© REUTERS/DAVID GRAY

USA
02/15/2017

Goldman Sachs: Zurück an den Hebeln der Macht

Drehtür zwischen Finanz und Politik: US-Präsident Trump hievt Wall-Street-Banker wieder in Topjobs.

von Hermann Sileitsch-Parzer

Ist die Trump-Regierung eine Marionette der Finanzwelt? Mit der neuen Regierung sind Spitzenbanker jedenfalls wieder an die Schalthebel der Macht zurückgekehrt. Goldman Sachs, die größte US-Investmentbank, gilt seit jeher als Durchhaus zwischen Finanzwelt und Politik. Das Intimverhältnis zu Regierungen in aller Welt hatte dem bei Kritikern verhassten Institut sogar bereits den Spitznamen "Government Sachs" eingebracht.

Bis zur Krise 2007 bzw. 2008 war das auch berechtigt. Danach fielen die Goldmänner unter US-Präsident Barack Obama in Ungnade und wurden in die zweite Reihe verbannt. Zu sehr war der Glanz der mächtigen Geldjongleure abgebröckelt. Und zu offensichtlich wäre der Interessenskonflikt gewesen, wenn die Bankenmanager die für die Steuerzahler riskante Bankenrettung mitbeschlossen hätten. Goldman, JP Morgan, Morgan Stanley, Bank of America: Einer nach dem anderen mussten die Topbanker vor dem Kongress Rede und Antwort stehen, welche Rolle sie in der Krise gespielt hatten.

Gelockerte Bankenregeln

Vergeben und vergessen? Jetzt scheint das kein Thema mehr. Ausgerechnet Donald Trump, der im Wahlkampf wie kein anderer auf die Finanzhaie der Wall Street geschimpft hatte, hievt die Banker nun in Schlüsselpositionen. Und unterfertigt gleich in den ersten Amtswochen zwei Dekrete, die "direkt der Wunschliste der Wall Street" entstammen, wie die bissige Konsumentenschützerin Elizabeth Warren (68) anmerkt.

Zufall? Damit könnte ein Teil jener Bastionen, die errichtet wurden, um künftige Finanzkrisen zu verhindern, sturmreif geschossen werden: Trump will die verschärften Bankenregeln lockern. Eine in der Branche verhasste Vorgabe, die Finanzberater verpflichtet, ausschließlich im Interesse ihrer Kunden zu agieren, soll ebenfalls fallen.

In einem mit 9. Februar 2017 datierten Brief will die demokratische Senatorin Warren nun von Goldman-Sachs-Chef Lloyd Blankfein persönlich wissen, welche Kontakte sein Haus zu den früheren Goldman-Mitarbeitern in der Trump-Regierung noch unterhält. Ob Druck ausgeübt wurde. Und wie Goldman von den geänderten Gesetzen profitiert. Die Frage liegt nahe. Denn für Bankaktionäre war allein die Ankündigung ein Freudenakt: Gleich am ersten Tag ist der Börsenwert von Goldman Sachs um 4,1 Milliarden Dollar hochgeschossen.

Krisengewinnler

Die gelockerte Regulierung trägt jedenfalls die Handschrift von Gary Cohn (57), neuerdings Direktor von Trumps Nationalem Wirtschaftsrat. Er diente 25 Jahre bei Goldman, war Nummer zwei hinter Blankfein und galt als dessen logischer Nachfolger. Bis ihn der Ruf des Vaterlandes ereilte. Sein Abgang sei ihm mit 284 Millionen Dollar an Boni und Aktienpaketen ordentlich versüßt worden, merkt Warren bitter an.

An seinen Vater Robin, der 35 Jahre bei Goldman verbrachte, kommt der am Dienstag bestellte US-FinanzministerSteven Mnuchin (54) zwar nicht heran. Er schaffte "nur" 17 Jahre, weil er später einen eigenen Hedgefonds gründete und als Produzent das Geld für Kinofilme wie "Avatar" oder jüngst "Lego Batman Movie" aufstellte. Mnuchin gilt als Krisengewinnler: Er kaufte dem Staat einen abgestürzten Hypothekenfinanzierer ab und wurde ihn später mit Milliardengewinn los. Der Vorwurf lautet, dass seine OneWest Bank bei der Eintreibung von Krediten und Zwangsvollstreckungen alles andere als zimperlich gegenüber den Hausbesitzern vorgegangen sei. Mnuchin weist das zurück.

Mächtige Berater

Mnuchin und Cohn sind nicht die einzigen Goldmänner im inneren Zirkel. Auch wenn der Schmuddellook anderes vermuten lässt: Trump-Einflüsterer Stephan Bannon (63) verdiente seine ersten Millionen ebenfalls als Goldman-Investmentbanker. Eine weitere Schlüsselrolle als Beraterin für Trump und dessen Tochter Ivanka erhielt Dina Habib Powell (41), Chefin der Wohltätigkeitsaktivitäten bei Goldman. Die Tochter eines ägyptischen Armeeoffiziers, die mit vier Jahren in die USA gekommen war, ist kein Neuling im Weißen Haus. Sie hatte sich als Personalchefin unter George W. Bush einen knallharten Ruf erworben.

Als konfliktträchtig könnte sich die Rolle von Jay Clayton erweisen, der künftig für den Anlegerschutz und die Aufsicht über Investmentfirmen zuständig sein soll. Er wurde von Trump als Chef der Börsenaufsicht SEC (Securities and Exchange Commission) nominiert. Der Anwalt Clayton war zwar nie selbst bei Goldman. Die Bank war aber sein Kunde bei der Anwaltskanzlei Sullivan & Cromwell.

