Novomatic-Chef Harald Neumann: „Mit Verboten wird Glücksspiel in die Illegalität geschickt“.

© KURIER/Gilbert Novy

Schadenersatz-Klagen
12/19/2014

Glücksspielverbot in Wien: "Nur Verlierer und keine Gewinner"

Die Novomatic will gegen das Aus für Automaten in Wien mehr als 100 Millionen Euro einklagen.

von Andrea Hodoschek

KURIER: Sie deuteten im Wirbel um das Automaten-Verbot in Wien an, nur 100 Kilometer weiter würde Novomatic mit offenen Armen empfangen. Eine Drohung an die Politik?

Harald Neumann: Jedes Unternehmen hat das Recht auf die freie Wahl seines Standortes. Wir sind ein österreichisches Unternehmen und wollen diesen Standort nicht verlassen.

Sollte der Streit zu Ungunsten von Novomatic enden, was ist dann mit der Standortfrage?

Das hängt nicht nur mit Wien zusammen, sondern auch mit anderen Faktoren wie der Steuergesetzgebung und der Verfügbarkeit von Mitarbeitern. Derzeit fühlen wir uns in Österreich gut aufgehoben. Doch die Politik ist grundsätzlich aufgefordert, den Standort für alle Unternehmen so gut wie möglich zu gestalten. Österreich verliert ständig in allen Rankings.

Das Automatenverbot in Wien kam nicht überraschend. Jetzt schalten Sie auf hart. Haben Sie vorher nicht versucht, Gespräche zu führen?

Es handelt sich nicht um ein Verbot, weil wir rechtskräftige Bescheide haben. Wir haben uns schon vor dem 1. Dezember um Termine bemüht. Anfang des Monats haben wir Briefe an Finanzminister Schelling und Bürgermeister Häupl mitsamt den Gutachten der vier führenden Verfassungsrechtler dieses Landes geschickt und um Antwort gebeten.

Sie lassen nach dem 1. Jänner weiter spielen. Was tun Sie, wenn die Finanzpolizei wie angekündigt amtshandelt?Sämtliche uns in diesem Rechtsstaat zur Verfügung stehenden Mittel werden noch vor dem Jahreswechsel von unseren Rechtsanwälten eingebracht, um rasch eine verfassungsrechtliche Klärung herbeizuführen.

Um welche Größenordnungen geht es?

Um mehr als hundert Millionen Euro. Wir werden sämtliche Schäden bis zum Auslaufen des letzten Bescheides unserer rund 1700 Automaten in Wien einklagen. Zusätzlich aller Kosten.

Bis die Instanzen durch sind, dauern solche Klagen einige Jahre. Davon hat doch niemand etwas.

Genau. Uns wäre auch lieber, wir müssten das nicht tun. Es gibt nur Verlierer und keine Gewinner. Außer ein paar Politiker, die lautstark verkünden können, sie hätten das Glücksspiel in Wien abgeschafft. Bei uns fallen 500 bis 1000 Jobs weg, die Stadt Wien verliert Steuereinnahmen, der Bund und die Steuerzahler sind mit Amtshaftungsklagen konfrontiert und das Glücksspiel wird in die Illegalität geschickt.

Teile der Wiener Stadtpolitik argumentieren mit dem Schutz von Spielsüchtigen.

Ein Verbot bringt überhaupt nichts, das zeigen alle internationalen Erfahrungen und Gutachten. Wird das Glücksspiel in die Illegalität gedrängt, gibt es überhaupt keinen Jugend- und Spielerschutz mehr. Dann hat man gar keine Kontrolle mehr über Spielsucht. Es kann doch nicht im Interesse der Politik sein, illegale Automaten in tausendfacher Ausprägung zu ermöglichen.

Sie behaupten, dass sich bei einem Verbot die Zahl der illegalen Automaten erhöhen würde. Wie wollen Sie das beweisen?

Die ersten illegalen Spielsalons entstehen ja schon. Wir haben vor Kurzem eine Halle zugesperrt, weil die Konzessionen für die Slotmaschinen abgelaufen sind. Dort stehen jetzt illegale Automaten, mit der Ankündigung, 24 Stunden am Tag zu öffnen (legt Fotos auf den Tisch).

