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Teuerung
10/17/2016

Inflation kehrt über die Hintertür zurück

Öl wird nicht mehr billiger, also steigen die Preise: Stärker als der Markt rechnet, weniger als die EZB will.

von Hermann Sileitsch-Parzer

Ein seltener Gast ruft sich nach Monaten der Abwesenheit wieder in Erinnerung: die Inflation. Die Teuerungsrate hat im Euroraum im September auf 0,4 Prozent (verglichen mit dem Vorjahr) zugelegt. Das ist immer noch zu wenig: Die Währungshüter der Europäischen Zentralbank (EZB) peilen einen Wert knapp unter zwei Prozent an. Aber immerhin: Es ist der höchste Stand seit fast zwei Jahren. Und das Ende der Fahnenstange ist damit noch nicht erreicht, sagt Andreas Auer, Ökonom der Wiener Privatbank Gutmann, zum KURIER: "Wir glauben, dass man innerhalb der nächsten acht oder zehn Monate einen Einser vor dem Komma sehen wird."

Der Grund ist relativ simpel und hängt damit zusammen, wie Inflation gemessen wird (Siehe Info rechts). Bisher hatten die Energiepreise stark dämpfend auf die Preisentwicklung gewirkt. Dieser statistische "Basis-Effekt" fällt jetzt nach und nach weg. Dadurch befeuern die Preise für Öl & Co. die Inflation, selbst wenn sie seitwärts laufen. Jetzt sieht es aber ohnehin so aus, als würden die Ölpreise eher steigen; zumindest will das Ölkartell OPEC die Fördermengen drosseln.

Megathema Deflation

Die Energiepreise spielen im Warenkorb, mit dem die Inflation gemessen wird, eine gewichtige Rolle. Typischerweise haben sie rund zehn Prozent Anteil, sagt Auer. "Aber das breitet sich aus. Wenn durch die Spritkosten die Transportpreise steigen, werden übermorgen auch die gelieferten Produkte teurer."

Das alles ist kein Geheimnis. "In den Köpfen ist es trotzdem noch nicht verankert", sagt Auer. Woher kommt diese falsche Markterwartung? Die monate- bis jahrelange Debatte über die Deflationsgefahr – also über fallende statt steigende Preise – habe ihre Spuren hinterlassen, glaubt der Experte.

Für eine tendenziell höhere Inflation sprechen auch die laufenden Lohnverhandlungen in Deutschland oder Österreich. Die Gewerkschaften werden zwar nicht erreichen, dass die Löhne um die geforderten drei Prozent steigen. Ein Abschluss oberhalb der Inflationsrate sei aber wahrscheinlich, sagt Bank-Gutmann-Partner Friedrich Strasser.

Weil die Inflationserwartung momentan noch nicht adäquat eingepreist ist, sehen die Anlageprofis gute Chancen auf Wertsteigerungen bei inflationsgebundenen Anleihen. Manche Anleihen unterstellen derzeit nämlich, dass die Inflation langfristig, bis 2030, im Durchschnitt nur ein Prozent beträgt. Wenn das tatsächlich realistisch wäre, hätte die EZB ein echtes Problem.

September-Zahlen

Im September 2016 zählte Österreich erneut zu den Ländern mit den höchsten Inflationsraten des Euroraums – nur in Belgien und Estland zogen die Preise stärker an.

Laut Statistik Austria betrug die Inflationsrate im September für Österreich 0,9 Prozent im Jahresvergleich. Teurer geworden ist insbesondere das Essen im Restaurant (+3,1 Prozent) und das Übernachten im Hotel (+2,4 Prozent). Besonders kräftig stiegen die Wohnungsmieten (+3,3 Prozent). Nahrungsmittel und alkoholfreie Getränke wurden moderat teurer (+0,5 Prozent). Treibstoffpreise und Heizkosten sind noch einmal gesunken – das dürfte sich bald umkehren. Die größten preislichen Veränderungen gab es für Computerspiele, die um fast 30 Prozent teurer wurden, und Gartenpflanzen, die sich um 16 Prozent verbilligten. Diese Ausgaben spielen im Haushaltsbudget aber kaum eine Rolle.

Was ist Inflation?

Wie wird Teuerung „gemessen“?

