© KURIER/Jeff Mangione

Wirtschaft
04/04/2015

Sind Asiaten fleißiger? "Absolut"

Die Zentren der Weltwirtschaft verlagern sich in den Süden, erwarten Doris und John Naisbitt.

KURIER: Sie schreiben, der Gürtel der südlichen Staaten wird das 21. Jahrhundert bestimmen. Was ist damit gemeint?

John Naisbitt: Bisher ging die wirtschaftliche Entwicklung von Norden nach Süden. Das kehrt sich gerade um. 83 Prozent der Weltbevölkerung leben in diesem Süd-Gürtel aus 150 Ländern, der von Lateinamerika über Afrika bis nach Asien reicht.

Haben diese Länder denn wirklich so viel gemeinsam?

Doris Naisbitt: Das Gemeinsame ist der große Drang, ein besseres Leben zu erreichen. Und diese Länder wollen aus dem globalen Eck kommen, in das sie gestellt wurden.

John: Die Dynamik dazu geht von China aus. China orchestriert das. Deshalb bezeichnen wir China als "Game Changer", also jenen Spieler, der die Regeln neu schreibt.

Sind in diesem Spiel die USA und Europa automatisch Verlierer?

Doris: Nein, das ist kein Nullsummenspiel. Der Westen spielt weiterhin eine Rolle, muss aber seinen Einfluss teilen. Da entsteht ein gewaltiger neuer Markt: Die globale Mittelschicht wird sich bis 2030 auf 4,9 Milliarden Menschen mehr als verdoppeln.

Was ist Chinas neue globale Rolle? Die des großen Investors?

Doris: Das ist nur ein Teil. Die Chinesen sind sich ihrer Rolle als historisches Reich der Mitte sehr bewusst. Es geht ihnen vor allem um Respekt.

John: Was ist nur in die USA gefahren? Da schlägt China eine Entwicklungsbank für Asien vor und statt zu sagen "Großartig, machen wir das gemeinsam!" wollen die Amerikaner das verhindern, weil sie China als Bedrohung sehen. Jetzt stehen die USA als großer Verlierer da.

Gibt es etwas, das China falsch macht?

John: Die Kommunikation mit dem Westen ist äußerst naiv und ungeschickt. Das haben wir auch in Gesprächen mit Chinas Führung in Peking gesagt.

Doris: Alles wird überzeichnet. Wir schreiben, China ändert die Spielregeln und sie fügen „unter der glorreichen Führung der kommunistischen Partei“ dazu. Patsch, schon ist es Propaganda.

Was ist Chinas Strategie?

John: Peking hat weitreichende Allianzen geschlossen. Der Westen hat das völlig verschlafen. Als Obama im Vorjahr mit viel Brimborium den US-Afrika-Gipfel aus der Taufe hob, hatte China kurz davor das zwölfte Afrika-Forum abgehalten. Das zwölfte!

Doris: Der Westen räumt den Chinesen keinen adäquaten Einfluss in Institutionen wie Währungsfonds oder Weltbank ein. Was bleibt ihnen da übrig, als es auf ihre Art zu machen?

John: Die Zugänge sind völlig konträr. Europäer und Amerikaner stellen Bedingungen auf, die Chinesen hingegen sagen: "Welche Regierung ihr habt, ist eure Sache. Wir können voneinander wirtschaftlich profitieren."

Würde Europa so denken, dann wäre uns das Schicksal der Ukraine bei unseren Geschäften mit Russland völlig egal.

Doris: Moment, das ist doch scheinheilig! Wie oft hat der Westen, vor allem die USA, mit Diktatoren paktiert, wenn es ins Konzept gepasst hat? Obama hat auch kein Problem, der Inauguration des saudi-arabischen Königs beizuwohnen, während ein Blogger auf 1000 Hiebe wartet. Natürlich sollte China wie jedes Land gegen Menschenrechtsverletzungen aufstehen. Aber letztlich dominiert meist das Eigeninteresse.

Und deshalb soll man diese Werte ganz aufgeben?

Doris: Nein. Aber die Frage ist: Wie holt man die Menschen aus der Armut? Wir glauben, dass Wohlstand und bessere Bildung ein Land von innen mehr verändern, als wenn Demokratie von außen zur Bedingung gemacht wird.

Ist China darauf vorbereitet, dass die Mittelschicht mehr Mitsprache fordern könnte?

John: Ich war 1967 das erste Mal dort. Es war der armseligste Ort, den ich je gesehen habe. Was daraus geworden ist, wirft einen um. Heute lernen die meisten jungen Menschen zwei Sprachen, es ist eine wirklich moderne Kultur.

Doris: Chinesen haben einen anderen Begriff von Freiheit. Ihren Großeltern wurde noch vorgeschrieben, wen sie heiraten und welchen Beruf sie ergreifen müssen. Ein Verlagsmitarbeiter hat uns gefragt: Warum sollte ich die Regierung kritisieren? Meine Eltern waren spottarm. Jetzt haben wir ein Haus samt Zweitwohnung auf der Nobelinsel Hainan. Was kann ich noch mehr wollen? Einige Intellektuelle sind freilich besorgt, dass China sich unter (Präsident) Xi Jinping stärker verschließen könnte.

Inwiefern?

Doris: Einige halten Xis Machtfülle für bedenklich. Andere glauben wiederum, er könnte in zehn Jahren der erste gewählte Präsident werden. Was bemerkbar ist: Das Land will nach innen hin weniger westlichen Einfluss. Um eigene Unternehmen zu schützen, empfängt China nicht jeden Investor mit offenen Armen. Wenn Google blockiert wird, dann auch, um chinesische Plattformen wie Renren oder QQ zu fördern.

