Wirtschaft
08.12.2011

Europas Banken brauchen Milliarden

Die größten Institute benötigen zusammen weit mehr als 100 Milliarden Euro, um gegen Störfälle gewappnet zu sein.

Wie groß ist der Kapitalpolster bei den größten europäischen Banken, um eine große Krise aus eigener Kraft zu überleben? Dies war die zentrale Frage des Blitz-Stresstests der Europäischen Bankenaufsicht (EBA). Vor Veröffentlichung der Ergebnisse am Donnerstagabend – nach Börsenschluss in Europa und zu Beginn des EU-Gipfels – war schon klar: Zahlreiche Institute haben eine klaffende Kapitallücke in Milliardenhöhe. Diese hat sich aufgrund der Schuldenkrise in der Eurozone in den vergangenen Monaten noch vergrößert. Im Oktober ging die EBA von 106 Milliarden Euro aus, die die 70 größten Institute bis Juni nächsten Jahres aufzubringen haben. Bis dann müssen sie eine harte Kernkapitalquote von neun Prozent aufweisen (Erklärung siehe Zusatzbericht) . Inzwischen ist das Loch größer geworden. Nun brauchen die Institute 114,7 Milliarden, stellte die EBA fest.

Durchgefallen

Wie groß ist der Kapitalpolster bei den größten europäischen Großbanken, um eine große Krise aus eigener Kraft zu überleben? Und muss noch viel mehr in diesen Polster gestopft werden? Das waren die zentralen Fragen des Blitz-Stresstests der Europäischen Bankenaufsicht (EBA). Am Donnerstag um punkt 18 Uhr wurden die Ergebnisse dieses Tests veröffentlicht. Um auf eine Kernkapitalquote von neun Prozent zu kommen, fehlen den 71 wichtigsten Großbanken insgesamt 114,7 Milliarden Euro. Im Oktober war die EBA noch von 106 Milliarden ausgegangen. Ein kleiner Trost: Experten des Internationalen Währungsfonds hatten einen noch viel größeren Kapitalbedarf befürchtet und waren von 200 Milliarden ausgegangen.

Besonders hoch ist der Kapitalbedarf, den die EBA für Banken in Griechenland, Spanien und Italien ausgerechnet hat. Griechische Institute brauchen sagenhafte 30 Milliarden, spanische gut 26 und italienische 15,4 Milliarden.

In Österreich gibt es derzeit mit der Erste Group, der ÖVAG und der Raiffeisen Zentralbank (RZB) drei systemrelevante Banken. Für diese hat die EBA im Oktober zusammen einen Kapitalbedarf von 2,9 Milliarden Euro ermittelt. Seit Donnerstagabend steht fest: Es fehlen insgesamt 3,9 Milliarden. Die Bank Austria scheint in den Österreich-Werten nicht auf, weil sie ihrer italienischen Mutter UniCredit zugerechnet wird. Die drei „gestressten“ Banken aus Österreich haben der Finanzmarktaufsicht und der Nationalbank bis 20. Jänner Pläne vorzulegen, wie sie zum benötigten Geld kommen wollen.

Die Aufbringung von zusätzlichem Kapital ist für die betroffenen Banken eine Herausforderung. FMA und Notenbank gehen aber davon aus, dass dies bewältigbar ist, ohne die Kreditvergabe an die Wirtschaft zu beeinträchtigen.

Erste Group
Sie hat eine Lücke von 743 Millionen Euro. Am Freitag will die Erste Details bekannt geben, wie sie die nötigen Mittel aufbringt. Überlegt wird, die Sparkassen nicht mehr in die Bilanz miteinzubeziehen. Das würde 0,4 Prozent an Kernkapitalquote bringen. Ende September hatte sie – nach EBA-Rechenmethode – 8,4 Prozent.

ÖVAG
Beim Spitzeninstitut des Volksbankensektors lag der Kapitalbedarf im Herbst bei 972 Millionen Euro, jetzt sind es 1,05 Milliarden. Als Konsequenz wird die Bank stark verkleinert, die Ostbankentochter VBI an die russische Sberbank verkauft. Da der Deal noch nicht unter Dach und Fach ist, wird er von der EBA nicht anerkannt. Künftig gilt die ÖVAG aber aufgrund ihrer geringeren Größe ohnehin nicht mehr als systemrelevant und nimmt an Stresstests nicht mehr teil.

RZB
Die Mutter der Raiffeisen Bank International (RBI) braucht 2,13 Milliarden Euro – und damit weniger als die befürchteten 2,5 Milliarden. Durch 20 verschiedene Maßnahmen wollen RZB und RBI sogar 3,5 Milliarden aufstellen. Dies könnte durch eine geringere oder gar keine Dividendenzahlung, den Verkauf von Auslandstöchtern oder die Umwandlung des privaten Partizipationskapitals erfolgen. Letzteres zählt derzeit nicht zum Kernkapital.

UniCredit/ Bank Austria
Die italienische Großbank benötigt acht Milliarden Euro. Tochter Bank Austria, die nicht gesondert ausgewiesen wird, hat eine Kernkapitalquote von zehn Prozent und daher keinen Kapitalbedarf. FMA-Vorstand Kurt Pribil geht davon aus, dass die heimischen Banken keine Hilfe vom Staat brauchen werden, um auf die geforderte Quote von neun Prozent zu kommen. "Aus heutiger Sicht wird die RZB-Gruppe keine staatliche Hilfe für die Zielerreichung benötigen", hieß es aus der RZB.

Stresstest: Prüfung der Stabilität

Krisenszenarien

Im Fokus der Prüfung stehen die in Europa für die Stabilität des Finanzmarktes systemrelevanten Banken. In einem Blitz-Stresstest ermittelte die Bankenaufsicht in den vergangenen Wochen, ob die Institute bis Ende Juni 2012 die geforderte harte Kernkapitalquote von neun Prozent erreichen können. Neu ist diesmal, dass die von ihnen gehaltenen Staatsanleihen zu Marktpreisen in die Bewertung einfließen und Ausfälle der Anleihen simuliert werden.

Core Tier 1

Das harte Kernkapital umfasst Stammaktien und Gewinnrücklagen. Dieses Kapital muss einen Teil des Risikogeschäfts einer Bank abdecken. Die EBA fordert neun Prozent. Einfach gesagt: Für 100 Euro vergebenen Kredit muss eine Bank neun Euro Eigenmittel haben.

Systemrelevanz

Eine Bank gilt als systemrelevant, wenn aufgrund ihrer Größe und länderübergreifenden Tätigkeit eine etwaige Pleite zu einer Kettenreaktion führen könnte.