Wirtschaft
24.11.2016

Wilkinson: "Amerikanischer Traum" in Dänemark wahrscheinlicher

Der britische Epidemiologen Richard Wilkinson hielt in Wien ein Plädoyer gegen Ungleichheit, denn diese sorgt dafür, dass sich Aufstiegschancen vermindern. USA sei ein Beispiel.

Die Einkommensunterschiede sind für den britischen Epidemiologen Richard Wilkinson der Maßstab für die Ungleichheit innerhalb einer entwickelten Gesellschaft. "Man kann auch einen Flachbildschirmfernseher haben und trotzdem arm sein", führte der "Gerechtigkeitsexperte" am Donnerstag bei einem Vortrag bei der Jahrestagung der Österreichischen Liga für Kinder- und Jugendgesundheit in Wien aus (mehr zur Ungleichheit erfahren Sie hier).

"Kinder, Armut und Gesundheit" lautet das Motto der Tagung, und 380.000 Kinder und Jugendliche gelten laut den Zahlen der Liga in Österreich als armuts- oder ausgrenzungsgefährdet. "Das kindliche Wohlbefinden wird durch die soziale Ungleichheit mehrfach gestört", so der Experte, der seine Argumente durch zahlreiche Studien untermauert.

"Gleichheit bringt Glück"

Wie die beiden Faktoren "Armut und Gesundheit" zusammenhängen, hat Wilkinson zusammen mit Kate Pickett in dem 2009 erschienenen Buch "Gleichheit ist Glück" anhand von wissenschaftlichen Daten untersucht. Die Autoren kamen dabei zu dem Schluss, dass mit den Unterschieden innerhalb einer reichen entwickelten Gesellschaft die gesundheitlichen Probleme beim ärmeren Teil steigen. "Das zeigt sich dann unter anderem durch eine verminderte Lebenserwartung", so Wilkinson. Die Mixtur aus Stress in jungen Jahren mit einem niederen sozialen Status und einer schwachen sozialen Vernetzung führt dann zusammen irgendwann zu einem chronischen Stress, da man sich als Individuum nicht geschätzt fühlt und sich so ständig darüber sorgt, wie man von anderen gesehen und bewertet wird.

Ebenso sei feststellbar, dass je höher die Ungleichheit innerhalb eines reichen Landes ist, die Aggression unter Schülern, bekannt als "Bullying" oder als "Mobbing", steigt. Die Schulabbruchquote erhöht sich, wie auch die Zahl der Teenagergeburten höher liegt, führte der Experte aus.

"Selbst die, denen es gut geht, leiden unter den Effekten. Denn ein Effekt ist, dass das Vertrauen in der Gesellschaft, das subjektive Sicherheitsgefühl, sinkt."

Dabei gereicht die Ungleichheit niemandem zum Vorteil, ist sich Wilkinson sicher: "Selbst die, denen es gut geht, leiden unter den Effekten. Denn ein Effekt ist, dass das Vertrauen in der Gesellschaft, das subjektive Sicherheitsgefühl, sinkt. Freundschaft und das soziale Miteinander sind aber wichtig für die Gesundheit. Es gibt zahlreiche Studien, die sich mit dem Zusammenhang von Freundschaft und Gesundheit beschäftigten und die das bestätigen. Der größte Schaden der Ungleichheit ist zwar am unteren Ende der sozialen Skala zu messen, aber letztendlich jeder ist betroffen", führte der Experte nach seinem Vortrag gegenüber der APA aus.

Wer den amerikanischen Traum will, muss nach Dänemark

Ungleichheit sorgt laut Wilkinson auch dafür, dass sich die Aufstiegschancen mindern. "Es gibt Studien, die zeigen, dass die soziale Mobilität in ungleichen Gesellschaften geschwächt ist. Es ist in den USA etwa schwieriger aufzusteigen, als in Dänemark. Daher sage ich meinen Zuhörern in den USA oft, dass sie dorthin ziehen müssten, wenn sie den 'amerikanischen Traum' tatsächlich leben wollen", erläuterte der Experte.

Nicht zuletzt verortete Wilkinson in ungleichen Gesellschaften auch Vorurteile gegenüber den Armen, selbst wenn sie derselben Ethnie angehören, indem man diese für dümmer und fauler hält. Aber die großen Einkommensunterschiede und schlechtere Aufstiegschancen sorgen dafür, dass Migranten mit ebendiesen Vorurteilen behaftet werden: "Die ethnische Herkunft wird zum Teil deselben Bildes. Wenn Sprachgruppen, Religion oder Hautfarbe zu Markern eines niederen Sozialstatus werden, dann werden sie mit denselben Vorurteilen wie bei der Armut behaftet", schloss Wilkinson.