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Interview
12/26/2014

"Große Ich-Mentalität" in der Software-Branche

Immer weniger Jungunternehmer stellen Mitarbeiter ein, beklagt VÖSI-Chef Peter Lieber.

von Anita Staudacher

Die heimische Software-Branche ist zu einer "Single-Branche" geworden. Es wimmelt von Freelancern, Werkverträglern, Mikro-Firmen. Warum ist das so? Der KURIER sprach mit Peter Lieber, Gründer und Geschäftsführer von LieberLieber Software und Präsident des Software-Verbandes VÖSI, über Einzelkämpfertum, fehlendes Risikokapital und Alternativen zur Vermögenssteuer.

KURIER: Wie geht es der heimischen Software-Branche?

Peter Lieber: Ich könnte jetzt natürlich ins allgemeine Jammern einstimmen, aber in Wahrheit geht es der Branche überraschend gut. Themen wie Industrie 4.0 sorgen vor allem bei den Beratern für Aufschwung. Auftragslage und Umsätze sind okay. Nur leider sind wir kein Jobmotor. Das ist wohl ein Anlass zur Sorge.

Man hat das Gefühl, die Branche schrumpft rapide. Es gibt kaum noch größere Unternehmen, sondern fast nur Einzelkämpfer.

Stimmt. Von 70.000 Mitgliedern in der Sparte Unternehmensberatung/IT haben nur noch 7000 überhaupt Beschäftigte. Jeder will nur für sich selbst tätig sein, ohne Mitarbeiter. Dadurch werden wenig neue Jobs geschaffen.

Woran liegt das?

Wir sind bei den Gehältern ein Hochpreisland. Da sinkt natürlich die Bereitschaft, jemanden anzustellen. Die größte Hürde ist da sicherlich der erste Mitarbeiter. Viele Ein-Personen-Unternehmen (EPU) in unserer Branche haben vor allem wegen der Freiheit den Gewerbeschein gelöst. Sie wollen selbst bestimmen, wo und wann sie arbeiten. Die wenigsten denken daran, Mitarbeiter anzustellen.

Wenn alle nur noch für sich selbst arbeiten wollen, wo sollen dann die Jobs herkommen?

Ein EPU ist für mich noch lange kein Unternehmer. EPU sind unternehmerisch, aber primär für sich verantwortlich. Ein Unternehmer übernimmt auch Risiko und Verantwortung für das Unternehmen und stellt Mitarbeiter ein. Bei diesem EPU-Wahn wurde ja völlig übersehen, dass bei Weitem nicht alle EPU richtige Unternehmen werden wollen. Jetzt will man sie wieder alle in Angestelltenverhältnisse zwingen, das halte ich für völlig pervers.

Sie haben selbst mehrere Unternehmen hochgezogen. Fehlt es an Unternehmergeist?

Der Unternehmergeist ist schon da, aber eher zum Einzelkämpfertum. Jeder will nur seine Idee umsetzen. Dass sich mehrere zusammentun und gemeinsam etwas auf die Beine stellen, wird hingegen immer weniger. Es gibt eine große Ich-Mentalität. Die Einstellung, ,was kann ich für andere tun?‘ findet keine Mehrheit mehr. Dem Einzelnen geht es immer nur um sich selbst.

Gründer klagen häufig über zu wenig Risikokapital. Hapert es nicht oft an der Finanzierung?

In der Tat ist die Finanzierungslücke das größte Problem. Die Banken sagen zwar, sie hätten jede Menge Kredite zu vergeben, machen aber die Hürden so hoch, dass sie keiner abholen kommt. Gleichzeitig sind alternative Methoden wie Crowdfunding nur eingeschränkt möglich. Sobald ich als Unternehmer in mehr als zwei Projekte investiert bin, könnte das schon institutionalisiert sein und dann gibt es Probleme mit der FMA.

Was schlagen Sie vor, um die Finanzierungslücke zu schließen?

Es müsste für Vermögende mehr steuerliche Anreize für Investitionen in die Wirtschaft geben. Ihnen mit einer Vermögenssteuer das Geld wegzunehmen, ist ja nur ein Einmaleffekt. Sie werden nur danach trachten, weniger zu verdienen, um weniger Steuern zu zahlen. Wenn ich sie aber dazu bringe, in den österreichischen Markt zu investieren, brächte das viel mehr. Wenn sie ihr Geld in den Markt investieren könnten wie sie wollen, hätte das einen wesentlich höheren Impact als bloß eine Vermögenssteuer.

Gibt es eigentlich noch viele Software-Entwickler im Land?

Österreich ist keine Entwicklernation, sondern eine Adaptierer- und Anpasser-Nation. Wir sind mehr Innovation-Follower. Das Gute: Wir exportieren dieses Adaptieren dann sehr erfolgreich ins Ausland. Als Entwicklerland sind wir zu hochpreisig. Der Kollektivvertrag in unserer Branche ist einer der teuersten der Welt.

Betreiben wir generell zu wenig Forschung & Entwicklung?

Wir schaffen es zwar, tolle Technologie zu entwickeln, aber leider kommt vieles davon nicht auf den Markt. Der Brückenschlag zwischen Entwicklung wird nicht gefördert. Wir tun viel zu wenig, die Forschungsergebnisse in den Markt zu bringen.

Welche Forderungen haben Sie an die Politik?

Gar keine. Ich bin der Meinung, dass man zuerst selbst etwas geben soll und dann erst etwas fordern darf. Als Branchenverband VÖSI haben wir daher ein Manifest erstellt, wo wir alle unsere Aktivitäten auflisten.

Seriengründer als VÖSI-Chef

Software-Tüftler

Peter Lieber (41) hat bisher insgesamt zwölf Unternehmen im Bereich Software/IT gegründet, wovon acht noch existieren. Mit seiner Software-Schmiede LieberLieber kooperiert er eng mit Microsoft. Seit 2014 gibt es eine Niederlassung in den USA.

VÖSI

Lieber ist seit September Präsident des Verbandes der österreichischen Softwareindustrie (VÖSI). Unter den aktuell 27 Mitgliedern sind etwa Siemens, Microsoft, Raiffeisen Informatik, Atos oder ACP. Ziel ist eine Verdoppelung auf 60 Mitglieder.

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