Wirtschaft 21.01.2012

Europäische Ratingagentur in den Startlöchern

© Bild: apa

Ende des zweiten Quartals 2012 soll die privatfinanzierte Stiftung mit - vorraussichtlich - Sitz in Holland gegründet werden.

Standard & Poor´s, Moody´s und Fitch: Sie sind die drei großen Ratingagenturen und stehen derzeit erneut am Pranger mit ihren Herabstufungen – jüngst holte S&P zum Rundumschlag gegen neuen Euro-Staaten, darunter auch Österreich aus – die Schuldenkrise weiter zu verschärften. Als Gegengewicht zu den drei amerikanischen Platzhirschen wurden vermehrt Rufe nach einer europäischen Agentur laut. Und die soll in Kürze gegründet werden.

Die von der Unternehmensberatung Roland Berger konzipierte europäische Ratingagentur soll bis zum Sommer an den Start gehen. "Ziel ist es, bis Ende des ersten Quartals 2012 die Verträge zu unterzeichnen und im zweiten Quartal eine privatfinanzierte, nicht gewinnorientierte Stiftung wahrscheinlich mit Sitz in Holland zu gründen", sagte Roland-Berger-Partner Markus Krall der deutschen Wirtschaftszeitung Euro am Sonntag. Inzwischen hätten sich 30 institutionelle Investoren wie Banken, Versicherungen und Börsen  aus ganz Europa bereiterklärt, rund 300 Millionen Euro Stiftungskapital zur Verfügung zu stellen.

Die europäische Ratingagentur soll transparenter als die US-Konkurrenz arbeiten und soll mit einer Haftung für den Fall von Fehlern versehen werden. "Momentan sind Ratings juristisch reine Meinungen und unterliegen keiner Produkthaftung", wird Krall zitiert. Ratings seien aber öffentliche Güter mit erheblichen wirtschaftlichen und politischen Auswirkungen.

Ackermann: Es braucht Jahre

Deutsche-Bank-Chef Josef Ackermann hält einen europäischen Konkurrenten zu den amerikanischen Platzhirschen für sinnvoll, allerdings gehe das nicht über Nacht. "Grundsätzlich würde ich es begrüßen, wenn es eine europäische Ratingagentur gäbe", sagte Ackermann bei einem Besuch der dpa-Zentrale in Berlin. "Aber einige wenige Banken in Europa können eine solche Agentur nicht gründen, da sie unabhängig sein muss. Außerdem braucht es viele Jahre, bis eine solche Ratingagentur sich ein entsprechendes Renommee aufgebaut hat", sagte Ackermann. Eine von Staaten getragene Agentur hätte nach Ackermanns Ansicht ebenfalls das Problem mangelnder Unabhängigkeit.

Daher soll der Staat soll bei der Finanzierung der neuen Agentur draußenbleiben, wie Krall der Tageszeitung Die Welt von Samstag sagte. "Wir freuen uns, wenn die Politik das Projekt einer Europäischen Ratingagentur unterstützt. Allerdings wünschen wir uns nicht, dass sie mit Steuergeldern finanziert wird." Krall fürchtet, dass eine staatliche Beteiligung "die Frage nach der Unabhängigkeit der Agentur aufwerfen" könnte.

Ackermann verteidigte die US-Ratingagenturen gegen Kritik. "Eigentlich kann man den Ratingagenturen keinen großen Vorwurf machen, wenn sie ihre Rechenmodelle jetzt konsequent durchziehen", befand er. "Wenn die in ihren Modellen feststellen, dass ein Land ein Triple A-Rating nicht mehr verdient, dann können sie gar nichts anders tun, als ein Downgrade vorzunehmen."

Mehr zum Thema

  • Hintergrund

  • Interview

  • Hintergrund

Erstellt am 21.01.2012