Wirtschaft 05.06.2014

Aktionäre jubeln, die Sparer leiden

Die EZB setzte um, was zu erwarten stand: Der Leitzins sinkt auf 0,15 Prozent, für Bankeinlagen kommt ein Strafzins.

Unkonventionell wirkt der zurückhaltende Italiener Mario Draghi wirklich nicht. Sehr unkonventionell sind allerdings die Maßnahmen, die der Boss der Europäischen Zentralbank mit den Euro-Notenbankern am Donnerstag beschlossen hat. Die Geldpolitiker fahren dabei schwere Geschütze auf, um die Wirtschaft in Schwung zu bringen und der drohenden Abwärtsspirale der Preise zu entkommen. Die abgefeuerten Kaliber werden Auswirkungen auf Sparer und Kreditnehmer, aber auch auf viele andere Bereiche haben.

Die Beschlüsse der EZB: Der Leitzins für den Euroraum, zu dem sich Banken kurzfristig Geld ausleihen können, wurde von 0,25 auf 0,15 Prozent gesenkt. Der Zinssatz, den Banken bekommen, wenn sie Geld bei der EZB parken, wird von 0,0 auf minus 0,1 Prozent gesenkt – quasi ein Strafzins. Im Herbst wird es erstmals Kredite für Banken geben, die vier Jahre lang laufen. Volumen: 400 Milliarden Euro. Die Bedingung: Das Geld muss in die Realwirtschaft fließen – also in Form von Krediten bei Privaten und Unternehmen landen. Ausgenommen sind Staatsanleihen Kredite zur Immobilienfinanzierung, um hier eine Preisblase zu vermeiden. Zudem arbeitet die EZB mit Hochdruck an einem weiteren Aufkaufprogramm: Sie wird Banken Kreditpakete abkaufen, um den Instituten mehr Luft für die Vergabe neuer Darlehen zu verschaffen.

Die Auswirkungen dieser Maßnahmen:

Für Sparbuchsparer Die Banken müssen zwar jetzt Strafzinsen zahlen, wenn sie Geld bei der EZB einzahlen. Sparern wird das aber nicht blühen, schwört man in den heimischen Banken. „Bei uns werden Sparer immer Zinsen bekommen“, sagt etwa Thomas Uher, Vorstand in der Erste Bank. „Negative Nominalzinsen für unsere Kunden schließen wir aus“, so auch Bank-Austria-Vorstand Helmut Bernkopf. „Wir bestrafen Kunden nicht, wenn sie sparen“, stimmt Georg Kraft-Kinz, stellvertretender Generaldirektor der Raiffeisenlandesbank NÖ-Wien, in diesen Chor ein.

Mario Draghi: „Die Behauptung, wir wollten Sparer enteignen, ist völlig falsch“
© Bild: Reuters YVES HERMAN
Sparer werden die EZB-Entscheidung dennoch zu spüren bekommen: Noch warten die Banken ab, wie sich die Zinslandschaft verändert. Durchaus möglich ist, dass in ein paar Wochen die Verzinsung von täglich fälligen Einlagen um 0,05 bis 0,1 Prozentpunkte gesenkt wird.

Für Bausparer und Versicherungen Bei Bausparen liegen die Zinssätze in einer Bandbreite von 0,5 oder 0,75 bis 4,00 Prozent – derzeit natürlich am unteren Ende. Für eine Senkung der tiefsten Latte müssten die Bausparkassen einen Antrag bei der Finanzmarktaufsicht stellen. Das wird aktuell nicht überlegt, ist zu hören. Bei Versicherungen liegt der Fall anders: Der Garantiezins für Lebensversicherungen wird von 1,75 auf 1,5 Prozent gesenkt werden – diese Senkung ist bereits zur Begutachtung draußen, soll aber erst mit 2015 kommen.

Für Kreditnehmer Einen Tick nach unten könnte es auch bei den Kreditzinsen gehen. Den Strafzins, den die Banken künftig zahlen müssen, wollen sie sich jedenfalls nicht in Form höherer Kreditzinsen von ihren Kunden zurückholen, versichert Erste-Manager Uher. Genau das ist nämlich im Vorjahr in Dänemark passiert.

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© Bild: apa
Für die Konjunktur Mit dem Maßnahmenbündel will die EZB die Kreditvergabe ankurbeln. Trotz der leichten Erholung der Wirtschaft werden im Euroraum nämlich weniger Kredite vergeben als noch vor einem Jahr. Fraglich ist allerdings, ob und wann sich diese Hoffnung erfüllt. In Krisenländern wie Griechenland, Spanien oder Italien stöhnen die Banken unter einem Berg an faulen Krediten. Neue Kredite vergeben wird hier sehr schwer sein. Daran kann auch ein tieferer EZB-Zinssatz nichts ändern. In Ländern, wo es eigentlich recht gut läuft, etwa in Österreich, ist die Nachfrage nach Krediten mehr als überschaubar. Auch das wird ein tieferer Zinssatz nicht ändern.

Für die Inflation Wenn, wie von der EZB erhofft, die Konjunktur anzieht und der Euro-Kurs geschwächt wird, sollte sich das auch auf die Preise auswirken – sie werden steigen. Für heuer nimmt die EZB allerdings eine Inflationsrate von nur 0,7 Prozent an.

