Wirtschaft
08.08.2017

Fipronil: Gesundheitsgefährdender Wert bei Eierprobe

In Belgien wurde ein entsprechender Wert gemessen. Verkauf von Hühnerfleisch ist in den Niederlanden erst dann wieder erlaubt, wenn die Kontrollen keine Hinweise auf Fipronil ergäben. AMA testete Eier im österreichischen Handel.

Bei einer Analyse in Belgien ist ein Fipronil-Gehalt im gesundheitsgefährdenden Bereich festgestellt worden. Bei einer Eierprobe wurde ein Wert von 0,92 Milligramm pro Kilogramm (mg/kg) gemessen, wie die Lebensmittelsicherheitsbehörde FASNK am Dienstag in Brüssel mitteilte. Ab 0,72 mg/kg geht die EU von einer Gesundheitsgefahr aus.

In Belgien wurden bisher zwar Höfe gesperrt, Aufforderungen an Konsumenten, bestimmte Chargen wegzuwerfen, gab es aber nicht - was mit den niedrigen gemessenen Fipronil-Werten begründet wurde. Diese Argumentation gerät nun in Zweifel. Noch am Montagabend hatte die FASNK erklärt, der bis dahin höchste gemessene Fipronil-Wert in Belgien liege bei 0,096 mg/kg.

Die Probe, um die es geht, ist vom 18. Juli. Ursprünglich war dabei ein niedriger Wert von 0,076 mg/kg gemessen worden. Der Betrieb nutzte sein Recht, ein Gegengutachten erstellen zu lassen - das wiederum den deutlichen höheren Wert von 0,92 mg/kg ergab. Die FASNK versucht nun, den Grund für die unterschiedlichen Messungen zu ermitteln.

Der hohe Fipronil-Wert sei vorsorglich auch an die anderen EU-Staaten gemeldet worden, so die FASNK. Die Eier wurden nach ihren Angaben schon am 18. Juli beschlagnahmt und haben die Konsumenten nicht erreicht.

Niederlande: Auch Hühnerfleisch wird kontrolliert

Die niederländische Lebensmittelüberwachung kontrolliert jetzt nicht nur Eier, sondern auch Hühnerfleisch auf eine mögliche Belastung durch das Insektizid Fipronil. Von den Kontrollen seien nur sehr wenige Betriebe betroffen, die sowohl Eier als auch Fleisch produzierten, sagte ein Sprecher der Überwachungsbehörde NVWA am Dienstag in Utrecht.

Der Fleischverkauf sei erst dann wieder erlaubt, wenn die Kontrollen keine Hinweise auf Fipronil ergäben. Ein Sprecher des Bauernverbandes LTO sagte, die meisten Betriebe entschieden sich entweder für Eier- oder für Fleischproduktion. "Jene, die beides machen, kann man an zwei Händen abzählen." Fleischhersteller seien von dem Fipronil-Skandal praktisch nicht betroffen.

Die Fleischhühner würden nach sechs Wochen geschlachtet, anschließend werde der Stall gereinigt. Dies bedeute, das sich die Blutlaus, gegen die Fipronil verbotenerweise in Legehennen-Ställen eingesetzt wurde, sich gar nicht erst entwickeln können. Legehennen blieben hingegen etwa zwei Jahre in ihren Ställen - was für die Blutlaus vorteilhaft sei. Über Ergebnisse der Kontrollen wurden zunächst noch keine Angaben gemacht.

AMA testete Eier im österreichischen Handel

Nachdem in Deutschland, Belgien und den Niederlanden Eier mit dem Mittel Fipronil gefunden und vom Markt genommen wurden, hat die AMA vergangene Woche 30 Marktproben österreichischer Frischeier im heimischen Lebensmittelhandel gezogen und untersuchen lassen. In keiner einzigen wurde Fipronil nachgewiesen.

"Im heimischen Lebensmittelhandel sind fast ausschließlich österreichische Frischeier erhältlich. Diese sind mit dem Länderkürzel 'AT' auf der Stempelung am Ei beziehungsweise am rot-weiß-roten AMA-Gütesiegel klar erkennbar", sagte Genia Hauer, Qualitätsmanagerin der AMA Marketing. Wer die Herkunft der Eier genau überprüfen möchte, erhält unter www.eierdatenbank.at Auskunft über den Legehennenbetrieb und die Haltungsform.

