Wirtschaft 31.01.2012

Euro-Land in arm und reich vereint

Kluft: Das völlig verarmte Griechenland bekommt ein zweites Hilfspaket. Zahlmeister ist das reiche und oft angefeindete Deutschland.

In Griechenland, wo seit Beginn der Krise rund 900.000 Jobs verloren gegangen sind und Hunderttausenden Löhne oder Pensionen gekürzt wurden, breitet sich die Armut aus. Ganz aktuell, verlautete aus dem Bildungsministerium in Athen, werden an Schulen in Arbeitervierteln kostenlos Coupons für Milch, Früchte und Kekse an Kinder und Jugendliche verteilt. Berichte über unterernährte Kinder, die im Unterricht vor Entkräftung in Ohnmacht fielen, wurden vom Ministerium bisher als „populistische Propaganda“ abgetan. Nun scheint man zu handeln.

130 oder mehr?

Handeln will auch die EU. Trotz der bisherigen Bedenken, wonach Athen seine Spar- und Reformziele überhaupt nicht einhält, gilt nach dem montäglichen EU-Gipfel in Brüssel als fix: Griechenland bekommt offenbar noch in dieser Woche einen Erlass seiner Altschulden seitens der Privatgläubiger in Höhe von 100 Milliarden Euro. Und zusätzlich – für die nächsten tristen Monate und Jahre – ein neues, zweites Hilfspaket von EU und Internationalem Währungsfonds in Höhe von 130 Milliarden Euro. Es könnte aber auch deutlich mehr werden. Zuletzt war inoffiziell von 145 Milliarden und noch mehr die Rede.

Dafür wird Athen, auch wenn es keinen EU-Sparkommissar mit Durchgriffsrecht auf das Budget geben wird, strenger an die Kandare genommen. Das hat die deutsche Kanzlerin Merkel in Brüssel klargemacht. „Für Griechenland hat sich die Notwendigkeit einer solchen Überwachung ergeben“, sagte Merkel. Es gebe eine „gewisse Frustration“ über die Entwicklung in Griechenland. Die Frage sei, ob etwas „verbessert werden kann“. Denn, ein „dauerhaftes Monitoring“ zusammen mit griechischen Experten sei eigentlich schon im Oktober des Vorjahres beschlossen worden.

Eurogruppenchef Jean-Claude Juncker, der Athen aufforderte nun endlich Nägel mit Köpfen zu machen, ist zuversichtlich, dass noch ein gutes Ergebnis erzielt werden könne. „Wenn ich nicht zuversichtlich wäre, hätten Sie schon vor Monaten über meinen Selbstmord berichten können“, sagte Juncker am Dienstag im Deutschlandfunk.

Breuss: "Eurozone redimensionieren"

Weniger zuversichtlich ist WIFO-Euro-Experte Fritz Breuss im KURIER-Gespräch. Der Fachmann spricht sich für eine „Redimensionierung der Währungsunion“ aus. Den Euro sollten nur noch Deutschland, Österreich, die Benelux-Staaten, Frankreich und eventuell Finnland behalten. Griechenland müsse zur Drachme zurückkehren, dramatisch abwerten und so seine Wettbewerbsfähigkeit wieder erlangen. Breuss: „Mit dem Euro ist für Griechenland kein Wachstumsimpuls möglich.“

( Kurier ) Erstellt am 31.01.2012