Wirtschaft
17.02.2018

In zwölf Jahren nur grüner Strom: Aus jetziger Sicht eine Utopie

Energie-Experte Leonhard Schitter zweifelt daran, dass die Energiewende bis 2030 gelingt.

Alles Öko: Kein Gramm CO2 soll in zwölf Jahren mehr bei der Stromproduktion in Österreich entstehen. Die gesamte elektrische Energie soll 2030 ausschließlich aus Wasserkraft, Wind und Sonne stammen. So lautet der Wunsch der Regierung, der demnächst in der heimischen Energiestrategie ihren Niederschlag finden soll.

Der Weg dorthin wird nicht nur "Öko" sein: Es muss gebaut werden, und zwar viel. "Das wird das größte Kraftwerksbau-Programm der Geschichte", sagt Leonhard Schitter, Präsident von Österreichs Energie. Wer A wie Ausbau sage, müsse auch i wie investieren sagen, so Schitter. 50 Milliarden Euro müsse die heimische E-Wirtschaft dafür in die Hand nehmen, hat Österreichs Energie errechnet. Und dabei gehen die Stromversorger noch gar nicht von 100 Prozent erneuerbar im Jahr 2030 aus. Ihre Schätzungen beziehen sich auf einen Öko-Anteil von 85 Prozent in zwölf Jahren.

Denn die Stromunternehmen sind der Ansicht, dass nur öko nicht sinnvoll ist. "Wir brauchen auch Gaskraftwerke, die die Schwankungen der Stromerzeugung von Sonne und Wind ausgleichen", erklärt der Präsident von Österreichs Energie.

Riesige Anstrengung

Aber schon die 85 Prozent bedeuten eine riesige Anstrengung der Branche. "Eineinhalb mal so viel Strom, wie alle elf Donaukraftwerke produzieren, müssen in nur zwölf Jahren neu an Erzeugungskapazitäten dazugebaut werden", sagt Schitter.

Das heißt: Gut 20 Terawattstunden mehr Strom müssen im Jahr 2030 aus Wasser, Wind und Sonne kommen als heute. Das ist ein Zuwachs um etwa ein Drittel des aktuellen österreichischen Bedarfs an elektrischer Energie. Wie das gehen soll?

Neue Wasserkraftwerke sollen ein Drittel dieses Zusatzbedarfs decken. Vor allem in Westösterreich werde einiges gebaut werden müssen. Genehmigungsverfahren wie derzeit, die zwölf Jahre und länger dauern, seien dafür nicht akzeptabel. Das müsse viel schneller gehen, unterstreicht Schitter.

Ein weiteres Drittel sollen neue Windparks decken. Auch sie müssen wohl rascher errichtet werden. Und: Die Ökostromförderung wie es sie jetzt geben, die fixe Einspeisetarife für etwa zwölf Jahre zusage, müsse beendet werden. Schitter tritt für eine Umstellung auf Ausschreibungen ein. "Der günstigste und effizienteste Anbieter muss zum Zug kommen. Die Betreiber müssten näher an den Markt herangeführt werden", ist der E-Wirtschafts-Präsident überzeugt.

Ein weiteres Drittel des zusätzlich benötigten erneuerbaren Stroms soll aus Fotovoltaik-Anlagen kommen. "Das bedeutet: Ein 100.000-Dächer-Programm jedes Jahr bis 2030", erläutert Schitter. Oder: Die gesamte Dachfläche von Wien und Graz müsse an Solarstromerzeugung dazukommen.

Verkehr einbeziehen

Auf Strom allein sollte die Energiewende aber nicht beschränkt bleiben. Die E-Wirtschaft fordert die Einbeziehung des Verkehrs und der Raumwärme. Auch hier seien Mega-Investitionen nötig.

Ein Beispiel nennt Schitter zum Abschluss: Würde eine Autobahntankstelle so viele Autos mit Strom versorgen wie sie jetzt mit Benzin und Diesel versorgt, bräuchte diese eine Tankstelle eine elektrische Anschlussleistung, die so hoch ist wie jene der Vorarlberger Landeshauptstadt Bregenz.