Wie sich die Preise für Produkte des täglichen Lebens entwickeln, messen die Statistiker, indem sie festlegen, was ein Österreicher üblicherweise kauft. Die Preise für diesen Warenkorb werden mit Testkäufen ermittelt und verglichen. So ergibt sich die Inflationsrate – für Waren aus dem Supermarkt, aber auch für Mieten, Flugreisen, Sprit, Heizkosten, Autoerwerb usw.

Was gibt die Inflationsrate an?

Meist wird als Inflationsrate die Preissteigerung in einem Monat verglichen mit einem Jahr davor verstanden, also z. B. September 2016 mit September 2015. Es gibt auch den Vergleich mit dem Vormonat, der aber saisonale Effekte übertreibt: So wurde im September 2016 Bekleidung verglichen mit August viel teurer, weil der Sommerschlussverkauf inzwischen beendet war.

Was sagt die geldpolitische Theorie?

Ist viel Geld im Umlauf, heizt das die Inflation an. Gleichen Effekt haben niedrige Zinsen, die das Ausborgen von Geld verbilligen. Gibt es wenig Angebot von etwas, steigen die Preise: Schlechte Ernten waren früher ein Haupt- grund für hohe Inflation. Gibt es wenig Nachfrage nach Produkten, fällt deren Preis – und umgekehrt. Deshalb treten schwache Wirt- schaftsphasen oft gepaart mit geringer Inflation auf.

Eine Teuerung von 2877 Prozent

Heute sorgen bei der Inflation schon Veränderungen im Nachkomma-Bereich für Kontroversen – das zeigt, wie stabil die Verhältnisse sind. Es war nicht immer so. Als "Hyperinflation" wird eine galoppierende Teuerung bezeichnet, bei der das Geld rascher den Wert verliert, als man es ausgeben kann. Heute denkt man dabei an Länder wie Venezuela.

Dieses Phänomen gab es allerdings auch in Österreich, zeigt eine Analyse der Oesterreichischen Nationalbank (OeNB) für die vergangenen zwei Jahrhunderte seit ihrer Gründung im Jahr 1816.

Hyperinflation war demnach stets eine Folge von Kriegen, von den Napoleonischen bis zu den Weltkriegen. Zur Finanzierung der Rüstungskosten verschuldeten sich die Staaten bei der Notenbank, die dafür die Geldpressen rascher rotieren ließ.

Auf die lange Notenbank

So auch in Österreich, wo sich zwischen 1914 und 1918 der Banknotenumlauf verzwölffachte. Nach dem Krieg ging es munter weiter. Weil viele Fabriken und Felder zerstört waren, kamen wenige Produkte in den Verkauf. Die unvermeidliche Folge: Die Preise stiegen und stiegen, die Inflationsrate erreichte 1921 satte 205 Prozent und geriet 1922 mit 2877 Prozent endgültig außer Kontrolle. Die Verbraucherpreise stiegen von 1914 bis 1924 fast um das 14.000-Fache. Erst ein Kredit des Völkerbundes (UNO-Vorläufer) und eine Währungsreform brachten das Unheil zum Stillstand.

Die OeNB-Experten geben ihren Vorläufern eine Mitschuld. Die Notenbank-Leitung sei sich der mittelfristigen Konsequenzen bewusst gewesen, habe aber trotzdem auf Hyperinflation zugesteuert – weil man vor den kurzfristigen sozialen und politischen Folgen der Inflationseindämmung zurückscheute. Währungsreform heißt nämlich de facto Enteignung.

Während des Zweiten Weltkriegs hielt ein offizieller Preisstopp die Inflation in Schach (die OeNB war schon unmittelbar nach dem Anschluss Österreichs an Deutschland liquidiert worden). Nach Kriegsende kletterte sie erneut in lichte Höhen. Zur Stabilisierung wurde 1955 das Nationalbankgesetz geschaffen, das die Unabhängigkeit der Bank und die Aufgabe, den Wert des Schilling zu erhalten, festschrieb.

Erneute Inflationsschübe gab es mit den Ölpreisschocks 1974 und Anfang der 1980er-Jahre.

Vermögenspreise

Eine interessante Parallele zu heute findet sich in der Historie: In der Gründerzeitphase ab 1866 war die Inflation ebenfalls niedrig, weil nicht Konsumartikel teurer wurden, sondern Immobilien und Aktien. Bis der "Börsenkrach" von 1873 das Kartenhaus zum Einsturz brachte.

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