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Interview
01/23/2017

Erdöl – der Stoff für Konflikte

Der französische Forscher Philippe de Billon hält Ölreichtum für ein verzichtbares Glück.

von Irmgard Kischko

Ein Ölquelle im Land sorgt für sprudelnde Gewinne und Reichtum – eine landläufige Einschätzung, die für die meisten Ölförderstaaten nicht gilt. Warum Öl der Stoff für Konflikte und nicht für Wohlstand ist und was der neue Schieferöl-Reichtum der USA für die Weltpolitik bedeutet, erzählt der Wissenschaftler Philippe Le Billon, der auf Einladung der Österreichischen Entwicklungszusammenarbeit nach Wien kam, dem KURIER.

KURIER: Herr Le Billon, warum hat sich Öl für viele Länder zum Fluch statt zum Segen entwickelt?

Philippe Le Billon: Dass Öl ein Fluch ist, ist sogar statistisch gut bewiesen. Öl spaltet die Länder meist – in jene Gruppen, die direkt von den Öleinnahmen profitieren und jene, die sich benachteiligt fühlen. Die Regierenden schicken dann Militär oder Polizei, um die Ölfördergebiete zu schützen. Diese tendieren dazu, sich vom Land abspalten zu wollen. Öl macht gierig.

Öl heizt also Kriege an ...

Ja, meist zuerst im Inland. Aber es kommt oft auch zu Konflikten auf der staatlichen Ebene. Regime in ölreichen Ländern gehen nicht nur aggressiv gegen eigene aufständische Bevölkerungsgruppen vor, sondern streben eine Expansion in andere Regionen an. Mit den großen Öleinnahmen kaufen sie Waffen. Damit können sie demokratische Tendenzen unterdrücken. Das passiert jedenfalls im Großteil der Ölländer.

In den Ölförderländern herrscht trotz sprudelnder Einnahmen meist auch bittere Armut. Warum gelingt es den Ländern nicht, die Gelder besser zu verteilen?

Für arme Länder ist Öl besonders schlecht. Geld kann dich glücklich machen, es kann dich aber auch dazu verleiten, dumme Dinge zu tun. Das Ölgeld führt meist dazu, dass die Ungleichheit im Land wächst, ein Teil der Bevölkerung wird sich gegen das Regime stellen. Dieses wird die Macht durch eine Mischung aus Korruption und Militär aufrecht erhalten. Das passiert im Nahen Osten genauso wie in einigen afrikanischen Ländern.

Ölgelder könnten ja auch wie in Norwegen in einem Staatsfonds verwaltet und in Krisenzeiten verwendet werden. Warum machen diese Länder das nicht?

Erstens, weil die Sache nicht so einfach ist. Stellen Sie sich vor, Ihre Volkswirtschaft ist arm und wächst dank Öleinnahmen in einem Jahr um die Hälfte, im nächsten Jahr fällt der Ölpreis und die Wirtschaft schrumpft um ein Drittel. Wenn die Preise hoch sind, gibt es viel Geld. Der Druck der Bevölkerung und der Minister, dieses Geld auszugeben, ist enorm groß. Meistens fließt das Geld dann in Konsum und nicht in Investitionen. Gleichzeitig führt das Ölgeld jedoch zu Aufwertungen der Währung, die Exporte werden nicht mehr wettbewerbsfähig sein. Daher hängen diese Länder stark vom Import ab.

Was ändert sich für die Ölländer durch die stark gestiegene Öl-Eigenversorgung der USA?

Der Boom des Schieferöls in den USA war für die Ölländer im Nahen Osten ein Schock. Aber die USA wissen, wenn sie nichts mehr aus Saudi-Arabien importierten, destabilisiert das die arabische Halbinsel. Die Unterstützung der USA hat allerdings abgenommen. China und Europa sind für sie wichtige Abnehmer von Erdöl geworden. Der Nahe Osten könnte seine globalen Allianzen überdenken und mehr auf China oder Russland setzen. Das Gefährlichste aber sind die drohenden Konflikte in den Ländern.

Wird Öl noch lange so bedeutend bleiben für die Geopolitik?

Das hängt davon ab, wie sich der Preis entwickelt. Bleibt er auf dem aktuellen Niveau, wird es noch lange so bleiben wie jetzt. Wenn aber die USA protektionistisch agieren und Ölproduktion im Ausland reduzieren, zu Hause aber ausweiten, könnte der Ölpreis steigen. Einige Länder würden dann ihre Ölabhängigkeit deutlich senken – durch E-Mobility, Energiesparen. Hier wird die Trennlinie sein: Europa wird diesen Weg verfolgen, die USA nicht. China wird versuchen, den europäischen Weg zu gehen.

Philippe Le Billon

Der gebürtige Franzose ist Professor für Geografie an der University of British Columbia in Vancouver, Kanada. Er hat sich als Konfliktforscher international einen Namen gemacht. Sein zentrales Forschungsthema ist der Zusammenhang von Rohstoffen (Ol, Diamanten) und der sozialen sowie Umweltsituation in ressourcenreichen Ländern. Seine Forschungsreisen führten ihn u.a. nach Angola und in den Irak.