Wirtschaft
19.04.2017

Was dieser Fußballschuh über Globalisierung verrät: In 30 Jahren um die Welt

"Made in Austria", das war einmal: von Oberösterreich nach Fernost – aber auch wieder retour.

Der Stolz jedes Buben, die ersten Stoppelschuhe. Zufällig fielen dem Autor jene alten Fußballböcke in die Hände, die er als Achtjähriger getragen hatte. Größe 33, "Schoko Hattrick", nach dem damaligen AC-Cesena- und heutigen Dancing-Star Walter Schachner. Und, schau an: "Made in Austria". Die Neugier ist geweckt. Hat adidas 1983 wirklich in Österreich produziert? Die knallgrünen Schuhe derselben Marke, mit denen mein Sohn kickt, kommen aus Indonesien.

Anpfiff. Über adidas in Österreich weiß niemand besser Bescheid als Manfred Lassner. Der Oberösterreicher war 18 Jahre lang im Unternehmen, hatte noch bei Firmengründer Adi Dassler in Herzogenaurach hospitiert. Und er war technischer Leiter im adidas-Werk Andorf bei Schärding. Dort hatte der deutsche Sportgigant 1968 die frühere Spartan-Schuhfabrik übernommen. Die 60 Mitarbeiter sind bald zu wenig – adidas zieht ein weiteres Werk in Klagenfurt-Viktring auf. Dazu kommen zwei Textilfabriken in Graz.

Volltreffer. Mitte der 1980er läuft es richtig rund. Täglich verlassen 2000 Paar Schuhe allein das Andorfer Werk. Zwei Millionen Paar Schuhe pro Jahr sind jetzt "Made in Austria". 60 Prozent werden exportiert – auf die britische Insel, in die Schweiz, in die Sowjetunion, nach Skandinavien. Der Umsatz von adidas Österreich klettert erstmals über eine Milliarde Schilling.

Rote Karte. In der Spitze arbeiten 1100 Mitarbeiter in Österreich. Adidas investiert 1986 noch kräftig, steckt mehr als 40 Millionen Schilling in neue Maschinen. Trotzdem: Im Juni 1988 wird das Aus für Andorf, Graz sowie Teile der Klagenfurter Produktion verkündet. Die Belegschaft trifft es wie ein Keulenschlag. "Das kam für uns überraschend", sagt Lassner. Die Investition hatte alle an eine Zukunft in Österreich glauben lassen.

Ausgekontert. Für das adidas-Management hatte sich der Schritt abgezeichnet. "Uns war bereits klar, dass Österreich durch die hohen Lohnkosten nicht mehr profitabel ist", sagt Ulrich Ackermann. Der Deutsche, heute Inhaber einer Headhunter-Firma für Führungskräfte, wurde genau zu dieser Zeit Chef von adidas-Österreich. Und er sollte die Zukunftschancen ausloten – das erkläre die Investitionen: "Wir hatten massive Schwierigkeiten, unsere Preise im Export durchzusetzen. Das wollten wir mit hochprofessionellen Maschinen auf die Reihe kriegen." Vergebens. Denn es passiert etwas, womit keiner rechnete: der Fall des Eisernen Vorhangs. Jetzt überschwemmen Billigschuhe aus Asien auch die Ostblock-Staaten. Adidas Österreich bricht ein exklusiver Markt weg.

Gegenspieler.In Frankreich und Deutschland verlieren ebenfalls Zehntausende ihre Jobs. Zu lange hatte adidas darauf vertraut, dass sich Qualität bezahlt mache. Die Deutschen werden von US-Shootingstars wie Nike und später Reebok – heute selbst eine kriselnde adidas-Marke – überdribbelt. Die wittern früh Trends wie Aerobic und Jogging und setzen auf bunte, leichte Produkte.

Die Schuhe sind zwar weniger haltbar, treffen aber den Geschmack. "Ich sag’ immer, das sind heute keine Fußballschuhe mehr, sondern Ballettschucherl", sagt Lassner. Es klingt halb bewundernd, halb bedauernd. Die Konsumenten waren nicht bereit, den Aufpreis zu bezahlen. Nike und Reebok verzichten von Anfang an auf eigene Fabriken, lassen bei Auftragsfertigern in Asien produzieren – und das um etwa die Hälfte billiger als im Westen.

