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Fleisch-Skandal
02/22/2013

Händlern gehen die Pferde durch

Pferdefleisch macht weder vor Kärntner Hauswürsteln noch vor Wiener Döner halt.

von Simone Hoepke, Brigitta Luchscheider, Michaela Reibenwein

Der Fleischskandal hält Europa auf Trab. Täglich finden die Behörden Pferdefleisch in Produkten, die eigentlich Rindfleisch enthalten sollten. Jüngster Fall in Österreich: Tiefkühl-Lasagne-Bolognese der Eigenmarke „Jeden Tag“ von Zielpunkt und Unimarkt. Gegrillt wurde Pferdefleisch zudem an Wiener Kebab-Buden, die vorgaben, eine Rind-Kalb-Puten-Mischung am Spieß zu braten. Und ein Kärntner Fleischermeister hat – angeblich, ohne es zu wissen – Pferd in seine Wurst verarbeitet. Die Untersuchungen laufen auf Hochtouren. Österreichweit wurden bereits 160 Fleischproben gezogen.

Donnerstagnachmittag marschierten Kontrolleure des Wiener Marktamtes zu einem Kebab-Stand auf der Thaliastraße in Ottakring. In einer Fleischprobe war Pferde-DNA festgestellt worden. „Die Spieße kommen aus der Slowakei. Sie werden tiefgekühlt importiert“, sagt Alexander Hengl, Sprecher des Marktamtes. Sämtliche Fleischvorräte des Kebab-Verkäufers wurden beschlagnahmt. Hegel: „Wir prüfen jetzt, ob der slowakische Lieferant auch noch weitere Kunden in Österreich hat.“

Der Besitzer des Lokals war geschockt: „Ich kaufe seit Jahren in Deutschland“, behauptet er. „Das Fleisch war in Ordnung, ich bin sauber.“ Das sahen die Ordnungshüter des Marktamtes anders. Kurz nach ihrem Eintreffen musste der Laden schließen. „Kebab ist aus. Nehmen Sie den Spieß ab.“ Die Kunden standen vor verschlossenen Türen.

Auch ein weiterer Stand in Wien steht derzeit unter Verdacht: Die Tierschützer von „Vier Pfoten“ haben vier Proben gezogen. Am Schwedenplatz wurden dabei bei einem Verkäufer drei Sorten Fleisch im Döner entdeckt – aber nur Schaf und Rind waren angegeben. Die Untersuchungen ergaben, dass es sich bei der dritten Sorte um Pute gehandelt hat.

Slowenische Ware

In Kärnten bekamen die Beamten den anonymen Tipp, den Lavanttaler Fleischermeister Josef Freitag zu kontrollieren.Proben seiner „Kärntner Hauswürstl“ und „Lavanttaler Bauernwurst“ ergaben, dass diese 18 bzw. 27 Prozent Pferdefleisch enthalten. Weiters war im Betrieb undeklarierte Tiefkühlware aus Slowenien gelagert.

Freitags Rechtsanwalt Franz Großmann dazu: „Wir wissen nicht, woher, warum und weshalb Pferdefleisch in unsere Würste gekommen ist, das prüfen wir gerade.“ Das dürfte gar nicht so schwer sein, denn laut Homepage stammt die Rohware für die Fleischerei von regionalen Bauern aus Kärnten und der Steiermark. Der Anwalt musste zugestehen, dass vor allem Rindfleisch auch von Großhändlern zugekauft wurde: „Wenn das Fleisch verarbeitet ist, erkennt man keinen Unterschied mehr.“

Unbekanntes Depot

Mittlerweile wurde in Klagenfurt ein bisher unbekanntes, großes Tiefkühl-Depot mit deklariertem Pferdefleisch aus Kanada sowie undeklariertem Fleisch entdeckt. Das Lager hat Freitag einer steirischen Handelsfirma vermietet. Inzwischen wurden die Produkte von allen Handelsketten aus den Regalen genommen. Der Fleischer selbst hat die Rückholaktion eingeleitet.

Der Spiegel berichtet, dass jährlich 130.000 Pferde quer durch die USA gekarrt werden, um in Kanada und Mexiko geschlachtet zu werden. Der Grund: In den USA gäbe es nicht genügend Schlachthöfe. Tierschützer prangern an, dass jährlich 130.000 Tiere durch die USA transportiert werden.

In Österreich werden übrigens jährlich zwischen 800 und 900 Pferde geschlachtet, davon 400 Fohlen. Im Gegensatz zu Italien, Frankreich oder Belgien wird hierzulande kaum Pferdefleisch konsumiert. Aufgrund der geringen Mengen gibt es auch kein AMA-Gütesiegel für Pferdefleisch, das die österreichische Herkunft ausweist.

Beratungen ab Montag

Bis zum 21. Februar wurden sechs Fälle von vermutetem Betrug an das europäische Warnsystem RASFF mitgeteilt - aus Deutschland, Irland, Großbritannien und Österreich. Bei den falsch ausgezeichneten Produkten handelt es sich um Nudelgerichte, Gulasch, Burger und Tiefkühlfleisch. 17 der 27 EU-Länder erhielten Lieferungen mit möglicherweise falsch deklariertem Pferdefleisch.

Die Produkte gingen nach Deutschland, Irland, Österreich, Dänemark, Finnland, Frankreich, Ungarn, Italien, in die Niederlande, Spanien, Großbritannien, Bulgarien, Zypern, Tschechien, Griechenland, Portugal und Schweden. Auch in die Nicht-EU-Länder Schweiz, Norwegen und Hongkong gingen Lieferungen. Die Ware kam nach Angaben der meldenden Behörden aus Frankreich, Deutschland, den Niederlanden, Belgien, Polen, Irland, Luxemburg, Rumänien und Zypern.

