Wirtschaft 01.01.2013

Grossnigg: "Endlich Mut zu Reformen"

Der Unternehmer Erhard F. Grossnigg über Politik, Fraueneinkommen und seinen Managementstil.

KURIER: Im Firmenbuch sind Sie mit 35 aktiven und 107 ehemaligen Funktionen aufgelistet. Wann schlafen Sie eigentlich?

Erhard Grossnigg: In der Nacht. Ich bin ein fleißiger Mensch und habe Freude an der Arbeit. Zum 65. Geburtstag habe ich mir vorgenommen, jedes Jahr sieben Mandate abzubauen. Bis zum 70er habe ich keine Funktion mehr und im eigenen Unternehmen die Nachfolgeregelungen getroffen.

Angeblich haben Sie mehr als 200 Unternehmen saniert. Können Sie überhaupt noch einen Überblick haben? Es sind nur etwas mehr als hundert Firmen. Mir wäre sehr fad, wenn ich lediglich für ein Unternehmen arbeiten würde. Grundsätzlich ist das alles keine Wissenschaft, sondern immer das Gleiche: Mehr einnehmen als ausgeben.

Was halten Sie von den politischen Ansagen des Unternehmers Frank Stronach?Ich glaube, dass er Wähler bekommen wird, aber nicht genug. Sein Konzept ist in meinen Augen ein Rückschritt. Wir leben heute so gut wie noch keine Generation vor uns. Trotzdem sind alle unzufrieden.

Weil sich die Frage stellt, ob dieser Standard aufrechtzuerhalten ist.

1970 lag das durchschnittliche Berufseinstiegsalter bei 17 Jahren und das Pensionsantrittsalter bei 62 Jahren. Heute beginnen wir mit 21 zu arbeiten, gehen mit 58 in Pension und leben wesentlich länger. Das kann sich nicht ausgehen. Wir müssen das Pensionsalter erhöhen und ganz besonders das Frauenpensionsalter.

Dann sollten Frauen aber endlich gleich viel verdienen wie Männer.

Nein, Frauen müssen um 20 Prozent weniger verdienen, so sage ich bei Vorträgen, um Aufmerksamkeit zu erhalten.

Das meinen Sie aber nicht im Ernst.

In gewisser Weise doch. Frauen gehen fünf Jahre früher in Pension und leben sieben Jahre länger. Sie sind sieben Prozent der Arbeitszeit im Krankenstand – weil sie zu Hause bleiben, wenn die Kinder krank sind –, Männer drei Prozent. Für diese ungleiche Verteilung muss der Staat bezahlen und nicht die Unternehmen.

Wie halten Sie es denn in Ihren Unternehmen?

Ich habe etliche Frauen als Führungskräfte, auch meine Nachfolgerin ist eine Frau. Ich arbeite sehr gerne mit Frauen zusammen. Wenn ich mit einer Frau einen Dienstvertrag ausverhandle, beziehen sich 29 Minuten auf den Vertrag und eine Minute aufs Dienstauto. Bei Männern ist es genau umgekehrt. Frauen definieren sich im Gegensatz zu Männern nicht über Prestigedenken.

Welchen Dienstwagen fahren Sie selbst?

Da war ich immer sehr bescheiden. Sie können als Sanierungsmanager nicht mit einem Rolls-Royce oder einem dicken Mercedes vorfahren. Jetzt habe ich einen Jaguar, aber darauf habe ich gewartet, bis ich 60 Jahre alt wurde. Da Tarbuk zu meiner Firmengruppe gehört, wurde es natürlich ein Jaguar.

Warum bekommen Ihre Manager nicht die üblichen Fünf-Jahres-Verträge?

Liebe kann nur in Freiheit gedeihen. Ich will keine Flaschen, sondern Leute, die sehr viel Selbstvertrauen haben. Es gibt eine dreimonatige Kündigungsfrist, keine Pensionsverträge und auch keine Haftpflichtversicherungen für Manager. Wenn man wie ein ordentlicher Kaufmann handelt, braucht man so was nicht.

Zurück zur Politik. Wo sehen Sie Handlungsbedarf?