Stadträtin Ulli Sima sagte, Novomatic akzeptiere den Rechtsstaat nicht. Ein schwerer Vorwurf für ein Unternehmen.

Frau Sima sagte im Mai 2011, ein Verbot sei keine Lösung. Das Glücksspiel muss gesetzlich geregelt werden, um den Jugendschutz zu gewährleisten und die Spielsucht in den Griff zu bekommen. Ober- und Niederösterreich, Burgenland, Steiermark und Kärnten haben Lösungen gefunden. Und zum Rechtsstaat: Die Politik in Wien hat verabsäumt, klare Regelungen zu treffen und unsere Mitarbeiter dürfen diesen Fehler jetzt ausbaden. Das ist nicht fair.

Eigentlich haben Sie nur die Wahl zwischen Pest und Cholera. Wenn Sie die Automaten nicht abdrehen, kriegen Sie Probleme mit den neuen Casino-Lizenzen für Wien und Niederösterreich. Schalten Sie ab, entgehen Ihnen hohe Erträge.

Richtig. Wir wollen nicht wegen dieses Themas unsere internationale Reputation gefährden. Hier geht es um das Gesamtunternehmen. Wir lassen daher derzeit unsere Gutachten übersetzen, um sie bei Bedarf an die Lizenz-Behörden in allen Staaten, wo wir präsent sind.

Novomatic hat vom Finanzministerium zwei Konzessionen für Voll-Casinos bekommen – im Prater und in Bruck, NÖ. Der Platzhirsch Casinos Austria hat beeinsprucht. Wann erwarten Sie eine Entscheidung des Bundesverwaltungsgerichts?

Die Frist läuft Ende Jänner ab. Ich rechne damit, dass das Gericht die Entscheidung bestätigt.

Sie sagen selbst, Österreich sei kein Casino-Land. Warum pfeifen Sie dann nicht einfach auf das Geschäft hier?Wien als Großstadt verträgt durchaus mehr als ein Casino. Ich bin überzeugt, dass unser Standort im Prater sehr gut laufen wird. Doch man muss den österreichischen Markt in Relation sehen. In ganz Europa stehen 1,7 Millionen Slot-Maschinen, in den USA eine Million und in Österreich 10.000. Wir wollen als österreichisches Unternehmen auf unserem Heimmarkt präsent sein, aber international ist dieser Markt sehr klein. Unser Fokus ist international ausgerichtet.

Wo soll Novomatic in fünf Jahren stehen?

Wir wollen in allen relevanten europäischen Ländern mit unseren Produkten – Slot-Maschinen, Spielbanken, Online-Gaming und Lotterien – einen wesentlichen Marktanteil haben. In den USA wollen wir bei Glücksspielgeräten auf zehn bis 15 Prozent kommen, in Südamerika unsere Position ausbauen. Und auch Online wollen wir international unter die Top-Five-Player.

Haben Sie Interesse an den Casinos Austria, falls diese privatisiert werden?

Wir investieren jedes Jahr 200 bis 300 Millionen Euro in Akquisitionen. Wir interessieren uns für alle Unternehmen in der Glücksspielindustrie, die für unsere Strategie relevant sind. Wenn der Zeitpunkt gekommen ist, werden wir uns auch die Casinos Austria ansehen.

Zur Person: Harald Neumann, 52

Karriere Seit Oktober an der Spitze des Konzern-Vorstands von Novomatic. Stieg 1993 bei Alcatel ein, wechselte 2001 zu T-Systems Austria. Drei Jahre lang Geschäftsführer des Bundesrechenzentrums, dann Österreich-Chef der G4.

Konzern Die vom Selfmade-Industriellen Hans F. Graf gegründete Unternehmensgruppe spielt rund 3,5 Milliarden Umsatz und 140 Millionen Gewinn ein, beschäftigt 22.000 Mitarbeitern (davon 3000 in Österreich ) und ist in 80 Ländern engagiert.

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