© Kurier Gruber Franz

Wirtschaft
09/28/2012

Energieagentur: "Billiger Sprit ist eine Illusion"

Wegen der anhaltend hohen Ölpreise werde Sprit wohl nie wieder so günstig sein wie vor zehn Jahren, meint die IEA-Chefin.

von Markus Stingl

KURIER: Autofahrer in Österreich, Europa und auch den USA stöhnen ob der hohen Treibstoffpreise. Ist Sprit Ihrer Meinung nach tatsächlich zu teuer?
Maria van der Hoeven:
Wir konnten zuletzt starke Fluktuation bei den Treibstoffpreisen beobachten. Ich denke aber, es ist eine Illusion, dass wir wieder auf ein Niveau kommen wie vor, sagen wir, zehn Jahren. Die Treibstoffpreise sind verbunden mit den Preisentwicklungen bei Rohöl. Natürlich auch damit, was Raffineure und Produzenten unter einem ansprechenden Geschäft verstehen. Treibstoff ist aber auch deshalb teuer, weil er sehr hoch besteuert wird.

Wie könnte man die Spritpreise wieder drücken?
Das ist ein Thema von Fundamentaldaten am Öl-Markt, also Angebot und Nachfrage – und da kann die IEA nicht wirklich eingreifen.

Kommen wir zu den Ölpreisen – die sind ja zuletzt ein wenig gesunken ...
Oh nein, sie sind sehr deutlich gesunken! Auf 89 Dollar das Barrel im Juli. Im Mai kostete Brent noch 126 Dollar. Und jetzt notiert Öl bei 112 Dollar. Die Preise schwanken momentan sehr stark.

Für die USA offenbar zu stark: Sie spekulieren damit, ihre strategischen Ölreserven anzuzapfen. Mehr Rohöl am Markt, so die Überlegung in Washington, würde sinkende Preise bedeuten. Die Energieagentur berät und koordiniert ja eine etwaige Freigabe der Ölreserven. Wird es dazu kommen?
Hohe Preise alleine sind nicht ausreichend Grund, um die Ölreserven anzuzapfen. So ein Schritt wäre erst dann gerechtfertigt, wenn zu wenig Öl am Markt wäre. Das ist aber nicht der Fall. Was aber schon zu bemerken ist, ist, dass die Ölpreise nicht das hohe Angebot am Markt reflektieren.

Es gab bezüglich der Ölreserven also noch keine konkreten Gespräche mit US-Präsident Barack Obama?
Mit mir? Ich bin doch nur eine Geschäftsführerin einer Agentur (lacht) . Aber wir sind natürlich laufend in Kontakt mit unseren Mitgliedsländern.

Es gibt keine Preisschwelle, wo auch Sie sagen würden: "Jetzt fluten wir den Markt mit unseren Notreserven."
Wie gesagt, das ist keine Frage des Preises.

Wo liegt Ihrer Meinung nach derzeit der faire Preis für ein Fass Rohöl?
Nein, dazu kann und möchte ich nichts sagen.

Dann wechseln wir den Energieträger: In den USA sind die Gaspreise wegen der Schiefergas-Revolution äußerst stark gesunken. Kann es sich Europa wirklich leisten, bei der Schiefergasförderung so zurückhaltend zu sein? Niedrige Energiepreise bedeuten ja auch höhere Wettbewerbsfähigkeit.
Die USA forcieren unkonventionelles Gas einerseits, weil sie ihre Importabhängigkeit reduzieren wollen. Und andererseits stimuliert es die Wirtschaft. Viele Jobs wurden geschaffen.

Sind die ökologischen Bedenken bei der Schiefergas-Förderung übertrieben?
Die Unsicherheit in der Bevölkerung ist sehr ernst zu nehmen. Transparenz ist hier sehr wichtig. Man muss ihnen von Anfang an genau sagen, was man vorhat. Keine Überraschungen! In der IEA arbeiten wir derzeit an den sogenannten "Goldenen Regeln für Gas": Ein Gerüst an Regeln, das bei der Förderung von Schiefergas zur Anwendung kommen könnte. Natürlich obliegt es letztendlich jeder Regierung, ob sie unsere Leitlinien übernimmt und in Gesetze gießt.

Die Erdgaspreise in Europa sind empfindlich hoch, was auch ein Resultat der Ölpreis-Bindung ist. Die Gaspreise folgen den Ölpreisen im Abstand von drei bis sechs Monaten. Ist diese Preisbildungsformel nicht schon überholt?
Sie wird in vielen Weltregionen noch angewendet. In Asien beispielsweise dreht sich alles um Langzeitverträge. Dort sind die Gaspreise noch höher als in Europa. Es ist wichtig und richtig, so wie in Europa, kurzfristige Preiskomponenten, also Spotgas, in die Preisbildung mit einfließen zu lassen.

Zur Person: Maria van der Hoeven

Karriere Maria van der Hoeven (63) ist seit September 2011 Chefin der Internationalen Energieagentur. Zuvor arbeitete sie als Bildungs- und danach als Wirtschaftsministerin der Niederlande. Ihre Karriere begann sie als Lehrerin.
IEA Die Internationale Energieagentur in Paris wurde 1973 als Reaktion auf die

Ölkrise gegründet. Die 28 Mitgliedsstaaten (darunter auch Österreich) müssen Ölreserven vorhalten (insgesamt vier Milliarden Barrel), die bei einer drastischen Verknappung des Angebotes angezapft werden können.

"Österreich kann auf Schiefergas verzichten"

"Das Thema Schiefergas hat die OMV aufgegeben", versichert Konzern-Chef Gerhard Roiss gegenüber dem KURIER. "Alle Ressourcen diesbezüglich sind auf null gestellt. Es gibt in der nächsten Fünfjahresplanung keinen einzigen Posten zu Shale-Gas-Österreich." Einen Zusammenhang mit den herannahenden Wahlen stellte er in Abrede. "Unsere Politik ist nicht, den Schalter vor der Wahl umzulegen und nach der Wahl wieder retour."

Laut Roiss kann "Österreich es sich leisten, auf Schiefergas zu verzichten". Aber das werde teuer, denn man verzichte auf Einnahmen und Investitionen. Europa hingegen könne es sich nicht leisten. "Die EU-Eigenproduktion von konventionellem Gas wird massiv zurückgehen, die Abhängigkeit von Importen entsprechend weiter steigen." Darüber hinaus sei leistbare Energie vor allem für die energieintensive Industrie ein entscheidender Standortfaktor. Europa drohe im Wettbewerb mit den USA, wo seit Jahren auf günstiges Schiefergas gesetzt wird, immer stärker zurückzufallen.

Auch beim Klimaschutz könne Gas, als sauberste fossile Energie, punkten. Roiss: "Europa gibt gerne vor, Vorreiter in Sachen Umweltschutz zu sein. Aber Faktum ist, dass in den USA Kohlekraftwerke reduziert werden und Gaskraftwerke voll fahren." In Europa sei das Gegenteil der Fall. Würde man die Kohlekraftwerke in Europa durch Gas ersetzen, würden die -Emissionen um 18 Prozent sinken.

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