Müssen Europas Steuerzahler für Griechenland noch Haare lassen? Nicht unbedingt, sagen Experten.

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Analyse
01/09/2015

Athen: Die Alternativen zum Haarschnitt

Griechenlands Schuldenlast ließe sich mildern, ohne dass die Kreditgeber ihr Geld verlieren.

von Hermann Sileitsch-Parzer

Werden Europas Steuerzahler ihre Hilfskredite für Griechenland je wiedersehen? Diese Frage erhielt neue Brisanz, seit die linkspopulistische Syriza-Partei gute Chancen auf den Wahlsieg Ende Jänner hat. Syriza-Chef Alexis Tsipras will den Sparkurs beenden und fordert einen Schuldenerlass ("Haircut").

Könnte sich Griechenland aus der Schuldenfalle befreien, ohne dass die Kreditgeber rasiert werden müssen?

Ja, behaupten EU-Kommission und IWF. Der Schuldenstand soll laut ihren Prognosen von aktuell 175,5 Prozent bis zum Jahr 2030 auf 80 Prozent der Wirtschaftsleistung (BIP) sinken. Das wäre sogar besser als Österreichs aktuelle Lage.

Ist das realistisch?

Nicht besonders. Dazu dürfte es beim Wachstum, im Budget, bei den Privatisierungserlösen und den Zinsen keine negativen Überraschungen geben. Zweifel sind angebracht: Seit Mai 2010 lagen fast alle IWF- und EU-Prognosen weit daneben.

Darf Griechenland künftig den Sparkurs lockern?

Leider nein. Damit die Schulden sinken, sind weiterhin hohe Budgetüberschüsse nötig – bis zu 4,5 Prozent des BIP (ohne Zinsen). Und das bis ins Jahr 2030. So etwas haben nur wenige Länder geschafft; etwa Belgien in den 1990ern – in einem besseren wirtschaftlichen Umfeld.

Wäre diese Disziplin den Politikern zuzutrauen?

Dem amtierenden Premier Antonis Samaras schon, sagt Zsolt Darvas von der Denkfabrik Bruegel in Brüssel zum KURIER. Die Regierung hat den Sparkurs fast schon zu radikal durchgezogen, das Defizit um 15 Prozentpunkte reduziert und 2,7 Prozent Budgetüberschuss erreicht. "Der Großteil ist damit erledigt, da fehlt nicht mehr viel, wenn sich die Konjunktur bessert", sagt Darvas. Dass Herausforderer Tsipras den harten Sparkurs beibehalten würde, sei hingegen "sehr unwahrscheinlich".

Wie viel Geld der europäischen Steuerzahler wurde schon in der Ägäis versenkt?

Gar nichts. Bisher mussten nur private Investoren, Banken und Versicherer bluten. An offiziellen Hilfen wurden 226,5 Mrd. Euro ausbezahlt – 194,7 Mrd. von den Euroländern und 31,8 Mrd. vom IWF. Das waren aber keine Geschenke, sondern sehr günstige Kredite. Ein Verlust entstünde erst mit dem Schuldenschnitt. EZB und IWF schließen das für ihren Teil aus. "Die Notenbank darf nicht, das sagen die Europäischen Verträge deutlich", erklärte EZB-Direktor Benoit Coeure.

Wie groß ist der Anteil, für den Österreich haftet?

Rund 5,7 Milliarden Euro.

Gibt es eine Alternative zum Schuldenschnitt?

Ja, sagt Darvas. Denn bisher machen die Euroländer mit den Krediten ein Geschäft: Sie schlagen Athen 0,5 Prozent auf den Zinssatz (Dreimonats-Euribor) drauf. Auch eine von 30 auf 40 Jahre verlängerte Laufzeit würde keinen großen Unterschied mehr machen, sagt Darvas. Athen könnte sich so 32 Mrd. Euro oder 17 Prozent des BIP sparen. Die Kreditkosten der Geldgeber wären noch abgedeckt und sie müssten keine Verluste schultern. Nachteil: Ihr Schuldenstand sinkt um zehn Jahre später.

Würde das ausreichen?

Es wäre eine große Erleichterung. "Weniger, als sich Tsipras erhofft, aber das Maximum, das die Kreditgeber ohne Verluste aufbringen können", sagt Darvas.

Was, wenn die künftige Regierung in Athen Zinsen und Kredite einfach nicht zahlt?

Mit einer Staatspleite wäre der Zugang zum Kapitalmarkt für viele Jahre versperrt. Darauf ist Athen aber trotz Budgetüberschuss angewiesen. An IWF, EZB und einige Privatgläubiger müssten jedenfalls etwa 60 Mrd. Euro zurückgezahlt werden.

Wird Griechenland noch weitere Hilfen brauchen?

Hängt ganz davon ab, ob es Geld von privaten Investoren erhält. Möglich wäre ein vorsorgliches Hilfspaket, das nur abgerufen wird, falls die Zinsen unleistbar werden. Dazu müsste die neue Regierung aber kooperativ sein. Eurobank-Analyst Platon Monokroussos veranschlagt 23 Mrd. Euro als Maximalrahmen – etwa zur Hälfte von Eurorettungsschirm ESM und IWF.

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