Wirtschaft 05.12.2011

Gute Geschäfte mit den Armen

© Bild: Reuters

Vier Milliarden Menschen haben nichts und brauchen viel. Ein großer Markt, der langsam von Unternehmen entdeckt wird.

Wenn Krishnamoorthy abends das kleine Seminarhäuschen am Rande der verstaubten Dorfstraße verlässt, ist er zufrieden. Er hat sein eigenes Unternehmen, seine Kinder haben zu essen, kürzlich hat einer seiner Schüler einen Job in der Stadt gefunden. Krishnamoorthy hat die ganze Welt in das kleine Dorf Poyyanandal im indischen Staat Tamil Nadu gebracht. Der Diplomingenieur bringt Jugendlichen, Frauen und Männern bei, mit Internet und Computer umzugehen. Dabei geholfen hat ihm das Netzwerk Drishtee, das 14.000 Franchise-Unternehmer in ländlichen Gebieten Indiens unterstützt.

775 Millionen Menschen leben in indischen Dörfern, die Hälfte von ihnen muss mit weniger als einem Dollar pro Tag auskommen. Sie gehören zur "Bottom of the Pyramid" (BoP), zur untersten Schicht der ökonomischen Pyramide, zu den mehr als vier Milliarden Armen dieser Welt. Drishtee hat das Marktpotenzial dieser riesigen und kaum genutzten Konsumentengruppe erkannt. Die Liste ihrer Bedürfnisse ist endlos, es fehlt an nahezu allem: An Bildung, alltäglichen Waren und einem Bankkonto.

Wie soll man die Bedürfnisse der Menschen befriedigen, die dafür kaum etwas zahlen können?
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Fast endlos sind auch die Möglichkeiten für Unternehmer, den "Markt der Armen" zu erschließen: Das Marktpotenzial der BoP wird vom World Resources Institute auf mehr als fünf Billionen US-Dollar geschätzt. "Die Margen sind gering", sagt Drishtee-Gründer Satyan Mishra, der anlässlich des Ashoka Globalizer Summit in Wien war, "aber wenn man sie mit mehreren Millionen multipliziert, kommt man auf stolze Zahlen."

Doch nicht nur in Entwicklungs- und Schwellenländern, auch im Westen sind die Armen ein Markt. 79 Millionen Menschen leben in Europa unter der Armutsgrenze, in den USA sind es 46,2 Millionen.

Was der britische Sozialphilosoph Charles Handy in seinem Buch "The Hungry Spirit" als neuen Kapitalismus beschreibt, erkennen nun immer mehr Unternehmen als gangbaren Weg. Abseits von Charity und spendenorientierter Entwicklungshilfe nutzen sie das Marktpotenzial der armen Weltbevölkerung, treiben die sozial-ökonomische Entwicklung auf lokaler Ebene voran und machen damit auch noch Profit. Iqubal Qadir, der als Gründer des
Telekommunikationsunternehmens Bangladesch Millionen Menschen zu ökonomischem Aufschwung verhalf, machte den Nutzen dieses Konzeptes Anfang November beim Global Peter Drucker Forum in Wien klar: "Unternehmen gewinnen, indem sie Produkte verkaufen. Die Menschen gewinnen, indem sie mehr verdienen. Und die Länder gewinnen, weil die Leute produktiver sind."

Dividende

Wie soll man die Bedürfnisse der Menschen befriedigen, die dafür kaum etwas zahlen können?
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Ein Unternehmens-Konzept, das die Verbesserungen der Lebensbedingungen durch den Unternehmensprofit in den Vordergrund rückt ist das des "Social Business". Es geht auf den Friedensnobelpreisträger und Wirtschaftsexperten Muhammad Yunus zurück. Solche "Social Enterprises" verzichten auf die Ausschüttung von Dividenden, Gewinne werden ins Unternehmen reinvestiert. Die von Yunus gegründete Grameen-Bank in Bangladesch vergibt Kleinstkredite an Arme.

Doch wie den Markt der Armen erschließen, wie die Bedürfnisse von zahllosen Menschen befriedigen, die dafür kaum etwas bezahlen können? Und wie daraus auch noch Profit schlagen? Der indisch-amerikanische Management-Vordenker C.K. Prahalad gab 2007 in einem Interview mit der Nachrichtenagentur Reuters die Antwort: "Wenn Sie Produkte anbieten wollen, die denselben Standards genügen, die Sie und ich haben wollen, und das auch noch zu leistbaren Preisen, dann ist der einzige Weg dazu Innovation."

Österreich

Wie soll man die Bedürfnisse der Menschen befriedigen, die dafür kaum etwas zahlen können?
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Das hat auch die österreichische Firma Spirit Design erkannt. Ihr neu entworfener Kleintraktor "Ox" wird mit Biogas angetrieben und soll Bauern in Entwicklungsländern ermöglichen, ihre Produktivität zu steigern. Mikrokredite sollen den Ox für die Bauern erschwinglich machen. An dem Projekt sind die TU Wien und die Universität für Bodenkultur beteiligt. Laut Georg Wagner, Managing Partner bei Spirit Design, ein vielversprechendes: "In zahlreichen Entwicklungs- und Schwellenländern fallen derzeit zwei Faktoren zusammen: hohes Wirtschaftswachstum einerseits und geringer Maschineneinsatz im landwirtschaftlichen Sektor andererseits."

Aber auch internationale Konzerne widmen sich zunehmend gesellschaftlichen
Bedürfnissen. Bill Gates rief auf dem World Economic Forum in Davos 2008 die Ära des "kreativen Kapitalismus" aus - mit der Kombination von unternehmerischem Eigeninteresse mit dem Nutzen für andere könne man weit mehr Menschen erreichen, als mit nur einer der beiden Strategien. Mit dem weltweiten Unlimited Potential (UP) Programm hat Microsoft im Jahr 2011 Trainings für 23 Millionen Menschen angeboten und 45.000 Jungunternehmer mit Software ausgestattet.
Dass man bei den geringen Margen die Transaktionskosten möglichst gering halten soll, wissen auch die Vereinten Nationen. Im Pamphlet "Creating Value for All" empfehlen sie folgende Maßnahmen: Produkte und Prozesse durch Innovation möglichst günstig und effizient gestalten. In Marktbedingungen investieren. Die Zielgruppe vor Ort einbinden. Mit Entwicklungsorganisationen und NGOs zusammenarbeiten. Und mit Regierungen den Dialog suchen.
Findige Unternehmen tun genau das - und machen in den ärmsten Regionen dieser Welt nicht nur Gewinn, sondern sind es auch.

INFO: Die Österreichische Entwicklungszusammenarbeitsagentur ADA fördert Wirtschaftspartnerschaften in den sogenannten Entwicklungsländern. Starthilfe für Social Enterprises gibt das weltweite Netzwerk Ashoka. www.ashoka.org

( Kurier ) Erstellt am 05.12.2011