Energieexperten glauben nicht, dass Gazprom den Hahn zudreht. Gas ist daher nicht teurer geworden.

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Energiepolitik
04/15/2014

Gas aus Russland ist ersetzbar

Keine Angst vor einem Lieferstopp. Allerdings würden die Preise kräftig steigen.

von Andreas Anzenberger

Die Drohung des russischen Präsidenten Wladimir Putin, Europa den Gashahn zuzudrehen, ist kein Grund für Panik. Ein Lieferengpass wegen der Krise in der Ukraine wäre kurzfristig ohne Probleme zu verkraften. "Eine unmittelbare Bedrohung gibt es nicht", lautet das Resümee von Walter Boltz, Vorstand der Regulierungsbehörde E-Control. Es gebe auch keinerlei Anzeichen dafür, das Gazprom ihre Lieferungen einstellt. Zumal Russland zu den Exporten in die EU-Staaten derzeit keine Alternative hat.

Mehr Flüssiggas

Die Vorräte zur Versorgung des heimischen Marktes reichen bis in den Herbst. Dann müssten im Krisenfall die Lieferungen aus Russland vor allem durch Importe von Flüssiggas ersetzt werden. Gas wird für den Schiffs-Transport verflüssigt und dann wieder in den gasförmigen Zustand gebracht. Flüssiggas ist allerdings teurer. Die Preise würden um bis zu 25 Prozent steigen.

Da die meisten Gaspipelines in beide Richtungen benützt werden können, sind auch Gaslieferungen von Italien nach Österreich möglich. In Norditalien gibt es Terminals für Flüssiggas. Den Rest könnte Österreich über Deutschland beziehen.

Damit ganz Europa versorgt werden kann, müssten 20 bis 25 Milliarden Euro in die Pipeline-Infrastruktur investiert werden. Der Ausbau dauert seine Zeit. Ein Lieferstopp der Gazprom würde neben der Ukraine vor allem Bulgarien, Serbien und Moldawien hart treffen. Der deutsche Energiekonzern RWE hat mit Gaslieferungen an die Ukraine begonnen.

Mehr Lieferanten

Neben dem Ausbau der Infrastruktur empfiehlt Boltz "mehr Vielfalt beim Einkauf". Künftig könnte etwa Zypern ein neuer Gaslieferant werden. Derzeit bezieht Österreich rund 60 Prozent seines Gasverbrauchs von der Gazprom. EU-weit sind es 27 Prozent. Litauen, Lettland, Finnland und Estland importieren ihren gesamten Gasverbrauch aus Russland. Hingegen kommen Irland, Portugal, Schweden, Spanien und Kroatien ohne Lieferungen von der Gazprom aus.

Heimische Politiker wie etwa Außenminister Sebastian Kurz wollen die Gasimporte aus Russland durch erneuerbare Energien ersetzen. Doch das ist auch mittelfristig nicht möglich. Biogas ist zu teuer und nicht umweltfreundlich. Bis ganze Fabriken ihre Energie aus Fotovoltaik beziehen können, werde es wohl noch bis zum Jahr 2050 dauern, schätzt Boltz.

Er ist sich sicher, dass Polen und Großbritannien in den Schiefergas-Abbau einsteigen. Verglichen mit den USA ist die Schiefergas-Gewinnung in Europa teurer, weil die Vorräte tiefer liegen. Österreich sollte, so Boltz, zumindest klären, wie viel Schiefergas vorhanden ist.