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Gefahr steigender Strompreise
Wird Österreich vom deutschen Energiemarkt abgekoppelt, zahlen Kunden deutlich mehr.
Deutschland versucht einen Teil seiner Probleme mit der Energiewende auf Österreich abzuwälzen: Weil die stetig wachsende Menge an Windstrom aus dem Norden die innerdeutschen Leitungen zum Glühen bringt und auch das veraltete polnische Netz überlastet, soll an der Grenze zu Österreich eine künstliche Blockade eingezogen werden.
Österreichs Stromversorger und Energiehändler müssten dann für den Strom, den sie an der Börse in Leipzig kaufen, extra Platz in Leitungen ersteigern. Zumindest 100 Millionen Euro würden Österreichs Stromkunden dadurch mehr zahlen müssen, warnt Wirtschaftsminister Reinhold Mitterlehner. In einem Brief, der dem KURIER exklusiv vorliegt (siehe unten), fordert er seinen deutschen Ressortkollegen Sigmar Gabriel auf, gegen diese Teilung des Strommarktes aufzutreten. Immerhin könnte die künstliche Blockade nicht nur an der Grenze zu Österreich errichtet werden, sondern auch an jener zu Bayern. Die Industrie in Süddeutschland ist daher ebenso alarmiert wie jene in Österreich.

Standort-Nachteil
Denn höhere Strompreise sind für die stark exportorientierten Unternehmen in beiden Ländern ein enormer Wettbewerbsnachteil. Haushaltskunden in Österreich müssten bis zu 40 Euro im Jahr mehr zahlen, würde der heimische Strommarkt von jenem in Deutschland getrennt.
So manchem Deutschen mag dies gar nicht unrecht sein, profitieren doch die Österreicher bisher massiv vom deutschen Wind- und Sonnenenergieboom. 24 Milliarden Euro an Subventionen pro Jahr pumpen die deutschen Stromverbraucher in das Experiment Energiewende. Das riesige Angebot an Ökostrom aber drückt die Strompreise an der Börse – mit der Folge, dass die österreichischen Energieversorger dort sehr billigen Strom kaufen können. Mit der Abtrennung des österreichischen Strommarktes vom deutschen wäre aus dieser Sicht ein zumindest kleiner finanzieller Ausgleich geschaffen.
Die Blockade könnte aber auch österreichische Kraftwerks-Betreiber freuen. Denn bei den aktuell tiefen Großhandelspreisen an der Strombörse sind Gaskraftwerke ein Verlustbringer. Steigt der Strompreis in Österreich durch die Versteigerung der Leitungskapazität an der Grenze, wären diese Kraftwerke wieder gewinnbringend. Gesamtwirtschaftlich aber wäre eine Abschottung Österreichs ein großer Nachteil.
Für Mitterlehner hat die deutsch–österreichische Strompreiszone daher sogar eine EU-weite Vorbildfunktion – etwa für die geplante Energieunion.
E-Control drängt auf Netz-Ausbau
Österreichs Stromnetz ist längst nicht mehr up-to-date. Leitungen, die zuletzt vor 50 Jahren erneuert wurden, ein Mangel an Übertragungsnetzen und schlechte Anbindungen von Wind- und Sonnenstromanlagen machen die Stromversorgung anfällig für regionale Blackouts.
„5,65 Milliarden Euro müssten bis 2020 ins Netz investiert werden, damit es den modernen Anforderungen gerecht wird“, sagt Martin Graf, Vorstand der Energiemarktaufsicht E-Control. Doch die meisten heimischen Netzbetreiber wollen diese Botschaft nicht hören.
„Unverständlich“ findet das Graf. Der Netz-Ausbau wäre nicht nur ein tolles Konjunkturpaket, das 47.000 Arbeitsplätze in der österreichischen Bauwirtschaft und der Zulieferindustrie absichern würde, sondern er wäre derzeit auch äußerst günstig zu finanzieren. Noch nie seien die Zinsen für Fremdkapital so günstig gewesen wie jetzt. Zudem würde die Europäische Investitionsbank (EIB) billige Finanzierungen zur Verfügung stellen. Die heimischen Stromversorger rufen die EIB-Gelder aber nicht für den Leitungsbau ab, sondern errichten damit lieber Windräder. In den vergangenen 15 Jahren sind in Österreich mehr EIB-Finanzierungen in Windparks geflossen als ins Strom- und Gasnetz zusammen.
Industrie klagt
Der Leitungsbau kommt laut Graf vor allem der heimischen Zulieferindustrie zugute. „Die großen Unternehmen, die Teile für die Stromleitungen liefern könnten, aber beklagen sich bei uns, dass die Aufträge fehlen“, sagt Graf. Wenn alles gut gehe, sollte zumindest die Salzburg-Leitung im Herbst die letzten Genehmigungen erhalten. 600 Millionen Euro wird die APG, die Stromnetz-Tochter des Verbund, dort investieren. Und 100 Millionen Euro will die Salzburg AG parallel dazu in die Verstärkung lokaler Netze stecken.
Viel mehr als dieser Leitungsbau dürfte in nächster Zeit nicht zu erwarten sein. Die Versorger kämpfen vielmehr mit internen Problemen: Der niedrige Großhandels-Strompreis vermiest den Kraftwerks-Betreibern das Geschäft; im Stromvertrieb verdienen die Versorger zunehmend schlechter; im Ausland haben viele Verluste eingefahren, und die mehrheitlich öffentlichen Eigentümer wollen Dividenden sehen. Da bleibt nicht mehr viel für Investitionen übrig.