Zulassung als Pflanzenschutzmittel läuft aus

Fipronil darf ab Anfang Oktober auch nicht mehr als Pflanzenschutzmittel verwendet werden. Wie eine Sprecherin der EU-Kommission am Dienstag bestätigte, läuft die entsprechende Genehmigung am 30. September 2017 aus. Ein Antrag auf Verlängerung sei nicht gestellt worden.

In der Landwirtschaft ist das Insektizid Fipronil noch zur Behandlung von Saatgut zugelassen. Es darf zum Schutz von Bienenvölkern allerdings nur dann eingesetzt werden, wenn das behandelte Saatgut zur Aussaat im Gewächshaus bestimmt ist oder wenn es sich um das Saatgut von Lauch-, Zwiebel-, Schalotten- und Kohlpflanzen handelt, die bereits vor der Blüte geerntet werden.

Die Verwendung von Fipronil bei Tieren, die Lebensmittel liefern, ist in der EU verboten. Neben der Verwendung als Pflanzenschutzmittel ist noch der Einsatz als Tierarzneimittel erlaubt. Es darf beispielsweise auf das Fell von Hunden aufgetragen werden, um diese vor Flöhen, Läusen und Zecken zu schützen.

Der Wirkstoff Fipronil war 1987 vom französischen Chemieunternehmen Rhone-Poulenc entwickelt worden. 2003 erwarb der deutsche BASF-Konzern die Rechte daran.

Berlin will engeren Austausch mit Belgien und Niederlanden

Im Skandal um die mit dem Insektengift Fipronil belasteten Eier setzt der deutsche Landwirtschaftsminister Christian Schmidt auch auf engere Zusammenarbeit mit Belgien und den Niederlanden.

"Wir sind beim grenzüberschreitenden Handel auf die Information angewiesen. Ich habe klargemacht, dass ich schnelle Information und volle Transparenz erwarte", sagte der Minister dem Radiosender Antenne Bayern nach Telefonaten mit seinem belgischen und seinem niederländischen Amtskollegen am Montag.

Er habe vorgeschlagen, in die jeweiligen Krisenstäbe Verbindungsbeamte zu entsenden, sagte Schmidt. "Das heißt, es werden deutsche Beamte sowohl nach Utrecht in die Niederlande und nach Belgien fahren und sich dort vor Ort ein Bild über die Ermittlungen machen, damit wir noch schneller reagieren können."

In Belgien war zuletzt eine heftige Debatte über das Krisenmanagement ausgebrochen, nachdem die Lebensmittelsicherheitsbehörde FASNK am Wochenende mitgeteilt hatte, schon Anfang Juni über einen ersten Verdachtsfall in der Geflügelbranche informiert gewesen zu sein. Andere EU-Staaten wurden aber erst am 20. Juli in Kenntnis gesetzt. Die Lebensmittelsicherheitsbehörde wurde laut dem belgischen Agrarminister Denis Ducarme am 2. Juni zum ersten Mal über Fipronil informiert, und zwar von einem eierverarbeitenden Betrieb.

In Deutschland beschäftigt der Eier-Skandal jetzt auch die Justiz. Die Staatsanwaltschaft Oldenburg - als Schwerpunktstaatsanwaltschaft für Straftaten in der Landwirtschaft in Niedersachsen - leitete gegen niedersächsische Landwirte ein Ermittlungsverfahren ein, wie eine Sprecherin am Montag sagte. Es bestehe der Verdacht, gegen das Lebensmittel- und Futtermittelgesetz verstoßen zu haben. Betroffen seien die Verantwortlichen niedersächsischer Eierbetriebe, in denen Eier positiv auf Fipronil getestet wurden.

Mit Fipronil belastete Eier sind nach Stand von Montag mittlerweile in allen deutschen Bundesländern in den Handel gelangt - mit Ausnahme Sachsens. Die deutsche Regierung will sich nun auch um Eierprodukte wie Mayonnaise kümmern. Schmidt sagte dem ZDF, er habe am Montag eine Überwachung dieser Produkte angeordnet, um einen Überblick zu erhalten.

Die Verwendung von Fipronil bei Tieren, die Lebensmittel liefern, ist in der EU verboten. Derzeit wird angenommen, dass ein belgischer Hersteller einem gängigen Reinigungsmittel Fipronil beimengte und es an Betriebe in Belgien, den Niederlanden und Deutschland verkaufte. Das Insektizid soll Tiere vor Flöhen, Läusen und Zecken schützen.

