

Die Wirtschaft wuchs bis 2007. Dann traf die Finanzkrise das Land hart. Ab dem ersten Quartal 2008 befand sich Irland in Rezession. Besonders die bisher erfolgreiche Immobilienwirtschaft und die Abhängigkeit von ausländischen Direktinvestitionen wurden den Iren zum Verhängnis.

Ab 2010 stuften Ratingagenturen Irland nach und nach herab. Ende 2010 bat Dublin EU und IWF um Hilfe. Die EU-Finanzminister beschlossen ein dreijähriges Hilfspaket von 85 Mrd. Euro aus dem Rettungsschirm. Irland ist der erste Staat, der den Rettungsschirm wieder verlässt.

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