Einen Haken gilt es bei RASFF-Meldungen allerdings: Fälle von vermutetem Pferdefleisch-Etikettenschwindel müssen die Staaten nicht an das System melden. Denn möglicher Betrug ist keine Frage der Lebensmittelsicherheit. Die EU-Kommission bittet in der aktuellen Affäre aber ausdrücklich um solche Meldungen, und EU-Diplomaten halten die Angaben für ziemlich weitreichend.

Beratungen am Montag

Die EU-Agrarminister wollen sich am kommenden Montag mit dem europaweiten Pferdefleisch-Skandal befassen. Wie es am Donnerstag in diplomatischen Kreisen in Brüssel hieß, soll der zuständige Gesundheitskommissar Tonio Borg über die EU-weit vereinbarten Tests Bericht erstatten. Entscheidungen seien keine vorgesehen.

Die EU-Staaten hatten sich in der Vorwoche auf flächendeckende DNA-Tests geeinigt. Dabei sollen stichprobenweise Rinderprodukte auf den Gehalt von Pferdefleisch getestet werden. Insgesamt sollen innerhalb eines Monats 2250 Proben in allen 27 Mitgliedstaaten genommen werden.

Medikamenten-Rückstände

Außerdem soll bei Pferdefleisch geprüft werden, ob es Rückstände des entzündungshemmenden Medikaments Phenylbutazon gibt. Die EU übernimmt drei Viertel der Testkosten. Eine Probe kostet laut Experten rund 400 Euro. Zu Forderungen nach einer strikteren Herkunftskennzeichnung hieß es, die EU-Staaten würden nunmehr auf einen Bericht der EU-Kommission warten, der beschleunigt behandelt werden soll.

Das Vertrauen der Österreicher in die heimischen Lebensmittelkontrollen ist auch nach Bekanntwerden des internationalen Pferdefleischskandals unerschüttert. 78,6 Prozent vertrauen diesbezüglich den Behörden. Das ergab eine Oekonsult-Blitzumfrage, bei der zwischen 18. und 20. Februar 557 repräsentativ ausgewählte Personen befragt worden sind.

Heimische Ware aus kontrollierter regionaler Herkunft löst bei den Österreichern mit 89,2 Prozent ein noch größeres Sicherheitsgefühl aus. Als Konsequenzen aus dem Skandal werden eine umfassendere Kennzeichnungspflicht und eine verschärfte Strafverfolgung bei Lebensmittelbetrug gewünscht.

Großes Interesse

Die Berichterstattung zur Causa Pferdefleisch stößt bei den Befragten auf großes Interesse, gerade einmal knapp über vier Prozent der Befragten teilen dieses nicht. Auf der sechsstufigen Skala lag die abgefragte Aufmerksamkeit mit 86,5 Prozent bei hoher beziehungsweise uneingeschränkter Zustimmung.

"Mit besonderem Nachdruck verlangen die Konsumenten eine völlige Transparenz und alltagstaugliche lückenlose Kennzeichnung von Lebensmitteln und bei Fertiggerichten auch aller verarbeiteten Inhalte und Zutaten. Inklusive vollständiger Herkunftsnachweise. Ein 'Tracking-Etikett' auf jedem Lebensmittel also", fasste Oekonsult-Chef Joshi Schillhab das Umfrageergebnis zusammen.

Mehr Transparenz bei Kennzeichnung

Was den Wunsch nach Lebensmittelkennzeichnung betrifft, lässt das Resultat keinen Zweifel offen, denn hier sprachen sich 96,1 Prozent der Befragten für eine größere Transparenz aus - bei 88,5 Prozent ist hier die Zustimmung uneingeschränkt oder hoch. Den Ruf nach verschärften Strafen bei Lebensmittelbetrug zur Abschreckung unterstützen 96,6 Prozent.

Persönliche Konsequenz

Zu ihrer Rolle als Konsumenten wurden die 557 Umfrageteilnehmer ebenfalls um ihre Meinung befragt, wobei 76,7 Prozent zumindest tendenziell der Ansicht waren, dass sie als Konsequenz aus dem Pferdefleischskandal ein dauerhaftes Qualitätsbewusstsein entwickeln würden - 57,3 zeigten zu diesem Statement eine hohe bis uneingeschränkte Zustimmung. 88,3 Prozent verlassen sich dabei auf Produkte aus Österreich und wollen beim Einkauf verstärkt auf die Herkunftsbezeichnung von Lebensmitteln achten und solche aus österreichischer regionaler Herkunft beziehen.

"Reisepass für Lebensmittel"

Die Forderung von Landwirtschaftsminister Nikolaus Berlakovich nach einem "Reisepass für Lebensmittel" erntete mit 82,9 Prozent Zustimmung große Unterstützung. Nur zwei Prozent konnten dieser Idee überhaupt nichts abgewinnen.

Falsches Rind quer durch Europa

Die Spuren von Pferd in Rindfleisch ziehen sich von Finnland bis Spanien. Es geht unter anderem um 750 Tonnen Fleisch in Fertiggerichten, die in 13 europäischen Ländern verkauft wurden. Täglich wird die Liste der Falschdeklarationen länger.

Am Donnerstag haben finnischen Behörden Kebab-Produkte einer Supermarktkette aus dem Verkehr gezogen. Schon zuvor wurden Fleischravioli und vermeintliches Rindsgulasch zurückgerufen. In Rumänien wurden währenddessen in einem Lagerraum eines Großhändlers 700 Kilo falsch etikettiertes Fleisch gefunden. Der Großhändler hat die falsch deklarierte Ware an Restaurants und Supermärkte in Rumänien verscherbelt. Ob die Firma auch außerhalb Rumäniens Abnehmer hatte, ist noch offen.

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