Heimtendenz. Hätten sich die Jobs in Österreich retten lassen? 1988 werden Ideen gewälzt, Billigimportschuhe, die weniger als 120 Schilling kosten, mit Zöllen oder Einfuhrkontingenten zu bestrafen – eine Debatte, die auch heute wogt. "Genau darüber habe ich damals mit Bundeskanzler Franz Vranitzky und Sozialminister Alfred Dallinger diskutiert", sagt Ackermann. Man kommt zu dem Schluss, dass selbst Subventionen oder Handelshürden auf Dauer nichts ausrichten.

Spielverlagerung. 1990 ist für die adidas-Produktion in Österreich endgültig Schluss. Auch das letzte Werk in Klagenfurt-Viktring sperrt zu. Nur ein Outlet-Center erinnert an die frühere Tätigkeit. Die fast neuwertigen Maschinen werden ab- und in Russland, Georgien und Jugoslawien – heute Slowenien – neu aufgebaut. Diese Werke produzieren aber nur noch für den lokalen Markt. "Wir mussten von 10.000 Paaren Schuhen aus Russland 9500 wegschmeißen, weil die Qualität katastrophal war", erinnert sich Ackermann.

Transfers. Und was wurde aus den Hunderten Menschen, die in Andorf ihre Jobs verloren? "Einige kamen bei der Schuhfabrik Högl im benachbarten Taufkirchen unter. Andere mussten weiter pendeln, nach Ried, Wels, Braunau oder Passau", sagt Lassner. Gut zwei Drittel der Mitarbeiter waren Frauen; viele sattelten auf Sozial- und Pflegeberufe um.

Für Lassner selbst wiederholte sich das Spiel. Er zog für die Gmundener Kinderschuhfirma Elefanten Fabriken in Osteuropa auf. "Leider ist der Produktionsprozess nach einigen Jahren wieder nach Fernost weitergezogen."

Verlängerung. So lief die Karawane für viele Konsumgüter. Was einst in Österreich hergestellt wurde, wanderte in frühere Ostblockstaaten, dann China und zuletzt Indien, Bangladesch, Vietnam und Indonesien.

Rückpass.Womit die Geschichte aber nicht zu Ende ist. Die Weltumrundung wird komplett – erste Produktionsstätten kehren jetzt in die teuren Industriestaaten zurück. Im deutschen Ansbach und in Atlanta (USA) laufen gerade Speedfactories an: adidas-Fabriken, wo Industrieroboter Schuhe fast vollautomatisch produzieren. Statt Tausenden Mitarbeitern wie in Asien werden nur 160 pro Standort benötigt.

Die Stückzahlen sind vorerst gering, das Potenzial ist aber riesig. Und der nächste Technologiesprung schon vollzogen: adidas-Schuhe aus dem 3-D-Drucker kommen ab Herbst in den Handel. Bald braucht man gar keine Fabrik mehr, weil eine Maschine beim Händler den Schuh nach Kundenwunsch ausspuckt.

Nationalteam.Was hat Österreich davon? Die Speedfactory errichtet die deutsche Kunststoff-Hightechschmiede Oechsler – die hat früher Knöpfe hergestellt. Das riesige adidas-eCommerce-Zentrum, das 2018 bei Osnabrück eröffnet, baut aber der steirische Logistiker Knapp. Selbstfahrende Shuttles sollen bis zu 350.000 Produkte am Tag abfertigen. Das schafft neue, hoch qualifizierte Jobs in Österreich.

Fair Play? "Mit Billigprodukten sind der Wohlstand und die steigenden Ansprüche einer Bevölkerung nicht zu verdienen", sagt Ackermann. Bestes Beispiel sei China: Wo sich in den 1980ern Schuh- und Textilfabriken angesiedelt hatten, wird heute Hightech wie Apples iPhone produziert. Könnte es aber nicht eine fairere Form der Globalisierung geben? "Vielleicht wären das die Flüchtlingsströme, die wir in Europa haben", kontert Ackermann provokant – mit Blickrichtung Afrika. Das sei nämlich die Folge, wenn es nicht gelinge, die Menschen in ihrer Heimat "in Lohn und Brot zu bringen". Die Gewinner der Globalisierung mögen in Asien zu finden sein. "Es war aber nicht zu unserem Nachteil. Auch Europas Lebensstandard hat sich verbessert."