Für das Finanzsystem Mit den EZB-Entscheidungen ist die Welt in jedem Fall eine Spur riskanter geworden. Wenn mit sicheren Veranlagungen nichts mehr zu holen ist, sind Sparer gezwungen, sich nach Alternativen umzusehen. Die Chance auf höhere Erträge werden in der Regel mit höherem Risiko erkauft. Die EZB selbst übernimmt mehr Risiko, wenn sie Banken – wie angekündigt – Kreditpakete abnimmt.

Der DAX war kurz ein Zehntausender

Um 14.30 Uhr startete die Pressekonferenz, bei der EZB-Chef Mario Draghi die Entscheidungen des EZB-Rates erklärte. Nur wenige Minuten darauf war es soweit: Der Frankfurter Aktienindex DAX zog erstmals in seiner Geschichte über die Marke von 10.000 Punkten. Bei exakt 10.013,69 war allerdings Schluss. Der Jubel der Aktienanleger ließ nach, der DAX fiel wieder unter die magische Marke. An anderen Börsen im Euroraum war die Erleichterung der Investoren schon spürbarer. An der Wiener Börse lag der Leitindex ATX am späten Nachmittag 0,7 Prozent im Plus. Der EuroStoxx50 für die fünfzig größten Konzerne im Euroraum wies zu diesem Zeitpunkt ebenfalls ein Plus von 0,7 Prozent auf.

Die Leitzinssenkung der EZB hatte unter anderem ein wichtiges Ziel: Der Euro sollte gegenüber dem US-Dollar geschwächt werden. Der momentan sehr starke Euro verbilligt Importe aus dem Dollar-Raum – was die Deflationsgefahr erhöht. Auf den ersten Blick schien der Plan, den Euro zu drücken, aufzugehen. Während Draghi seine Pressekonferenz gab, sackte der Eurokurs von zuvor 1,3617 auf fast 1,35 Dollar ab. Nach diesem gewaltigen Rutsch ging es allerdings wieder nach oben. Am Nachmittag war der Euro sogar teurer als vor der EZB-Entscheidung.

Gold

Gold in Barren zu verschiedenen Größen
© Bild: Heraeus Holding/Wolfgang Hartman
Das Edelmetall wird von Investoren in der Regel bevorzugt, wenn Finanzmarktkrisen auftreten oder wenn eine hohe Inflation droht. Beides ist nicht der Fall. Trotzdem legte der Goldkurs am Donnerstag um 0,78 Prozent zu. Die Erklärung der Experten: Gold wirft keine Zinsen ab. Dieser Nachteil fällt aber praktisch kaum noch ins Gewicht, weil durch die EZB-Zinssenkung auch andere Anlageklassen fast nichts einbringen.

Das Zinstief werde noch sehr lange bestehen bleiben, kündigte EZB-Chef Draghi an. Die Anlageberater der Banken raten ihren Kunden daher, zu Wertpapieren zu greifen. Dabei werden langlaufende Staatsanleihen und breit gestreute Investmentfonds genannt. Wer mehr riskieren kann, sollte zu Aktien greifen, wird empfohlen.

Schlachtet die Sparschweine

Mario Draghi wird zum Buhmann der Sparbuchsparer. Der Chef der Europäischen Zentralbank verantwortet die Senkung der Euro-Leitzinsen auf ein Rekordtief. Bald werden die Zinsen für Spareinlagen noch weiter fallen, obwohl sie schon jetzt kaum noch wahrnehmbar sind. Draghi war jedoch zum Handeln gezwungen, ist es doch Ziel der EZB, die Preissteigerungsrate bei knapp zwei Prozent zu halten. Davon ist sie im Durchschnitt des Euroraums mit derzeit 0,5 Prozent weit entfernt. Steigen die Preise gar nicht mehr oder sinken sie sogar, droht das ohnehin geringe Wachstum in Europa wieder in sich zusammenzubrechen. Nichtstun wäre dem EZB-Chef in dieser Lage von Ökonomen und Politikern zum Nachteil ausgelegt worden.

Ginge es nur nach Österreichs Bedürfnissen, hätte Draghi an der Zinsschraube nicht drehen müssen. Denn hierzulande legen die Preise so stark zu wie nirgendwo sonst in der Eurozone. Österreichs Sparer erleiden somit im Vergleich den größten Wertverlust. Doch in einer Währungsunion gilt: mitgefangen ist mitgehangen. An der Situation, die zusätzliches Wasser auf die Mühlen von Euro-Kritikern ist, wird sich wohl so schnell nichts ändern. Denn der Aufschwung ist zu zerbrechlich und die Staaten sind an niedrigen Zinsen bei einer wieder steigenden Inflation interessiert. So fällt ihnen die Sanierung der Budgets auf Kosten der Anleger leichter.

Die Sparer müssen jetzt handeln. Zigtausende Euro auf schlecht verzinsten Sparbüchern zu bunkern – das hat keinen Sinn. Eine überschaubare Summe für Notfälle reicht allemal. Es gibt einige Alternativen abseits von Aktien, die mehr bieten und nur geringfügiges Risiko aufweisen. Wer das nicht möchte, kann einen Teil seines Geldes auch ausgeben. Konsum belebt die Wirtschaft und erfreut das Gemüt.

( Kurier ) Erstellt am 05.06.2014