Pensionen, Gesundheit und Bildung werden immer teurer, aber die Steuereinnahmen sind nicht beliebig erhöhbar. In der Verwaltung wäre großes Einsparungspotenzial. Der Föderalismus hat sich überlebt. Wozu brauchen wir die Länder? Wir reden von Europa und geben die Bildung in die Kompetenz der Länder. Bildung ist aber das Wichtigste. Es braucht endlich Mut zu Reformen, aber diesen Mut hat keiner, weil er dann die nächste Wahl verliert. Oder können Sie sich vorstellen, dass die Österreicher – so wie die Schweizer – zum Beispiel gegen mehr Urlaub stimmen würden?

Hatte Erste-Group-Chef Treichl recht mit seinem Sager über die blöden und feigen Politiker?Grundsätzlich ja, aber so kann man das nicht formulieren. Politiker zu sein, ist eine sehr harte und oft undankbare Aufgabe, dazu braucht es eine Berufung, da darf es nicht nur ums Geldverdienen gehen. Wer nicht dazu bereit ist, der soll was anderes machen.

Wären Sie bereit, Vermögenssteuer zu bezahlen?

Ich bin bereit, für eine bestimmte Zeit mehr Steuern zu zahlen. Vorausgesetzt, dieses Geld wird für Strukturmaßnahmen verwendet und nicht sinnlos ausgegeben. Ich will keine Jugendarbeitslosigkeit von 40 Prozent und junge Menschen ohne Perspektive. Am Ende werden ohnehin die Reichen zahlen. Was sollen denn diejenigen zahlen, die nichts haben? Dieses Büro, in dem wir hier sitzen (in der Walfischgasse in der Wiener Innenstadt), habe ich vor vielen Jahren um 10.000 Schilling pro Quadratmeter gekauft, heute ist es 6000 Euro wert. Was war mein Beitrag dazu? Null. Mein Vermögen hat sich vermehrt, ohne dass ich etwas dazu getan habe.

Glauben Sie an die Zukunft des Euro?

Ja, mit oder ohne Griechenland.

Sie sind an der Semper Constantia Privatbank beteiligt. Leidet die Bank noch unter ihrer Vergangenheit?Die Vergangenheit hängt der Bank, die durch die Immofinanz-Konstruktion in Misskredit kam, imagemäßig noch nach. Das wird noch dauern, aber die Bank arbeitet gut. Das ist ein ordentliches Institut mit hohen ethischen Ansprüchen und einer Eigenkapital-Überdeckung von 300 Prozent. Verkauft werden nur Produkte, die der Kunde versteht.

Die Porzellanmanufaktur Augarten leisten Sie sich dafür eher als Hobby?

Augarten ist ein Stück österreichischer Tradition. Ich wollte zuerst nicht, aber als ich sah, wie dort gearbeitet wird, war ich überzeugt, dieses Unternehmen muss erhalten werden. Das Problem ist, wer kauft heute noch teures Porzellan? Früher haben die Frauen noch gekocht, aber heute gibt’s nur noch Fertigmenüs und die Enkelinnen tragen das kostbare, alte Geschirr ins Dorotheum.

Da haben wir’s wieder. Eh klar, die kochfaulen Frauen sind schuld an den Verlusten.

Naja, so habe ich es nicht gemeint. Ich habe viel investiert, unter anderem in ein tolles Museum, und Augarten wird hoffentlich in zwei, drei Jahren den Break-Even erreichen. Ich leiste mir als Hobby auch die Beteiligung an der Seidenmanufaktur Fabric Frontline.

Warum haben Sie sich gemeinsam mit Ihrem Freund Hans-Peter Haselsteiner auf das Abenteuer Westbahn eingelassen? Da werden Sie noch lange keinen Gewinn sehen.

Wir wollen mit einer kleinen Bahn mit einem modernen Konzept den ÖBB Konkurrenz machen. Wir haben ein besseres Service, saubere Züge und niedrigere Betriebskosten. Langfristig sollte das ein großer Erfolg werden.

( Kurier ) Erstellt am 01.01.2013