Nach der offiziellen Bekanntgabe gab es Dutzende Nachweise in Eiern niederländischer Produzenten. Millionen dieser Eier waren nach Deutschland, Schweden und in die Schweiz geliefert worden. Supermärkte nahmen millionenfach Eier aus den Regalen und ließen sie vernichten. Zudem gab es erste Rückrufe für Produkte mit verarbeiteten Eiern.

Aus Expertensicht sind die von Fipronil-Eiern und -Produkten ausgehenden Gefahren für Verbraucher bei den bisher gemessenen Konzentrationen überschaubar. In hohen Dosen kann Fipronil für Menschen aber gefährlich sein.

Der Verbraucherzentrale-Bundesverband (VZBV) forderte unterdessen eine verpflichtende Herkunftskennzeichnung für Lebensmittel mit Eiern: "Die Kennzeichnung von Eiern hat sich bewährt, greift aber zu kurz. Auch bei Kuchen, Salaten oder Nudeln muss für Verbraucherinnen und Verbraucher nachvollziehbar sein, woher die enthaltenen Eier kommen", hieß es in einer Mitteilung. "Wir brauchen auch für verarbeitete Produkte eine EU-weit einheitliche Herkunftskennzeichnung."

Empörung in Belgien über langes Behördenschweigen

In Belgien ist eine Debatte über den Umgang mit der Fipronil-Krise entbrannt. Der christdemokratische Umweltminister der Wallonie, Carlo Di Antonio, forderte die Lebensmittelsicherheitsbehörde FASNK am Sonntag zu Transparenz auf. Die Behörde hatte am Samstag verlauten lassen, dass sie schon seit Anfang Juni von einem Verdachtsfall in einem Betrieb wusste.

Der Vorsitzende der Grünen-Fraktion im belgischen Parlament, Jean-Marc Nollet, zeigte sich laut Nachrichtenagentur Belga empört: "Diese Information ist sehr schwerwiegend und wirft zahlreiche Fragen auf im Zusammenhang mit der Überwachung des Lebensmittelsektors und dem Konsumentenschutz", erklärte er. Die Grünen forderten eine Krisensitzung des belgischen Parlaments.

Der frühere Sonderbeauftragte für die Dioxin-Krise, Freddy Willockx, machte den Behörden schwere Vorwürfe. "Es passieren die gleichen Fehler wie in der Vergangenheit", beklagte Willockx. "Das beschädigt das Vertrauen unserer europäischen Partner und der Bevölkerung." 1999 war bekanntgeworden, dass das krebserzeugende Dioxin in die Nahrungskette gelangt war, die Öffentlichkeit wurde aber erst spät informiert.

Die FASNK hatte den aktuellen Fipronil-Verdacht nach eigenen Angaben wochenlang geheim gehalten, um die Ermittlungen der Staatsanwaltschaft nicht zu stören. Erst am 20. Juli meldeten die belgischen Behörden EU-weit, dass das Gift auf Geflügelhöfen im Land nachgewiesen wurde. Eine Gesundheitsgefahr für belgische Verbraucher gibt es nach Behördenangaben nicht.

Fipronil wird etwa bei Hunden gegen Hautparasiten wie Läuse, Milben und Flöhe eingesetzt. Die Anwendung bei Tieren, die Lebensmittel liefern, ist in der EU verboten. Derzeit wird angenommen, dass ein belgischer Hersteller einem gängigen Reinigungsmittel verbotenerweise Fipronil beimengte und die Mischung an Betriebe in Belgien, den Niederlanden und Deutschland verkaufte.

Wie es in die Hennen-Haltung kam

Was für Hund und Katze erlaubt ist, geht für Hühner gar nicht: Das Insektizid Fipronil, das seit den 1990er Jahren als Anti-Floh-Mittel bei Haustieren sehr beliebt ist und auch in Ameisenködern verwendet wird, ist für die Desinfizierung von Hühnerställen streng verboten. Inzwischen weiß ganz Europa, warum.

Auch wenn den Tieren das Mittel nicht verfüttert, sondern im Stall als Desinfektionsmittel versprüht wurde, haben es die Hennen im Körper aufgenommen. Über die Haut, beim Einatmen, auch beim Herumpicken, so Manfred Kietzmann, Experte für Pharmakologie bei der Tierärztlichen Hochschule Hannover.

Der Stoff reichere sich in den für die Dotterbildung zuständigen Zellanlagen, den Follikeln, an. Kietzmann: "Deshalb findet man das Fipronil auch hauptsächlich im Eidotter." Das hänge damit zusammen, dass Fipronil lipophil ist - also fettliebend. Die Reifung des Eis im Huhn dauert ungefähr zehn Tage. "Das heißt, der Wirkstoff, der heute in einem Follikel eingelagert wird, wird dann in zehn Tagen in dem Ei sein."

