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Wirtschaft
12/05/2011

Griechenland: "Dann droht ein Aufstand"

Reportage: Die Familie Charou ist ein Beleg dafür, dass die dramatische Schuldenkrise auch den Mittelstand voll erfasst hat.

In der Behaglichkeit seines bürgerlichen Wohnzimmers mutet es seltsam an, wenn Anastasios Charou von einem drohenden "Aufstand" spricht. Längst ist auch in seinen eigenen vier Wänden die Welt aus den Fugen geraten. Vier Jahrzehnte lang führte der Besitzer eines Damenmoden-Geschäftes einen gut gehenden Laden nahe der angesagtesten Einkaufsstraße Athens. Doch heute haben die Geschäfte links und rechts die Rollläden heruntergelassen - und auch Charou kämpft jeden Tag ums Überleben. "Ich habe keinen Spielraum mehr", seufzt der Vater dreier erwachsener Kinder, "seit Beginn der Krise vor drei Jahren sind die Umsätze um 70 Prozent eingebrochen."

Kein Wunder, dass Charous Kunden ausbleiben: Der Staat hat die Pensionen halbiert, die Löhne der Staatsbediensteten gekürzt und der Bevölkerung eine Flut neuer Steuern aufgebrummt. Jede neue Abgabe, die in der EU als Zeichen des guten Willens erachtet wird, das horrende Staatsdefizit abzubauen, bedeutet in Griechenland eine weitere Drehung der wirtschaftlichen Todesspirale. Noch mehr Steuern heißt, noch weniger Einkommen oder heißt für Anastasios Charou - noch weniger Kunden.

Tiefpunkt

"Natürlich überlegen sich Pensionisten, ob sie mit ihren 600 Euro lieber Medikamente oder Kleidung kaufen." Tiefernst nickt der Geschäftsmann, als Tochter Georgia ausholt: "Aber das Schlimmste ist, wir wissen nicht, wo der Tiefpunkt liegt. Es wäre für uns alle leichter, wenn es ein klares Ziel gäbe, dann könnten wir uns darauf einstellen, aber so", seufzt sie, "haben wir keine Ahnung, was noch kommt." Noch soundsoviele Milliarden sparen? Neue Steuern? Staatsbankrott? Georgia zuckt mutlos die Schultern.

Die Konjunkturdaten lassen nicht erwarten, dass Griechenland die Talsohle bereits erreicht hat: Zum dritten Mal hintereinander schrumpft 2011 die Wirtschaft, die Arbeitslosigkeit liegt bei 18 Prozent, erstmals steht die Kündigung von 30.000 Beamten im Raum. Ökonomen drängen auf die Liberalisierung der überbürokratisierten Wirtschaft und Privatisierungen. Die Zauberworte heißen "Modernisierung" oder "die Krise als Chance".

Doch die Familie Charou hat für solche Schlagworte nur ein mildes Lächeln übrig. Die Kürzungen kamen schneller als die Modernisierung, die Krise hat endgültig den Mittelstand erreicht. Für alle fünf arbeitenden Mitglieder der Familie gab es in den vergangenen drei Jahren nur Einbußen: Sohn Vassilis, ein Elektromechaniker, rechnet jeden Tag mit der Kündigung. Tochter Zoe hat als Vorschullehrerin seit drei Monaten keinen Lohn mehr erhalten. Und der beträgt nach einer massiven Lohnkürzung statt 1100 ohnehin nur noch 800 Euro. Bei ihrer Mutter, die in der Athener Verwaltung der SOS-Kinderdörfer arbeitet, mehren sich die Anfragen verzweifelter Eltern, die angesichts ihrer finanziellen Notlage bitten, ihre Kinder eine Weile unterbringen zu dürfen.

Verunsicherung

Die anhaltende Verunsicherung und die fehlende Perspektive, dass bald alles besser werden könnte, haben selbst Anastasios Charou und seiner Familie aufs Gemüt geschlagen. "Wir legen jetzt alles zusammen und kommen schon irgendwie durch." Doch mehr Kopfzerbrechen bereitet ihm, "dass wir jetzt eine Gesellschaft in Angst geworden sind. Die einen haben Angst, ihren Job zu verlieren, die anderen haben Angst, dass die EU kein Geld mehr zahlt. Irgendwann ist es genug, und man kann den Druck nicht mehr aushalten. Und dann droht ein Aufstand."

Sich dem Generalstreik anzuschließen und so gegen die Politiker zu demonstrieren, "die uns alle blind ins Verderben haben rennen lassen", kommt für Anastasios Charou dennoch nicht in Frage. "Die ewigen Streiks", brummt er, "haben mein Geschäft vollends ruiniert." Auch Tochter Zoe wird "vielleicht nur am Abend auf den Syntagma-Platz gehen. Aber tagsüber? Keinem von uns Jungen, die einen Job haben, wird es einfallen, irgendetwas zu tun, was unseren Job gefährdet."

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