Wirtschaft
05.03.2012

Euro-Kritiker für Parallelwährungen

Sie sprechen von "toter Währung" und "Enteignung": Mit der Krise als Rückenwind ziehen vier deutsche Professoren seit Jahren gegen den Euro ins Feld.

Die europäische Währungsunion ist gescheitert und je früher sich die politische Klasse das eingesteht, desto stärker können die unweigerlich entstehenden wirtschaftlichen Schäden begrenzt werden, meint der deutsche Euro-Kritiker Wilhelm Hankel. "Das Ende kommt mit oder ohne Bundestagsbeschluss - die Wahl, vor der wir stehen ist, ob es chaotisch oder einigermaßen geordnet stattfindet."

Zur Bewältigung der Übergangsphase schlägt Hankel neuerdings vor, den Euro zunächst als Parallelwährung zu den wiedergeborenen nationalen Währungen beizubehalten. "Das kann ein Wechselkurssystem wie das EWS oder eine Umlaufwährung sein", sagte Hankel jüngst der APA. Erfahrungen in Ex-Jugoslawien hätten gezeigt, dass Parallelwährungen erfolgreich sein könnten.

Klage beim deutschen VfGH

Hankel (83), der das Euro-Projekt von allem Anfang an scharf kritisiert hatte, hat zusammen mit vier weiteren Professoren mehrere Beschwerden beim deutschen Verfassungsgerichtshof in Karlsruhe eingebracht. Das Gericht hat 2010 zwar einen Eilantrag gegen eine Griechenlandhilfe abgelehnt, verhandelt die Klage an sich aber weiter. Hankel und sein Mitstreiter Karl Albrecht Schachtschneider sehen darin einen "Teilerfolg", denn das Gericht habe klargemacht, dass der Bundestag über jede neue Eurohilfe gesondert abstimmen und dass das ganze Plenum befasst werden müsse.

"Eine Währung, in der nicht mehr gespart wird, ist eine tote Währung", sagte Hankel. Kleine und große Kapitaleigner ergriffen derzeit nicht nur in Südeuropa die Flucht, sondern auch in Deutschland und Österreich, dort "in Immobilien, Gold und anderes, was nach Sachgütern aussieht".

 

"Griechen und Portugiesen de facto bankrott"

Nach Angaben des britischen Asset-Managementhauses Henderson sind allein in den vergangenen sechs Monaten die Sichteinlagen in Griechenland um knapp 13 Prozent, jene in Irland und Portugal um etwa neun und die in Italien um acht Prozent gefallen.

Die südeuropäischen Länder hätten keine andere Wahl als den Euro zu verlassen, sagte Hankel. "Griechenland, Portugal und andere sind de facto bankrott, sie können den Bankrott aber nicht erklären, weil sie in der Währungsunion sind." Nur mit einer eigenständigen Währung/Zentralbank könnten sie echte Umschuldungsverhandlungen führen "und Kreditfähigkeit und Wettbewerbsfähigkeit zurückgewinnen".

Geldschwemme

Die aktuelle Flutung der Finanzmärkte mit Notenbankgeld/-kredit sei eine "Enteignung" und bedeute in letzter Konsequenz "die Zerstörung unserer zivilisatorischen Grundlagen".

Nach dem Parallelwährungsvorschlag des früheren SPD-Mitglieds soll der Markt das Austauschverhältnis zwischen den neuen nationalen Währungen und dem Euro bestimmen. Das erlaube den überschuldeten Ländern einen wirtschaftlichen Neuanfang über eine Abwertung

Die deutsche Exportwirtschaft müsste werde zwar wieder lernen, mit einer starken D-Mark zu leben, dafür werde der Staat seine 2000 Mrd. Euro Schulden leichter zurückzahlen können. Das werde (geplantermaßen) mit dem gegenwärtigen Bundestag zwar nicht passieren, sagte Hankel, "aber vielleicht gibt es nach den nächsten Wahlen ein Parlament, das es nicht mehr zulässt, dass Deutschland permanent den Retter für bankrotte andere Staaten spielen muss".

Streitbarer Ökonom

WILHELM HANKEL Der Finanzfachmann und Ökonomieprofessor meldet sich immer wieder zur Währungspolitik zu Wort. Er begann seine Laufbahn 1952 bei der Bank Deutscher Länder, dem Vorgänger der Bundesbank, und arbeitete später bei der Kreditanstalt für Wiederaufbau. 1968 berief ihn Wirtschaftsminister Karl Schiller ( SPD) in sein Ministerium, wo er eine Reform des deutschen Kreditwesens vorantrieb. 1972 wurde Hankel Präsident der Hessischen Landesbank, die er ein Jahr später wegen einer Schieflage verlassen musste. Er hat in Frankfurt, Bologna, Dresden und in Harvard gelehrt.