Gegen das Establishment?

Besonders bizarr ist die Liaison, weil Trump im Wahlkampf permanent Verschwörungstheorien rund um die Bankennähe seiner Kontrahentin Hillary Clinton gewälzt hatte. Er warf ihr "Geheimtreffen" mit Banken vor, die die Souveränität der USA untergraben sollten. Im finalen Werbespot seiner Wahlkampagne hieß es, "globale Machtstrukturen" hätten die USA ihres Wohlstandes beraubt und sich das Geld in die Taschen gestopft. Illustriert wurde das mit dem Bild von Goldman-Chef Lloyd Blankfein. Womit der TV-Spot, wie viele Kommentatoren bemerkten, unausgesprochen auch gleich das antisemitische Klischee von der angeblichen Weltverschwörung des jüdischen Großkapitals bediente.

Blankfein kann man Anbiederung an Trump indes nicht vorwerfen. Dessen geplanter Einwanderungsstopp aus muslimischen Ländern verstoße gegen die Werte der Bank, kritisierte Blankfein in einem Memo an die Mitarbeiter.

Goldman-Ahnengalerie

Trump ist freilich nicht der erste, der sich der Bank als Personalreserve bedient. Die Reihe der Finanzminister mit Goldman-Vita war unter Obama nur kurz unterbrochen. Robert Rubin diente von 1995 bis 1999 unter Bill Clinton und gilt als mitverantwortlich für die Krise: Er hob ein Gesetz auf, das verhindern sollte, dass die Banken gefährlich groß werden. Ex-Goldman-CEO Hank Paulson (Finanzminister 2006 bis 2009, unter George W. Bush) konzipierte die Bankenrettung mit, die unter Obamas Ägide dann umgesetzt wurde.

Die Bank schiebt Vorwürfe, man mische zu sehr mit, elegant weg: Es sei doch ein Kompliment, wenn Mitarbeiter für Regierungsjobs gehandelt werden. Schließlich habe man den Anspruch, nur die Besten anzuheuern. Eine Win-win-Situation mit Methode: Goldman hält Rückkehrern immer ein Plätzchen frei. Kontakte zu den "Alumni" werden gehegt und gepflegt. Oder, wie es bei dem Netzwerk heißt: "Deine Beziehung zu Goldman beginnt noch vor deinem ersten Tag in der Firma. Und hält hoffentlich viele Jahre danach an."

Es war ein klassischer Goldman-Deal: Am 8. Juli 2016 verkündete die Bank, dass José Manuel Barroso künftig als nicht-ausführender Vorsitzender bei Goldman Sachs International fungiert. Und als genereller Goldman-Berater obendrein. Der Portugiese war bekanntlich nicht nur von 2002 bis 2004 Ministerpräsident seines Landes. Er fungierte auch von 2004 bis 2014 als Präsident der EU-Kommission. Die Absicht ist so offenkundig, dass es sich gar nicht lohnt, sie großartig zu kamouflieren. Natürlich soll Barroso in Brüssel Türen öffnen helfen, die anderen Lobbyisten verschlossen blieben. Entsprechend groß war der Aufschrei. Ein EU-Ethikkomittee nahm aber keinen Anstoß: Die vorgesehene Abkühlphase von 18 Monaten sei schließlich eingehalten worden.

Gesetzlich alles in Ordnung. Aber dennoch hinterlässt es einen schalen Beigeschmack. Wie auch die Aufforderung der Bank an ehemalige Mitarbeiter, sie mögen doch die Verbindung aufrecht erhalten, weil das "einen realen, angreifbaren Nutzen hat, der über jede einzelne Mitarbeitergeneration hinausreicht." Das erzeugt jenes enge Geflecht, das ein Rolling-Stone-Journalisten in einem viel zitierten Artikel als "Vampir-Kraken" beschrieb.

Steckt dahinter Kalkül? Oder liegt es einfach nahe, dass Spitzenjobs in Finanzministerien und Notenbank mit Fachleuten aus der Geldindustrie besetzt werden? Warum sollte dann ausgerechnet die Topadresse der Branche nicht als Personalpool dienen?

Auffällig ist es schon, mit welcher Häufung man weltweit auf Goldman-Alumni stößt. Der australische Premier Malcolm Turnbull, der sich kürzlich erst mit Trump via Telefon befetzt haben soll: Goldman-Sachs-Australien-Chef von 1997 bis 2001. Der Kanadier Mark Carney, Chef der Notenbank Bank of England. EZB-Präsident Mario Draghi. Seine Landsleute, der frühere EU-Kommissionspräsident Romano Prodi und der ehemalige EU-Kommissar und italienische Ministerpräsident Mario Monti. Auch der aus Linz stammende Deutsche-Bank-Aufsichtsratschef Paul Achleitner hat einen goldigen Lebenslauf.

Immerhin vier von zwölf Präsidenten der regionalen US-Federal-Reserve-Notenbanken haben eine Goldman-Vergangenheit: Neel Kashkari (Minneapolis), William Dudley (New York), Robert Kaplan (Dallas) und Patrick Harker (Philadelphia). Nicht einmal im TV ist man gefeit: Der aufgedrehte Moderator und Börsenexperte Jim Cramer, der auf CNBC die beliebte Sendung "Mad Money" hostet, kann auch zumindest auf ein paar Jahre als Goldman-Trader zurückblicken.

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