John: Wir diskutieren in China sehr offen über all diese Themen, besonders mit Regierungsbeamten. Der Grund ist, dass sie uns vertrauen, das ist ein starkes Band. In China schließt man Freundschaft, bevor man ins Geschäft kommt.

Wie sollte sich der Westen an Chinas Aufstieg anpassen?

John: Chinesen sind enorm wissbegierig, das ist die lernwilligste Gesellschaft, die ich kenne. US-Amerikaner und Europäer hingegen glauben, alles schon zu wissen und wollen dozieren. Das ist ein gewaltiger Unterschied! Und es ist klar, wer sich verbessert.

Sind Asiaten fleißiger als wir?

John: Die kurze Antwort ist: Absolut. Die Koreaner sogar noch mehr als die Chinesen.

Muss Europa bessere Arbeitsrechte und soziale Netze, die über Jahrzehnte erstritten wurden, über Bord werfen, weil wir im globalen Wettstreit stehen?

Doris: Nein, aber mehr Hausverstand wäre gut. Wenn Lehrer protestieren, weil sie eine Stunde mehr unterrichten sollen, da fehlt mir jedes Verständnis. Früher gab es gute Gründe, warum hart arbeitende Bahnarbeiter mit 45 Jahren in Pension gehen mussten. Aber heute? Auf Ö3 hören wir ständig: "Hurra, es ist Freitag, das Leben beginnt." Wie furchtbar! Die Arbeit soll doch keine Strafe sein, die man absitzen muss.

Gibt es denn etwas, das China von Österreich lernen könnte?

John: Das beantwortest du, meine Liebe.

Doris: Den entspannteren österreichischen Lebensstil.

John: Stimmt. Wir könnten überall in der Welt wohnen, aber Wien ist so ein angenehmer Platz.

Klingt etwas dürftig. Das ist nahe dran an Ihrer Warnung, dass Europa zur historischen Kulisse für Touristen verkommt.

Doris: Das hat John vor 17 Jahren geschrieben, am Höhepunkt der EU-Euphorie. Aber die Chinesen schätzen auch Österreichs Produkte, Firmen und Know-how.

Sie beschreiben Ihre Ehe als amerikanisch-österreichische Mischung aus „Machen wir’s!“ und „Aber was wenn?“ Wer behält denn die Oberhand?

Doris: Streit gibt es eigentlich nie. John ist jedenfalls großzügiger, ich bin sparsamer.

John: Die Balance passt. Und wenn wir gemeinsam schreiben, dann ist ohnehin das Buch der Boss.

Für viele Menschen sind die Globalisierung und Chinas Aufstieg eher bedrohlich. Was würden Sie diesen raten?

John: Fliegt nach China, schaut es euch selbst an.

Doris: Jeder sollte sich überlegen: Was will ich tun? Worin bin ich gut? Und: Wer braucht das? Vielleicht kommt ein Bäcker drauf, dass seine Semmeln in Brasilien gefragt sind. Unser Zahnarzt in Velden ist ein Motorradfreak und verkauft extravagante Helme, die er in China produzieren lässt. Die Chancen sind da, wir müssen nur offen sein.

Beobachter sind besorgt, dass in China eine Immobilien- oder Kreditblase platzen könnte. Sehen Sie diese Gefahr?

Doris: Der Kampf gegen die Korruption verlangsamt auch das Wachstum. Wenn Schmiergeldzahlungen abgestellt sind, werden weniger Fabriken gegründet. Das führt auf einen gesünderen Pfad.

John: Wobei - 7 Prozent Plus, was würden andere Länder dafür alles geben!

Und was ist mit den oft kritisierten Geisterstädten?

Doris: Viele der Straßen nach Nirgendwo sind clevere Infrastrukturprojekte, die Unternehmen anlocken sollen. Man sieht diese leeren Satellitenstädte und fragt sich, wie es wohl dem Immobilienentwickler geht. Die Antwort ist: „Dem geht’s gut. Das ist alles verkauft.“

John: Investment!

Das klingt für mich nach einer typischen Blase.

Doris: Die Immobilienpreise sind für viele junge Menschen unleistbar geworden. Es ist gut, wenn diese blasenhaften Entwicklungen gestutzt werden. Ob es funktioniert, weiß man nie, aber wir sind optimistisch.

John: China probiert Dinge einfach aus. Funktioniert es? Großartig. Wenn nicht: Weg damit! Nicht wie in Europa, wo man 30 Jahre an Maßnahmen festhält, bis sie einen langsamen Tod sterben.

Weltbürger: Zwischen Wien und Tianjin

Megatrend-Setter Weltberühmt wurde John Naisbitt, geboren 1929 in Utah (USA), 1982 durch seinen Bestseller “Megatrends“, der 14 Millionen Exemplare verkaufte und den Begriff Globalisierung für die breite Öffentlichkeit bekannt machte. Ehefrau Doris stammt aus Bad Ischl. Die beiden lernten sich 1994 kennen – sie war Chefin seines damaligen Verlages.

Schwerpunkt China Die beiden heirateten 2000 und publizieren gemeinsam. Ihr Buch „Global Game Change. How the Global Southern Belt will reshape our world“ ist vor wenigen Monaten in China erschienen und umrundet von dort aus die Welt. Sie leben in Wien und Tianjin (China), wo sie am Naisbitt China Institute Forscherteams für ihre jeweiligen Projekte beschäftigen.