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28.01.2013

Stadtverbindung

Der Fotograf Stefan Oláh ist bekannt für seine unverwechselbaren Bildserien. Jetzt hat er zusammen mit Andreas Lehne ein Buch über die Wiener Stadtbahnbögen gestaltet.

Man hat vielleicht schon das eine oder andere Konzert im Chelsea besucht. Und man geht immer wieder gerne befreundeten DJs im Rhiz zuhören. Im Sommer, wenn man draußen sitzen kann, ist es überhaupt ganz wunderbar: Nirgendwo sonst fühlt man sich so sehr mitten im Stadtgeschehen wie nachts in einem der zahlreichen Lokale in den Wiener Stadtbahnbögen.

Die U6 rumpelt über die Köpfe der Gäste hinweg, sie selbst sitzen oder stehen gut aufgehoben auf der Mittellinie des mehrspurigen Gürtelverkehrs – zwischen den alten, von Jugendstilarchitekt Otto Wagner konzipierten Backsteinwänden stellt sich modernes, urbanes Lebensgefühl ein.

Auch tagsüber ist viel los. Zwischen den Clubs gibt es Autoreparaturwerkstätten und Baustoffhandel, Blumengeschäfte und Restaurants.

„Irgendwann dachte ich in einer meiner Vorlesungen auf der Uni, dass es lustig wäre, ein Buch zu verfassen unter dem Titel 400 Möglichkeiten, einen Stadtbahnbogen zu schließen, erzählt Andreas Lehne, Architekturhistoriker am Bundesdenkmalamt. Sein Arbeitszimmer in der Hofburg war früher einmal das Studierzimmer von Kronprinz Rudolf, die goldene Blumentapete und die Ablagekommode stammen noch aus dieser Zeit. Von hier aus verwalten Lehne und seine Kollegen alle Gebäude in Österreich, die unter Denkmalschutz stehen oder für architekturhistorisch wertvoll erachtet werden.

Die Stadtbahnbögen gelten als ein solches Denkmal, blieben aber lange Zeit völlig unbeachtet. Sie gewannen erst Ende der 1990er-Jahre an Bedeutung, als sich die Stadt Wien entschloss, sie wiederzubeleben.

Trotzdem ist es natürlich genau so, wie Fotograf Stefan Oláh bemerkt: „Zu den Jugenstilbauten auf der Wienzeile pilgern täglich Hunderte Touristen, die Backsteinbögen rund um die inneren Bezirke sind einfach da – dabei wurden beide von Otto Wagner erbaut.“

Zusammen haben Oláh und Lehne nun ein wunderbares Buch über diese wiederbelebte Meile verfasst. Quer durch alle Jahreszeiten blickt man auf die unterschiedlichen Lösungen für die rund 400 Räume innerhalb der Bögen. Von der Vorortelinie in der Weinheimergasse bis zum Währinger Gürtel, vom Hackinger Kai bis vor den Bahnhof Spittelau: Die nach wie vor bestehende Vielfalt der Lokale macht den Charme des ehemals kaiserlichen Projektes aus.

Es gibt Dinge in unserer gebauten Umwelt“, schreibt Az W-Leiter Dietmar Steiner im Vorwort, „die so selbstverständlich sind, dass man sie nicht mehr wahrnimmt. Gute Architekturfotografie holt diese Objekte aus ihrem gewohnten Zusammenhang und zeigt sie uns auf eine Weise, die ihnen Präsenz, Würde, Autorität gibt und damit die Fähigkeit, Fragen zu stellen.“

Der Autor Andreas Lehne schätzt vor allem die Qualität: „Das ist richtig bio“, sagt er, „hier wurde Stein auf Stein gesetzt und es hält bis heute.“

Dabei war die Errichtung der Hochbahnstrecke ursprünglich äußerst umstritten. Karl Lueger, damals Reichsrat-Abgeordneter, meinte dazu 1894: „Die Gürtellinie verschandelt eine Straße, die eine der schönsten der Welt geworden wäre; die Vorortelinie wird ein zweiter Linienwall werden, wie eine chinesische Mauer.“

Nicht einmal der als Modernist geltende Otto Wagner selbst war von den Hochbahnplänen begeistert, sondern richtete sich nur nach den Anforderungen des Bundes. In seinem programmatischen Werk Die Baukunst unserer Zeit sorgte er sich um „die Erhaltung eines möglichst schönen Stadtbildes“. Den Übergang über die beiden Wienzeilen plante er als großes Monument ein, durch welchen Anreisende von der Stadt begrüßt werden.

Dass unter der reich mit Lorbeerkränzen geschmückten Brücke über mehrere Bögen hinweg eine einfache Weinschenke Platz fand, war möglicherweise nicht ganz in Otto Wagners Sinn. „Es wäre interessant zu wissen, wie der Architekt auf die Nutzung als Wirtshaus reagierte“, so Buchautor Andreas Lehne.

In der dicht bevölkerten, boomenden Metropole waren die Bögen rasch vermietet. In den Randlagen wurden sie meist als Lager und Magazine genützt, in den Wohngegenden siedelten sich Handwerks- und Gewerbebetriebe an.

Heute ist man sich einig: Die Betriebe in den Bögen bereichern das Stadtleben, verbinden die inneren mit den äußeren Bezirken und viele haben durch die neu verordnete Glaswandlösung eine faszinierende Atmosphäre erhalten. Für Lehne gilt damit als bewiesen, dass auch in den stillgelegten Bögen noch viel Potenzial steckt.