Weil sich chemische Substanzen sehr schnell im Körper der Hühner ansammeln und dann auch im Ei zu finden sind, ist die Zahl der zugelassenen Arzneimittel für Legehennen sehr eingeschränkt. Tiermedikamente sind vor ihrer Zulassung darauf getestet worden, ob sie Rückstände im Fleisch oder den Eiern hinterlassen, heißt es auf den Seiten des Wissenschafts- und Informationszentrums Nachhaltige Geflügelwirtschaft.

Nun haben viele Bauern in Belgien und den Niederlanden und auch eine Handvoll Betriebe in Niedersachsen ein Mittel mit Fipronil eingesetzt, allerdings wohl ohne zu wissen, dass es das Insektenmittel illegalerweise enthält. Sie verwendeten Dega-16, ein homöopathisches Mittel aus ätherischen Ölen, das gegen einen problematischen Parasiten helfen soll: die Rote Vogelmilbe. "Bestimmt zwei Drittel aller Legehennenhalter in Europa haben ein Problem mit diesem Blutsauger", sagte Dieter Schulze, der als Veterinär in einer großen Tierarztpraxis in Niedersachsen arbeitet. Die Milben kriechen nachts auf die Vögel, siedeln sich unter den Flügeln an und saugen das Blut der Tiere. Das Problem gebe es in allen Haltungsformen, egal, ob Bio, Freiland, Bodenhaltung oder Käfig.

Für die Hennen ist das nicht nur lästig, es kann auch gefährlich sein, ja sogar bis zum Tod der Tiere wegen Blutarmut führen. Milben können auch Krankheitserreger übertragen, etwa die Vogelgrippe oder Geflügelcholera, erklärte Schulze. Aber es mache die Gruppe auch unruhig - was zu einem zusätzlichen Problem führt, wenn, wie inzwischen in Niedersachsen, das Kürzen der Schnäbel verboten ist. Denn wenn die Tiere aggressiver sind, picken sie auch mehr aufeinander ein und verletzen sich - die Krankheitsgefahr steigt und die Legeleistung sinkt.

Zugelassen gegen die Milben sind vier Klassen chemischer Produkte - drei seien allerdings schon so lange auf dem Markt, dass die Milben gegen sie Resistenzen entwickelt hätten, sagt Schulze. Das heißt, der Effekt hat nachgelassen. Ein neueres Insektizid mit dem Namen Spinosad habe zwar eine sehr gute Wirksamkeit, sei aber extrem teuer. Den gesamten Stall damit zu desinfizieren, gehe nicht - "man nimmt es für lokal begrenzte Anwendungen".

Inzwischen habe sich aber vor allem in Deutschland eine Methode durchgesetzt, bei der der leere Stall komplett mit Kieselgur behandelt wird - Siliciumdioxid. Wie eine weiße Kalkfarbe wird das flüssige Silikat auf die komplette Innenausstattung des Stalles gesprüht. Milben bewegen sich kriechend fort, das Silikat sorgt dafür, dass der Chitinpanzer der Tiere aufreißt und die Milben vertrocknen. "Es ist ein rein physikalisches Mittel, was uns in der Bekämpfung der Roten Vogelmilbe sehr weiter gebracht hat", sagte Schulze. Auch große Geflügelbetriebe hätten dank der Silikatbehandlung keine Milbenprobleme.

Aber auch, wenn der Stall milbenrein ist, wenn die neue Hühnergruppe eingestallt wird, nach einer gewissen Zeit kommen die Parasiten wieder. Jetzt kommen zwei Faktoren zusammen: Die Legehennen bleiben sehr lange im Stall - bis zu eineinhalb Jahre. Und gerade im Sommer vermehren sich die Milben sehr stark. Mit anderen Worten: Nach längerer Zeit können die Milben wieder zu einem größeren Problem werden. "Eine Silikatbehandlung können sie nicht machen, weil Tiere im Stall sind", sagt Schulze.

Als sich das offiziell homöopathische Mittel Dega-16 mit seiner illegalen Fipronil-Beigabe als hochwirksam gegen die Rote Vogelmilbe zeigte, griffen Landwirte zum vermeintlichen Wundermittel. Schulze nimmt die Betriebsführer in Schutz. "Das kann der einzelne Tierhalter nicht abschätzen. Dieses Produkt hatte eine Registrierung und eine Zulassung."